Wärme und Kälte machen laut Umweltbundesamt gut die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauchs aus. Strom kommt dagegen auf etwa 20 Prozent. Das passt nicht recht zum Bild eines Landes, das bei erneuerbarer Elektrizität schon weit vorn liegt: Knapp 60 Prozent der Stromversorgung stammen inzwischen aus erneuerbaren Energien. Bei Heiz- und Prozesswärme waren es 2025 hingegen lediglich 19 Prozent, den größten Anteil hatte Brennholz.

Seit den 1990er-Jahren steigt der Anteil erneuerbarer Energien am Wärmebedarf nur langsam. Deutschland hängt damit weiterhin zu rund 80 Prozent an fossilen Brennstoffen. Genau in diese Lücke stößt ein finnisches Projekt, das in Helsinki ziemlich nüchtern klingt und trotzdem ordentlich Sprengstoff birgt: Fernwärme aus einem kleinen modularen Reaktor – ohne Stromproduktion, nur für die Wärme.

Unter der Erde, nahe dem Parlament

Der Energieversorger Helen baut im Stadtteil Salmisaari eine Testanlage für nuklear betriebene Fernwärme. Der Standort liegt weniger als zwei Kilometer vom finnischen Parlamentsgebäude entfernt. Helsinki hat rund 700.000 Einwohner, fast 90 Prozent der Gebäude sind an das Fernwärmenetz angeschlossen. Für Helen sind das gute Voraussetzungen, Wärme großflächig und ohne Verbrennung bereitzustellen.

Der Bau begann im Februar 2026. Finnlands Klima- und Umweltministerin Sari Multala bezeichnete das Vorhaben als Beitrag zum Ziel des Landes, führend bei sauberer Energie zu werden. Die Europäische Investitionsbank unterstützt das Projekt mit 40 Millionen Euro – ihre erste Finanzierung eines kleinen modularen Reaktors, kurz SMR.

Entwickelt wurde der Reaktor „LDR-50“ vom staatlichen finnischen Forschungszentrum VTT, vermarktet wird er von Steady Energy. Er erzeugt ausschließlich Wärme, keinen Strom. Turbinen und Generatoren fallen weg; der Reaktor soll deshalb bei niedrigen Temperaturen und Drücken arbeiten und die Wärme verlustarm in ein Fernwärmenetz einspeisen. Der Reaktordruck liegt bei etwa acht Bar. Die Anlage soll ungefähr die Größe eines Containers haben und 50 Megawatt Wärme liefern.

Steady Energy rechnet mit Wärmekosten von rund 50 Euro je Megawattstunde. Das entspräche etwa der Hälfte bis einem Drittel der durchschnittlichen deutschen Fernwärmepreise. Der Reaktor wird unterirdisch gebaut, die Brennelemente sollen alle zwei bis drei Jahre ausgetauscht werden. Finnland verfügt nach Angaben des Artikels als erstes Land über ein Endlager für die verwendeten Brennelemente.

Erst einmal ohne Nuklearteil

Die Pilotanlage entsteht in Originalgröße in der unterirdischen Turbinenhalle des stillgelegten Kohlekraftwerks Salmisaari-B nahe dem Zentrum Helsinkis. Zunächst wird dort allerdings kein Reaktor eingebaut. Statt eines Reaktorkerns simuliert ein elektrischer Widerstand die Nachwärme eines echten Reaktors. Die entstehende Wärme soll in das Fernwärmenetz eingespeist werden.

Der ungewöhnliche Zwischenschritt hat einen klaren Zweck: Die Tests sollen zeigen, ob die Sicherheitsvorrichtungen wie vorgesehen funktionieren. Gleichzeitig will Steady Energy künftige Lieferketten, den industriellen Einsatz und die Abläufe unter realen Bedingungen vorbereiten. Das Unternehmen erwartet dadurch eine deutliche Verringerung von Terminrisiken. Die Inbetriebnahme der nicht-nuklearen Pilotanlage ist für Frühjahr 2027 vorgesehen. Business Finland unterstützt den Bau mit einem Darlehen von 10,5 Millionen Euro, rund 9,7 Millionen Schweizer Franken.

Die Installation der Brennstäbe ist erst für eine spätere Bauphase vorgesehen. Der eigentliche Bau der kommerziellen nuklearen Anlage soll 2028 oder 2029 beginnen; der Betriebsstart ist für Anfang der 2030er-Jahre geplant. Nach den Angaben aus Finnland soll der Bau der kommerziellen Anlage innerhalb von drei Jahren beginnen.

Interesse gibt es bereits in mehreren Städten. Kuopio, Kerava und Jyväskylä haben Absichtserklärungen zur Installation eines LDR-50 unterzeichnet; auch Helsinki prüft den Einsatz eines solchen Fernwärme-SMR. Hinzu kommt eine Kooperation mit Korea District Heating, dem größten Fernwärmeversorger in Seoul mit 1,9 Millionen angeschlossenen Haushalten. Steady Energy hat außerdem eine Vertretung in Schweden eingerichtet, Polen zeigt Interesse.

Die Atomaufsichtsbehörden Finnlands, Schwedens, Polens, Tschechiens und der Ukraine unterzogen das Konzept freiwillig einer gemeinsamen Prüfung. Laut Artikel wurden dabei keine nuklearen Sicherheitsbedenken festgestellt, die eine weitere Entwicklung ausschließen würden.

Was im Reaktor passiert – und was nicht

Der estnische SMR-Entwickler Fermi Energia bewertet das finnische System als sicher. Der LDR-50 verfügt laut Fermi über ein passives Wärmeabfuhrsystem. Es arbeitet ohne Pumpen und externe Stromversorgung durch Naturkonvektion. Wegen des niedrigen Drucks sollen mögliche Leckagen innerhalb der Reaktorhalle bleiben.

Fermi Deutsche Industriekraft, ein Tochterunternehmen, will mit deutschen Kommunen über den Einsatz des Reaktors sprechen. Das deutsche Atomgesetz beendet ausdrücklich die Nutzung der Kernenergie zur gewerblichen Stromerzeugung. Eine ausdrückliche Regelung zur nuklearen Wärmeerzeugung enthält es nicht.

CDU/CSU-Energiepolitiker Andreas Lenz fordert deshalb eine technologieoffene und sachliche Prüfung nuklearer Wärmeerzeugung. Er verweist auf den hohen Anteil des Wärmesektors am Gesamtenergiebedarf. Vor einem Einsatz müssten aus seiner Sicht allerdings die rechtlichen und praktischen Fragen zur Entsorgung abgebrannter Brennelemente geklärt werden.

SPD-Energiepolitikerin Nina Scheer interpretiert das Atomgesetz weitergehend und verweist auf den Schutz vor ionisierender Strahlung. Sie hält Kernenergie unabhängig vom Verwendungszweck für eine Hochrisikotechnologie und lehnt nukleare Wärmegewinnung ab. Scheer verweist auf erneuerbare Alternativen zur Wärmeversorgung.

Frankreich setzt ebenfalls auf Fernwärme-Reaktoren

In Frankreich entwickelt die Groupe Gorgé gemeinsam mit Calogena Reaktoren für nukleare Fernwärme. Ein Modell mit 30 Megawatt Leistung soll ebenfalls Anfang der 2030er-Jahre einsatzbereit sein. Calogena verweist auf eine EU-finanzierte Studie, nach der der Anteil der Fernwärme in der EU bis 2050 von 13 auf mehr als 45 Prozent steigen könnte.

Nach Angaben des Unternehmens könnten diese Netze nicht vollständig mit Biomethan, Holz oder Abfällen versorgt werden. Für reine Wärmeerzeugung sei deshalb eine vergleichsweise einfache Nukleartechnologie ausreichend. Calogena verwendet nach eigenen Angaben verkürzte Versionen handelsüblicher Brennstäbe. Ein Reaktor soll während seiner gesamten Betriebszeit weniger als 80 Milliliter radioaktiven Abfall erzeugen. Der verbrauchte Brennstoff könne laut Calogena in bestehende Entsorgungs- und Wiederaufbereitungsstrukturen integriert werden.

Ganz ohne Haken sind aber auch die erneuerbaren Alternativen nicht. Wärmepumpen kosten im Durchschnitt rund 36.000 Euro pro Einbau, benötigen häufig staatliche Förderung und könnten regional Stromnetze belasten. Solarstrom steht ausgerechnet im Winter, wenn Wärmepumpen besonders oft laufen, nur begrenzt zur Verfügung. Biogas wiederum soll stärker zur Dekarbonisierung von Heizungen beitragen, wird aber ebenso von Kraftwerksbetreibern und der chemischen Industrie benötigt.

Brüssel plant die ersten SMR Anfang der 2030er

Die Europäische Kommission hat am 10. März 2026 eine Strategie zur beschleunigten Entwicklung und Einführung kleiner modularer Reaktoren (SMR) und fortgeschrittener modularer Reaktoren (AMR) in Europa vorgelegt: COM/2026/117. Die Technologien könnten nach Einschätzung der Kommission zur Klimaneutralität der EU, zur Energieversorgungssicherheit und zur industriellen Wettbewerbsfähigkeit beitragen.

SMR und AMR sind kleiner und leistungsärmer als herkömmliche Großreaktoren. Ihre modularen Komponenten können in Fabriken gefertigt und anschließend zur Betriebsstätte transportiert oder dort endmontiert werden. In Verbindung mit erneuerbaren Energien könnten sie Fernwärme, industrielle Prozesswärme, Energie für die chemische Industrie, Wasserstoff und eine stabile Stromversorgung für energieintensive Nutzer wie Rechenzentren liefern.

Nach dem Nuklearen Illustrativprogramm der Kommission, PINC (COM/2026/120), könnte die SMR-Kapazität in der EU bis 2050 zwischen 17 und 53 Gigawatt erreichen. Die Strategie sieht vor, die ersten europäischen SMR-Projekte Anfang der 2030er-Jahre umzusetzen. EU-L