Für Haushalte wird der kommende Winter zur Rechenaufgabe: Gas- und Strompreise dürften in der Heizperiode 2026/27 deutlich über dem Vorjahresniveau liegen. Am 2. Oktober 2026 zeigt sich zwar kein Bild einer unmittelbar drohenden Gasknappheit – beim Blick auf die Rechnung kann einem trotzdem warm werden.

„Niemand wird frieren, aber Gas wird teurer“, sagt Verivox-Chef Daniel Puschmann. Der anhaltende Iran-Krieg treibt den Gasmarkt, gleichzeitig beginnt die Heizperiode. Beim Strom liegt der deutschlandweite Preis für Neukunden laut Verivox derzeit bei knapp 31 Cent je Kilowattstunde – rund 20 Prozent mehr als Anfang März. Auch beim Gas erwartet das Vergleichsportal deutliche Aufschläge.

Weniger Gas im Speicher, mehr Druck auf die Preise

Anfang September waren Deutschlands Gasspeicher zu 53,4 Prozent gefüllt. Das war der niedrigste Stand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Zum Vergleich: Am 1. September des Vorjahres waren es 71 Prozent, im August 2024 sogar 95 Prozent.

Gas war auch im Sommer teuer. Betreiber füllten die Speicher deshalb weniger stark als in normalen Jahren. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche griff inzwischen ein, der Speicherstand liegt laut dem zugrunde liegenden Bericht dennoch deutlich unter dem für diese Jahreszeit üblichen Niveau. Händler und Versorger haben zwar 83 Prozent der Speicherkapazität gebucht. Nach einer neuen INES-Berechnung sind bis zum 1. November physisch aber nur noch etwa 77 Prozent erreichbar.

Gesetzlich vorgeschrieben sind zum 1. November grundsätzlich 80 Prozent je Speicheranlage. Für sechs Anlagen, darunter Rehden, gilt eine abgesenkte Vorgabe von 45 Prozent. Zum 1. Februar 2027 müssen die Speicher grundsätzlich zu 30 Prozent gefüllt sein; für vier bayerische Speicher gelten 40 Prozent.

Das Tempo macht Sorgen: Um 77 Prozent bis zum 1. November zu erreichen, müsste in zwei Monaten mehr Gas eingespeichert werden als in den vergangenen drei Monaten zusammen. Am 1. April lag der Füllstand bei 22 Prozent, am 1. Juli bei 41 Prozent – im Vorjahr waren es zu diesem Zeitpunkt 51 Prozent. Im Juni wurden täglich 0,7 Terawattstunden eingespeichert, im Juli und August jeweils nur 0,4 Terawattstunden.

Nach Einschätzung der Bundesnetzagentur reichen die vorhandenen Gasreserven aus. Verivox erwartet keine neue Mangellage. Das Problem sei nicht grundsätzlich fehlendes Gas, sondern der fehlende wirtschaftliche Anreiz, es jetzt einzulagern, erklärt INES: Wer derzeit Gas für den Winter einkauft und speichert, verliert rechnerisch 3,14 Euro je Megawattstunde.

Der Winter-Spread ist 2026 ins Negative gerutscht

Normalerweise ist Gas für den Winter teurer als im Sommer. Händler kaufen dann in den warmen Monaten ein, speichern es ein und verkaufen es später. 2026 ist dieser Sommer-Winter-Spread infolge des Preisanstiegs negativ. Am niederländischen Handelspunkt TTF kostete Gas zur Lieferung im Folgemonat am 7. September rund 74 Euro je Megawattstunde. Vor dem Ende Februar 2026 begonnenen Iran-Krieg waren es weniger als 32 Euro, im Januar 28 bis 30 Euro.

Norwegen liefert weiterhin stabil. 2025 flossen 114,9 Milliarden Kubikmeter norwegisches Gas nach Europa, davon 58 Milliarden nach Deutschland. Für 2026 erwartet der norwegische Netzbetreiber Gassco erneut 110 bis 120 Milliarden Kubikmeter. Deutschlands Gasimporte stammten 2025 zu 44 Prozent aus Norwegen, zu 24 Prozent aus den Niederlanden und zu 21 Prozent aus Belgien. Flüssiggas, kurz LNG, machte 10,3 Prozent der deutschen Gasimporte aus.

Ganz leer stehen Europas LNG-Terminals allerdings nicht. Zwischen September 2025 und August 2026 waren sie im Durchschnitt zu weniger als der Hälfte ausgelastet: 4,3 Terawattstunden wurden pro Tag angeliefert, die Kapazität lag bei 9,4 Terawattstunden. Ungenutzte Möglichkeiten gab es vor allem in Spanien, Großbritannien und Frankreich.

Die Versorgung bleibt trotzdem verwundbar. Die Straße von Hormus ist seit Ende Februar für Handelsschiffe faktisch weitgehend gesperrt. Katar verlängerte seine Force-Majeure-Erklärung für LNG-Lieferungen mindestens bis November 2026. Ein Angriff auf die katarische Anlage Ras Laffan am 18. März legte 17 Prozent ihrer Kapazität lahm; diese Einschränkung kann bis zu fünf Jahre dauern. Die USA liefern rund 60 Prozent des europäischen LNG, während europäische und asiatische Käufer um freie Ladungen konkurrieren.

Was ein kalter Winter bedeuten würde

Auch europaweit liegen die Speicherstände unter dem üblichen Niveau. Am 5. September waren die EU-Speicher zu 66,6 Prozent gefüllt, das Fünfjahresmittel für diesen Zeitpunkt liegt bei etwa 88 Prozent. Ende August erreichte Italien 80,9 Prozent, Frankreich 65,7 Prozent und Österreich 64,7 Prozent.

Deutschlands Gasverbrauch stieg 2025 nach mehreren rückläufigen Jahren um 6,9 Prozent auf 910 Terawattstunden. INES hat für den Winter 2026/27 verschiedene Szenarien durchgerechnet. Bei einem normalen Winter nach dem Wetterjahr 2016 würden 77 Prozent zum 1. November ausreichen. Deutschland wäre laut Modell vollständig versorgt und läge am 1. April 2027 noch bei etwa 38 Prozent.

In einem warmen Winter blieben die Speicher über der gesetzlichen 30-Prozent-Marke. Anders sähe es bei einem kalten Winter nach dem Wetterjahr 2010 aus: Dann reichten 77 Prozent nicht. Im Januar und Februar könnten monatlich bis zu 2 Terawattstunden fehlen, an einzelnen Tagen bis zu 1,5 Terawattstunden. An manchen Januartagen könnte die Unterdeckung mehr als 25 Prozent betragen. Im kalten Referenzszenario wird schon die Befüllung auf 77 Prozent bis zum 1. November verfehlt.

INES hält dieses Szenario für weniger wahrscheinlich. Ganz vom Tisch ist es nicht, denn Februar und März 2018 waren kälter als das Referenzszenario. Eine einfache Vergleichsrechnung macht die knappe Kante sichtbar: Im Winter 2025/26 sank der Speicherstand vom 1. November bis Ende Januar von 76 auf 37 Prozent. Bei einem Start mit 77 Prozent wären bei gleichem Verlauf Ende Januar etwa 38 Prozent verblieben. Bei rund 70 Prozent, entsprechend dem aktuellen Einspeichertempo, wären es etwa 31 Prozent – nahe an der gesetzlichen 30-Prozent-Marke.

Die saisonalen Wetterprognosen deuten für Dezember bis Februar eher auf einen milden Winter in Deutschland hin. Der Deutsche Wetterdienst erwartet eher einen niederschlagsreichen Winter. Beide Prognosen sind im Spätsommer noch mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Ein starker El Niño kann das Kälterisiko im Januar und Februar 2027 durch eine mögliche Störung des Polarwirbels erhöhen. Der Deutsche Wetterdienst betont allerdings, dass sich daraus allein kein kalter europäischer Winter ableiten lässt.

Politik, Reserve und die Rechnung im Einfamilienhaus

Bislang haben nur wenige Gasversorger bundesweit Preiserhöhungen angekündigt. Verivox rechnet damit, dass weitere Anbieter spätestens zum Jahreswechsel nachziehen. Wegen der hohen Einkaufspreise seien Aufschläge von bis zu 20 Prozent möglich.

Für eine Familie im Einfamilienhaus bedeutete das laut Puschmann durchschnittlich rund 2.400 Euro Gaskosten pro Jahr – etwa 400 Euro mehr als vor dem Iran-Krieg. Je nach Gastarif können die Erhöhungen noch höher ausfallen. Beim Strom zahlt eine vierköpfige Familie in der Grundversorgung derzeit im Schnitt 1.594 Euro jährlich. Ein Wechsel zu einem günstigeren Anbieter könnte laut Puschmann etwa 360 Euro sparen. Ein Tarif mit Preisgarantie kann zudem vor weiteren erwarteten Preiserhöhungen schützen.

Katherina Reiche hat bislang weder eine Einspeicherung angeordnet noch den angekündigten Zeitplan eingehalten. Der Referentenentwurf für eine strategische Gasreserve blieb Ende Juli aus, die für den 12. August geplante Kabinettsbefassung fand nicht statt. Die geplante Reserve von 24 Terawattstunden kommt frühestens 2027 und damit zu spät für den Winter 2026/27.

Ein vom Wirtschaftsministerium beauftragtes Gutachten von Frontier Economics sieht bislang kein strukturelles Marktversagen, das weitere staatliche Eingriffe rechtfertige. Die Bundesnetzagentur bezeichnet die Versorgungslage weiterhin als stabil und das Risiko einer