Schleswig-Holstein und Hamburg könnten den deutschen Strommarkt verlassen und gemeinsam mit Westdänemark eine eigene Strompreiszone bilden. Die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein verspricht sich davon günstigere und stabilere Strompreise. Ihr Konzept „Nordic Twin Sea Zone“ wurde EU-Vertretern in Brüssel vorgestellt. Energiewendeminister Tobias Goldschmidt (Grüne) und Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) verfolgten die Präsentation.

Hinter dem Vorschlag steckt ein handfestes Problem: Der deutsche Strommarkt ist wegen des verzögerten Netzausbaus aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn im Norden viel Windstrom produziert wird, fällt der deutschlandweite Börsenstrompreis teilweise fast auf null. Die Nachfrage steigt dann zwar, doch die Leitungen schaffen es nicht, die Energie ausreichend in den Süden zu bringen. Dort müssen Gas- und Kohlekraftwerke einspringen. Die Mehrkosten in Milliardenhöhe tragen Verbraucher und Steuerzahler.

Nordic Twin Sea Zone bis 2030 möglich

Eine Analyse des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft, kurz Fraunhofer IEE, hält die technische Umsetzung bereits bis 2030 für möglich. Die Kurzstudie im Auftrag der EKSH untersucht die gemeinsame Strompreiszone für Schleswig-Holstein, Hamburg und Dänemark-West. Simuliert wurde ein Strommarktszenario für 2030 – mit Blick auf Strompreise, die Marktwerte von Wind- und Photovoltaikstrom, Abregelungen sowie die Wirtschaftlichkeit von Elektrolyseuren.

In europäischen Strompreiszonen schwanken die gehandelten Energiemengen zwar viertelstündlich, innerhalb einer Zone gilt aber jeweils ein einheitlicher Preis. Die NTSZ würde eine zweite Zone für das übrige Deutschland ergänzen, die in der Studie als DE2 bezeichnet wird. Ohne zusätzliche Elektrolysekapazitäten würden die Strompreise in der Nordregion sinken. Gleichzeitig gingen dort die Marktwerte von Wind- und PV-Anlagen zurück – immerhin entstünden dadurch wirtschaftliche Anreize für neue flexible Verbraucher vor Ort.

Ein zusätzlicher Elektrolyseausbau von rund drei Gigawatt könnte laut Simulation deutlich weniger Abregelungen erneuerbarer Energien bringen. Außerdem gäbe es rund ein Drittel weniger negative Strompreise und um mehrere zehn Prozent höhere Marktwerte für Wind- und PV-Strom. Mit wachsender Elektrolysekapazität würden sich Preise und Marktwerte zwischen der NTSZ und dem übrigen Deutschland stärker angleichen.

Elektrolyseure können dann auf Preissignale reagieren und vor allem in günstigen Stunden laufen. Eine kostenoptimierte Betriebsweise mit einer Strombezugspreisgrenze von 60 Euro je Megawattstunde verringert den Einsatz in teuren Zeiten und hilft, den Markt zu stabilisieren. Unter dem RED-III-Kriterium von 90 Prozent erneuerbarer Energie könnten die Anlagen in der NTSZ wettbewerbsfähig betrieben werden und hohe Volllaststunden erreichen. Grüner Wasserstoff ließe sich so zu planbaren Kosten produzieren – für den deutschen und den europäischen Wasserstoffmarkt.

Leitungen sind vorhanden, Zuschnitt noch offen

Das Stromnetz zwischen Deutschland und Dänemark ist nach Angaben des Berichts bereits gut ausgebaut. Entlang der A7 verläuft eine leistungsstarke Hochspannungsleitung. Die neue Westküstenleitung ist laut dem Netzbetreiber Energinet inzwischen an das dänische Netz angebunden. Das klingt nach einem guten Start, allerdings könnte eine Grenze quer durch Deutschland den technischen Aufwand erhöhen.

Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern wären im IHK-Modell nicht dabei. Die schleswig-holsteinische Landesregierung befürwortet eine Teilung der Strompreiszone grundsätzlich, der genaue Zuschnitt ist aber noch offen. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) nannte den Vorschlag einen wichtigen Impuls. Im Norden werde viel erneuerbarer Strom erzeugt, aber noch nicht ausreichend vor Ort genutzt und wirtschaftlich verwertet. Grenzüberschreitende Lösungen zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein hält Günther für sinnvoll.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Ulrike Täck forderte, EU-Kommission und Dänemark sollten den Vorschlag prüfen. Dänemark und Schleswig-Holstein könnten von der Kooperation profitieren. Auch FDP, SPD und SSW in Schleswig-Holstein unterstützen eine Aufteilung des deutschen Strommarkts. FDP-Fraktionschef Christopher Vogt verwies auf regionalisierte Netzentgelte bei gleichzeitig bundesweiter Strompreiszone. Der SPD-Abgeordnete Marc Timmer sieht in einer gemeinsamen Stromzone mit Westdänemark einen möglichen sinnvollen Ansatz.

SSW-Bundestagsabgeordneter Stefan Seidler erklärte, EU-Energiekommissar Dan Jørgensen habe das Konzept als vielversprechend bewertet. Seidler verwies außerdem auf Pläne der EU-Kommission für eine stärkere Regionalisierung des Strommarkts und verlangte eine offene Debatte über die deutsche Einheitszone. Hamburgs Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) sieht in dem Vorschlag Chancen und Lösungsmöglichkeiten für aktuelle Probleme des Energiesystems.

Wasserstoff, Netze und neue Verbraucher

Das IHK-Konzept soll ein EU-Kriterium erfüllen: mindestens 90 Prozent erneuerbare Energie. Damit könnte der Norden unter vereinfachten EU-Regeln grünen Wasserstoff produzieren. Elektrolyseure würden gezielt dann betrieben, wenn besonders viel Windstrom anfällt. Weniger Windräder müssten abgeschaltet werden – ein ziemlich praktischer Hebel, wenn draußen der Wind pfeift und gleichzeitig Leitungen an ihre Grenzen kommen.

Die Verbindung von erneuerbarer Stromerzeugung und Wasserstoffnachfrage in einer Region kann laut Fraunhofer IEE die Systemstabilität erhöhen, Redispatch-Maßnahmen reduzieren, Importabhängigkeiten von Energieträgern verringern und regionale Wertschöpfungsketten stärken. Die Studie betrachtet unterschiedliche Strompreiszonenzuschnitte als Möglichkeit, Netzengpässe, Preisvolatilität und die Integration neuer Technologien effizienter zu bewältigen. Die NTSZ verbindet dabei erneuerbare Erzeugung, flexible Nachfrage und Marktmechanismen über nationale Grenzen hinweg.

Niedersachsens Energieminister Christian Meyer (Grüne) begrüßt den schleswig-holsteinischen Vorstoß. Sein Land erfülle die 90-Prozent-Vorgabe für grünen Wasserstoff bereits: Der Bruttostromanteil aus erneuerbaren Energien lag dort drei Jahre in Folge zwischen 99,5 und 102,6 Prozent. Niedersachsen baut insbesondere die Windenergie weiter aus. Eine Reaktion der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns liegt noch nicht vor.

Berlin setzt auf den Aktionsplan

Norddeutsche Länder fordern seit Jahren eine Aufteilung der deutschen Strompreiszone, um stärker vom Ausbau erneuerbarer Energien zu profitieren. Süddeutsche Länder befürchten dagegen Wettbewerbsnachteile. CDU und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, an der einheitlichen deutschen Strompreiszone festzuhalten. Die EU könnte Deutschland jedoch zu einer Aufteilung verpflichten.

Die Bundesregierung will das mit dem „Aktionsplan Gebotszone“ verhindern. Vorgesehen sind ein schnellerer und besser ausgelasteter Netzausbau, zusätzliche Stromspeicher und Anreize, Strom in Zeiten hoher Erzeugung zu verbrauchen. Die EU prüft derzeit, ob diese Maßnahmen ausreichen, um eine Teilung der bestehenden deutschen Strompreiszone zu vermeiden.

Strompreiszonen teilen ein Land in Regionen mit jeweils eigenem Börsenstrompreis. Dieser Preis entspricht nicht direkt dem Endkundenpreis. Schweden nutzt seit 2011 vier geografische Strompreiszonen; Ziel ist dort, regionale Unterschiede zwischen Stromangebot und -nachfrage besser auszugleichen.

Für Deutschland prüft die EU ein ähnliches Modell. Im Norden erzeugen die vielen Windkraftanlagen häufig mehr günstigen Strom, als verbraucht wird. Im Süden ist der Bedarf höher, während ausreichende Stromtrassen fehlen. Bei starkem Wind können die Netze überlastet sein; Windstrom gelangt dann nicht vollständig nach Süden, und Gaskraftwerke werden hochgefahren. Das verursacht hohe Kosten und kann den Strompreis bundesweit erhöhen.

Befürworter erwarten von mehreren Strompreiszonen eine effizientere Nutzung von Wind- und Solarenergie, eine Entlastung der Netze und weniger notwendigen Stromtransport. Möglich wären auch niedrigere Netzausbaukosten sowie Investitionsanreize für Unternehmen, die sich dort ansiedeln, wo Strom günstiger ist. In Norddeutschland könnten die Börsenstrompreise sinken, weil dort oft mehr Strom erzeugt als verbraucht wird. Agora Energiewende erwartet deshalb niedrigere Strompreise für viele Verbraucher im Norden und eine gleichmäßigere Auslastung des Übertragungsnetzes.

Ganz ausgemacht ist die Sache aber nicht. Wirtschaftsverbände warnen vor höheren Stromkosten für die Industrie, besonders im Süden. Widerstand kommt aus Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Befürchtet werden eine wirtschaftliche Schwächung süd