IWF hebt Deutschlands Wachstum an – doch der Aufschwung bleibt ein staatliches Strohfeuer
Die deutsche Wirtschaft bekommt vom Internationalen Währungsfonds (IWF) einen kräftigen Schubs nach oben – zumindest auf dem Papier. Für 2026 erwartet der IWF nun ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent. Im Juli waren es noch 0,7 Prozent gewesen. Das entspricht einer Anhebung um 0,6 Prozentpunkte.
Auch für 2027 fällt der Ausblick etwas freundlicher aus: Statt 1,0 Prozent rechnet der IWF jetzt mit 1,1 Prozent Wachstum. Damit liegen die Prognosen auf Linie mit der Herbstprognose der Bundesregierung vom 8. Oktober, die ebenfalls 1,3 Prozent für 2026 und 1,1 Prozent für 2027 vorsieht. Das Bundeswirtschaftsministerium führt den optimistischeren Ausblick auf die überraschende Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zurück.
Staat gibt den Takt vor
Ganz von allein kommt die Aufhellung allerdings nicht. Ifo-Präsident Clemens Fuest bezeichnet die deutsche Konjunktur trotz hoher Energiepreise als robust, warnt aber vor einem möglichen konjunkturellen „Strohfeuer“. Das derzeitige Wachstum werde vor allem von schuldenfinanzierten Staatsausgaben getragen: von Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, aber auch von Sozialleistungen und anderen konsumtiven Ausgaben.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche erklärte, etwa zwei Drittel der konjunkturellen Aufhellung gingen auf staatliche Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung zurück, ein Drittel auf Exporte. Das Bundeswirtschaftsministerium nennt außerdem Exporte und öffentlichen Konsum als wichtige Stützen der bisherigen Erholung.
Im Außenhandel halfen zeitweise weltweite Lieferengpässe. Unternehmen stockten wegen des Konflikts in der Golfregion ihre Lagerbestände auf. Gefragt waren unter anderem energieintensive Güter wie Stahl, Dünger und Aluminium. Deutsche Zulieferer profitierten zudem vom Boom der Künstlichen Intelligenz.
Für Fuest ist das als dauerhafte Grundlage zu wackelig. Schuldenfinanzierte Ausgaben könnten langfristig kein Wachstumsfundament sein. Steigende Schulden könnten später Steuererhöhungen auslösen und dadurch private Investoren vertreiben. Für dauerhaft höheres Wachstum fordert der Ifo-Präsident Reformen bei Renten und Pensionen, im Gesundheitssystem, am Arbeitsmarkt und im Innovationssystem.
Inflation trifft nicht alle gleich
DIW-Präsident Marcel Fratzscher beurteilt die IWF-Prognose ebenfalls vorsichtig. Er sieht darin eine vorübergehende Erholung, keine Trendwende. Eine Entlastung bei Energiepreisen, Lebenshaltungskosten oder auf dem Arbeitsmarkt sei derzeit nicht erkennbar.
Das Statistische Bundesamt meldete für September eine Inflationsrate von 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Damit lag die Teuerung erstmals seit Dezember 2023 wieder über drei Prozent; laut Artikel war es die stärkste Verteuerung seit fast drei Jahren.
Bei den Energiepreisen ging es kräftig nach oben – insgesamt um fast 15 Prozent. Kraftstoffe verteuerten sich um 37,1 Prozent, leichtes Heizöl um knapp 75 Prozent. Brennholz, Holzpellets und andere feste Brennstoffe kosteten 15,6 Prozent mehr.
Gleichzeitig wurden einzelne Energieträger günstiger: Strom sank um 5,5 Prozent, Erdgas ohne Betriebskosten um 2,8 Prozent und Fernwärme um 1,0 Prozent. An der Tankstelle oder beim Heizöllieferanten dürfte diese Entspannung trotzdem kaum jemand als solche empfunden haben.
Fratzscher warnt vor einer sozial unausgewogenen Inflation. Hohe Energie- und Lebensmittelpreise treffen Menschen mit niedrigen Einkommen besonders stark. Die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine könnten die Energiepreise hoch halten oder weiter erhöhen. Dazu kommt die Sorge, dass die Industrie in vielen Bereichen weiter schrumpft und dadurch qualifizierte Arbeitsplätze verloren gehen.
Die Alterung der Gesellschaft verschärft das Problem. Wenn Millionen Beschäftigte in den Ruhestand gehen, kann das deutsche Wirtschaftspotenzial in den kommenden Jahren sinken. Gerade für Betriebe, die ohnehin nach Fachkräften suchen, ist das keine Kleinigkeit.
Weltwirtschaft bleibt erstaunlich stabil
Für die Weltwirtschaft ist der IWF etwas zuversichtlicher geworden. Die Prognose für 2026 steigt von 3,0 auf 3,1 Prozent Wachstum. Für 2027 bleiben 3,4 Prozent stehen. Die Weltwirtschaft erwies sich bislang als widerstandsfähiger, als angesichts der Folgen des Nahostkonflikts erwartet worden war.
Laut IWF hat die höhere Ölförderung außerhalb des Persischen Golfs den jüngsten Preisschock abgefedert, ebenso die Nutzung strategischer Reserven und die geringere Nachfrage in China. Zusätzliche Förderkapazitäten außerhalb der Golfregion, strategische Energiereserven und veränderte internationale Lieferströme konnten die Folgen teilweise ausgleichen. Künftige Energiekrisen könnten deshalb weniger stark ausfallen.
Industrieländer hätten sich trotz gestiegener Energiepreise seit Beginn des Iran-Kriegs als widerstandsfähig erwiesen. Gleichzeitig steigen die Investitionen in Künstliche Intelligenz und die dafür benötigte Infrastruktur in mehreren Ländern. Der IWF beschreibt den weltwirtschaftlichen Ausblick dennoch als „zweigeteilt“: Der Iran-Krieg und der KI-Boom haben zu einer „fragmentierten“ Weltwirtschaft beigetragen.
Investitionen in Rechenzentren, Halbleiter und digitale Infrastruktur erzeugen zusätzliche Nachfrage. Davon profitieren vor allem die USA und mehrere asiatische Volkswirtschaften mit starker Elektronikindustrie. Wirtschaftlich schwächere Länder, die stark von Energieimporten abhängen und kaum am Technologieboom beteiligt sind, geraten dagegen stärker unter Druck.
Der IWF warnt zudem vor überhöhten Erwartungen an die wirtschaftlichen Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz. Bleiben die erhofften Produktivitätsgewinne aus, könnten Investitionen zurückgehen und die Finanzmärkte belastet werden. Die globale Inflationsrate wird für 2026 auf 4,7 Prozent geschätzt, für 2027 auf 4,1 Prozent. Besonders die gestiegenen Ölpreise erschweren eine nachhaltige Entspannung der Verbraucherpreise.
Hohe Schuldenstände und gestiegene Finanzierungskosten begrenzen die finanziellen Spielräume vieler Staaten. Der IWF empfiehlt deshalb, Preisstabilität zu sichern und die öffentlichen Haushalte langfristig widerstandsfähiger aufzustellen. Als zentrale Unsicherheiten bleiben Energiepreise, geopolitische Entwicklungen und die tatsächlichen Produktivitätsfortschritte durch neue Technologien.
Europa zwischen Erholung und Gegenwind
Für die Eurozone hebt der IWF seine Wachstumsprognose für 2026 von 0,9 auf 1,1 Prozent an. 2027 sollen es weiterhin 1,2 Prozent sein. Nach einer Stagnation im ersten Quartal nahm das Wachstum im zweiten Quartal zu. Gründe waren vor allem eine starke Erholung in Irland und die anhaltende Dynamik in Spanien.
Innerhalb der Eurozone läuft die Entwicklung allerdings auseinander. Deutschland, Italien und Spanien erhalten bessere Aussichten, während die Prognose für Frankreich gesenkt wird. Für 2026 erwartet der IWF in Spanien 2,5 Prozent Wachstum, in Italien 0,8 Prozent und in Frankreich 0,4 Prozent. Hohe Energiepreise und eine vergleichsweise schwache Nachfrage bremsen Teile Europas weiterhin.
Die USA halten 2026 ihre Prognose von 2,3 Prozent. Für 2027 wird sie von 2,2 auf 2,3 Prozent angehoben. Private Konsumausgaben und Investitionen in neue Technologien stützen die US-Wirtschaft, vor allem der Ausbau von Rechenzentren und weiterer KI-Infrastruktur.
China verliert dagegen weiter an Dynamik. Der IWF senkt die Prognose für 2026 von 4,6 auf 4,5 Prozent und für 2027 von 4,1 auf 4,0 Prozent. Das Land bleibt eine wichtige Wachstumskraft, doch gestiegene Energiekosten, eine schwache Binnennachfrage und anhaltende Probleme am Immobilienmarkt lasten auf der Entwicklung.
Für Deutschland bedeutet das: Mehr öffentliche Investitionen können den Bau, die Industrie und Zulieferer zunächst anschieben. Ob daraus mehr wird als ein kurzes Strohfeuer, hängt an Reformen, Energiepreisen, der Nachfrage aus dem Ausland und daran, ob aus dem KI-Boom tatsächlich dauerhaft höhere Produktivität entsteht. Die Baupreise hören dabei ziemlich genau hin – und reagieren meist schneller als die Politik.
