Kartoffelernte 2026: Erst Schlamm, dann Dürre – Deutschlands Knollen in der Klimafalle
Auf den Feldern wird in diesem Herbst sichtbar, was das Wetter monatelang angerichtet hat: Die Kartoffelernte in Deutschland dürfte 2026 voraussichtlich um 25,2 Prozent kleiner ausfallen als im Vorjahr. Erwartet werden 10,4 Millionen Tonnen, nachdem 2025 noch 13,9 Millionen Tonnen geerntet wurden. Kartoffeln wachsen mehrere Monate unter der Erde. Hitze, Nässe und Schädlingsbefall bleiben lange unsichtbar – erst bei der Ernte im Herbst zeigt sich das ganze Ausmaß.
Das Bundesagrarministerium veröffentlichte am Montag eine vorläufige Bilanz für Deutschland. Der Rückgang beträgt demnach fast ein Viertel und fällt ähnlich groß aus wie die zuvor gemeldeten Verluste bei der Getreideernte. Agrarminister Alois Rainer (CSU) hatte Anfang September angesichts der Getreidebilanz eine „Krise von nationaler Tragweite“ ausgerufen. Nun stellt sich dieselbe Frage bei den Erdäpfeln: Wie ernst ist die Lage tatsächlich?
Später Start, heißer Sommer
Im Frühjahr verhinderten starke Niederschläge einen frühen Saisonbeginn. Danach drehte das Wetter ins andere Extrem: ein trockener, heißer Sommer. In Deutschland wurden durchschnittlich an 22 Tagen Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius gemessen. Der EU-Klimadienst Copernicus stufte den Sommer als klimatisch extrem ein.
Der Kartoffelertrag je Hektar sank um 15 Prozent auf 38 Tonnen. Verglichen mit dem Durchschnitt der vergangenen Jahre lag er damit 11 Prozent niedriger. Gleichzeitig schrumpfte die Anbaufläche um 11 Prozent auf 268.300 Hektar. Auch die Ernten von Mais und Raps gingen zurück. Bis Jahresende sind laut Landwirtschaftsministerium noch leichte Abweichungen von der Prognose möglich.
Für Kartoffeln ist die Kombination aus nassen und trockenen Phasen besonders mühsam. Sie stellen ihr Wachstum ab etwa 25 Grad ein. Ausgetrocknete Böden verhärten, Erntemaschinen lösen die Knollen dann schwerer und beschädigen sie leichter. In nassen Jahren wiederum macht schwerer Marschboden das Befahren der Flächen und die Ernte schwierig. Beides hintereinander – erst Schlamm, dann harte Kruste – ist für die Betriebe eine ziemlich bittere Mischung.
Preise steigen bei den Erzeugern
Bei frühen festkochenden Speisekartoffeln liegen die Erzeugerpreise derzeit bei etwa 35 bis knapp 40 Euro je 100 Kilogramm. Das sind 10 bis 15 Euro mehr als vor einem Jahr. Im Supermarkt muss das aber nicht sofort durchschlagen: Das Bundeslandwirtschaftsministerium erwartet bislang keine deutliche kurzfristige Verteuerung für Verbraucher. Mittelfristig dürfte das Preisniveau für Kartoffeln stabil bleiben.
Damit die Betriebe durch die schwierige Phase kommen, haben das Landwirtschaftsministerium und die Landwirtschaftliche Rentenbank ein Liquiditätsprogramm über 500 Millionen Euro aufgelegt. Es soll den landwirtschaftlichen Betrieben ermöglichen, 2027 handlungsfähig zu bleiben und die nächste Ernte sicherzustellen. Der Bundeslandwirtschaftsminister bezeichnete die Lage als „massive Krise von nationaler Tragweite“.
Was Hitze mit den Knollen macht
Auch im Bio-Kartoffelanbau zeigt sich, wie eng Ertrag und Wetter zusammenhängen. Bio-Kartoffeln können zwar auch bei Trockenheit keimen, weil ihre Knollen Wasser speichern. Für das weitere Wachstum brauchen sie aber ausreichend Feuchtigkeit. Im trockenen Jahr 2018 wurden lediglich 12 bis 13 Tonnen pro Hektar erreicht – ungefähr halb so viel wie üblich.
Wochenlange Trockenheit und Dauerregen setzen dem Anbau gleichermaßen zu. Wegen des Klimawandels wird zudem zunehmend früher geerntet, meist Mitte August statt im September. Eine spätere Ernte ist wegen des zunehmenden Drahtwurmbefalls problematisch. Das Wetter lässt den Landwirten also nicht nur weniger Wasser, sondern auch weniger Spielraum beim richtigen Zeitpunkt.
Noch gibt es keine Kartoffelsorten, die Hitze und Trockenheit ausreichend tolerieren. Neue Sorten zu züchten dauert etwa 15 bis 20 Jahre. Hitze- und Trockenheitstoleranz sollen deshalb künftig wichtige Zuchtziele werden – bis dahin bleibt auf den Feldern viel Handarbeit, banges Warten und der Blick in den Himmel.
