G7 zapft Ölreserven an: Entlastung für Dieselpreise bleibt unsicher
Hohe Spritpreise, knappe Raffineriekapazitäten und ein politischer Streit, der weit über Tankstellen hinausreicht: Die G7-Staaten haben beschlossen, insgesamt 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl aus strategischen Reserven freizugeben. Die Maßnahme soll sofort beginnen und vier Monate dauern. Ein erheblicher Teil der Dieselmenge soll bereits innerhalb der ersten 20 Tage auf den Markt kommen.
Die Entscheidung fiel unter Druck der USA. Donald Trump hatte europäische Partner aufgefordert, Dieselreserven freizugeben, und für den Fall einer Weigerung sogar einen US-Exportstopp angekündigt. Rund die Hälfte der Dieselimporte der EU stammt aus den Vereinigten Staaten – entsprechend nervös reagierten die europäischen Regierungen.
Trump zieht die Drohung zurück
Wenige Stunden nach dem G7-Beschluss distanzierte sich Trump von seinen Ankündigungen. Ein weltweiter US-Diesel-Exportstopp habe „nie wirklich auf dem Tisch“ gestanden, erklärte er; verhängen werde er ihn nicht. Zugleich betonte der US-Präsident die guten Beziehungen der USA zu Europa. Damit widersprach er früheren Aussagen, wonach die USA ihre Dieselverkäufe ins Ausland aussetzen könnten, um das Angebot im Inland zu erhöhen und die Spritpreise zu senken.
Zuvor hatte Trump am 22. September einen solchen Schritt befürwortet und am Donnerstag gesagt, die USA würden ihn weiterhin prüfen. Nach der Einigung lobte er die europäischen G7-Staaten und bezeichnete deren Maßnahmen als „wirklich großartige Sache“. Auf seiner Online-Plattform schrieb er, Europa habe zugestimmt, große Mengen seiner Dieselreserven freizugeben; der Prozess beginne sofort.
Zur G7 gehören Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, die USA und Kanada. Die US-Regierung erhofft sich von der Reservefreigabe eine dämpfende Wirkung auf die Treibstoffpreise – etwa einen Monat vor den Kongresswahlen. Für Trump und die Republikaner sind die hohen Spritpreise politisch heikel: In den USA gelten sie für viele Menschen als Belastung, und ungefähr einen Monat vor den Zwischenwahlen im November liegt die Republikanische Partei in Umfragen deutlich zurück.
Besonders beim Diesel bleibt die Versorgung wegen beschädigter Raffinerien und weiterer Ausfälle angespannt. Die Lage an der Straße von Hormus verschärft das Problem zusätzlich. Nicht nur Ölexporte sind eingeschränkt; auch wichtige Raffinerien sind vom Weltmarkt abgeschnitten.
Grüne sprechen von „politischer Dummheit“
Die Grünen kritisieren die Freigabe scharf. Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner nannte sie einen „Fehler“ und „politische Dummheit“. Die Reserven seien für echte Notfälle vorgesehen – nicht für US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf.
Kellner forderte eine grundlegende Neuausrichtung der deutschen Energiepolitik: weniger Ölabhängigkeit, mehr elektrischer Verkehr, saubere Wärme und eine stärkere Nutzung heimischer Energie. Jedes nicht benötigte Barrel Öl mache Deutschland weniger erpressbar, sagte er.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erklärte dagegen, die Maßnahme gefährde die Energieversorgung nicht. Es bleibe ausreichend Diesel in den Reserven, um die laufende Versorgung zu sichern. Für Autofahrer bleibt allerdings eine entscheidende Frage offen: Wie hoch ist der Dieselanteil der freigegebenen Bestände? Die G7-Mitteilung enthält dazu keine Angaben.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) verteidigte die beschlossene Steuerentlastung für Kraftstoffe grundsätzlich, kritisierte aber ihre Umsetzung. Mineralölkonzerne und Tankstellen müssten die Entlastung vollständig an die Bevölkerung weitergeben. Eine Bereicherung der Mineralölkonzerne an den Entlastungsmaßnahmen für Pendler und Unternehmen wäre ein „Skandal“, warnte Wüst. Ein solches Verhalten belaste Familien finanziell und beschädige das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft.
Ein Pflaster für die Zapfsäule
Ob die Entlastung tatsächlich ankommt, wird zunehmend bezweifelt. Die Spritpreise blieben zunächst hoch, auch wenn die Vergleichs-App „Tankerkönig“ in Deutschland einen leichten Rückgang meldete: Super E10 kostete am Samstag mehr als zwei Cent weniger als am Vortag, rund 2,10 Euro pro Liter. Diesel verbilligte sich um etwa vier Cent auf rund 2,21 Euro pro Liter.
Deutlich gesunken waren die Preise bereits im Zusammenhang mit der Einführung des Tankrabatts ab dem 1. Oktober. Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft erwartete von der Reservefreigabe höchstens eine kurzfristige Entlastung. Sie verglich die Maßnahme mit einem Pflaster: Es könne vorübergehend helfen, ändere aber nichts an den grundlegenden Problemen. Einige Ökonomen rechnen ebenfalls nur mit einem kurzen Preiseffekt.
Für die Raffinerien kommt die internationale Lage zur Unzeit. Wegen der Störungen an der Straße von Hormus fehlen nicht nur Lieferungen, sondern auch Verarbeitungskapazitäten. Wenn an der Zapfsäule der Dieselpreis steigt, steckt dahinter also nicht zwangsläufig allein der Rohölpreis. Manchmal fehlt schlicht das fertige Produkt.
Die Reserven müssen wieder aufgefüllt werden
Die aktuelle Freigabe wird die Staaten voraussichtlich noch Jahre beschäftigen. Regierungen weltweit dürften bis 2028 Millionen Barrel Öl kaufen, um ihre strategischen Reserven wieder aufzufüllen. Diese Bestände waren freigegeben worden, um Angebotsengpässe infolge des Kriegs der USA und Israels gegen den Iran auszugleichen.
Die zusätzlichen Käufe könnten einen Teil des erwarteten weltweiten Überangebots auffangen, das durch eine geplante Ausweitung der Opec+-Förderung entstehen soll. Laut dem Analysehaus Kpler könnte das Auffüllen der Bestände die Ölnachfrage bis zum dritten Quartal 2027 um bis zu 664.000 Barrel pro Tag erhöhen. Ein stärkerer Ölpreisverfall könnte dadurch verhindert werden. Energy-Aspects-Experte Christopher Haines erwartet für 2027 eine höhere Preisuntergrenze.
Die USA dürften ihre Reserven als erstes Land wieder auffüllen. Im Rahmen von Tauschvereinbarungen sollen Unternehmen geliehenes Öl einschließlich eines Aufschlags zurückgeben. Energieminister Chris Wright zufolge soll die Regierung im Durchschnitt 1,28 Barrel je freigegebenem Barrel zurückerhalten. Die Rücklieferungen sollen die US-Reserven wieder auf mehr als 400 Millionen Barrel erhöhen; zusätzlich prüft Washington eine Ausweitung auf mehr als 500 Millionen Barrel.
In der Woche bis zum 3. Juli sanken die US-Reserven um 6,2 Millionen auf 319,5 Millionen Barrel. Nach Angaben des US-Energieministeriums war das der niedrigste Stand seit April 1983.
Asien baut Lager aus
Auch mehrere asiatische Länder reagieren auf ihre starke Abhängigkeit von Lieferungen aus der Golfregion. China baut elf neue strategische Öllager, Indien will seine Kapazitäten mehr als verdoppeln. Sinkende Ölpreise könnten China laut Analysten zu zusätzlichen Käufen veranlassen. Die Philippinen errichten mit japanischer Unterstützung ein nationales Reservesystem.
Die Internationale Energieagentur koordinierte während der Krise die Freigabe von 400 Millionen Barrel – die bislang größte koordinierte Freigabe. Auslöser waren Störungen des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus, die die Rohölpreise stark steigen ließen. Brent-Öl kletterte Ende April auf mehr als 126 US-Dollar je Barrel. In diesem Jahr wurden schätzungsweise 1,5 Milliarden Barrel aus weltweiten Ölbeständen entnommen. Das klingt nach einer Zahl aus einem dicken Rechenbuch; an der Tankstelle spürt man sie trotzdem, Cent für Cent.
