Tankrabatt kaum spürbar: Deutschlands Autofahrer warten auf den Preisdeckel 2027
Seit dem 1. Oktober 2026 soll der Tankrabatt die hohen Spritpreise abfedern. Laut ADAC sank der durchschnittliche Preis am ersten Tag um 15 Cent je Liter. An der Zapfsäule fühlt sich das für viele Autofahrer trotzdem eher nach einem kleinen Ruck als nach einer spürbaren Entlastung an. Drei Viertel der Deutschen vermissen laut einem am 2. Oktober veröffentlichten SWR-Beitrag die angekündigte finanzielle Hilfe.
Die Energiesteuer auf Benzin und Diesel wurde vom 1. Oktober bis Ende 2026 um 14 Cent je Liter gesenkt. Weil dadurch auch weniger Umsatzsteuer anfällt, ergibt sich eine Entlastung von knapp 17 Cent je Liter. Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen sollen insgesamt um rund 2,5 Milliarden Euro entlastet werden. Die Länder beteiligen sich mit 1,25 Milliarden Euro über einen Umsatzsteuerfestbetrag.
Rabatt an der Zapfsäule, Zweifel im Portemonnaie
Sebastian Roloff, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, nennt die Maßnahmen der Bundesregierung „Tropfen auf heiße Steine“. 17 Cent je Liter klingen auf dem Papier ordentlich, werden aber von vielen Autofahrern nicht deutlich wahrgenommen. Dazu kommt die Frage, wie lange Mineralölkonzerne die Vergünstigung tatsächlich weitergeben.
Frühere Analysen des Bundeskartellamts und der Monopolkommission deuteten bereits auf eine nur teilweise Weitergabe hin. Das Ifo-Institut stellte fest, dass die Entlastung bei Super E5 und E10 nahezu vollständig ankam. Bei Diesel wurden im Durchschnitt etwa 12 Cent je Liter weitergegeben, obwohl die Steuer um 16,7 Cent gesenkt worden war. Nach dem Ende des früheren Rabatts Ende Juni zogen die Preise wieder an.
Von der Steuersenkung profitieren grundsätzlich alle, die tanken. Wer größere Mengen braucht, merkt sie stärker – besonders Autofahrer mit hohem Verbrauch, Menschen mit langen Fahrstrecken und Speditionen. Der zweimonatige Tankrabatt im Frühsommer kostete den Bund rund 1,6 Milliarden Euro. Finanziert wird auch die neue Entlastung aus Steuermitteln; damit zahlen indirekt ebenso Menschen mit, die kein Auto, Motorrad oder Lastwagen nutzen.
Roloff kritisiert außerdem die Konzentration auf vier große Mineralölkonzerne. Dadurch seien die Benzinpreise in Deutschland trotz Steuerabzug besonders hoch. Auf die Rohölpreisentwicklung habe die Politik keinen direkten Einfluss, die Preise entstünden in der freien Marktwirtschaft. Reagieren könne die Bundesregierung nur nachträglich – etwa mit dem erneut verschärften Kartellrecht, das illegale Preisabsprachen verhindern soll.
Der Preisdeckel kommt – spätestens Anfang 2027
Die SPD setzte durch, dass ab dem 1. Januar 2027 ein Spritpreisdeckel nach europäischem Vorbild eingeführt werden soll. Bund und Länder hatten sich auf einen späteren staatlichen Höchstpreis verständigt; spätestens am 1. Januar 2027 soll er gelten, ein früherer Termin ist noch offen. Vorbilder gibt es in Luxemburg und Belgien.
Eine Behörde soll die maximal erlaubten Preise regelmäßig berechnen. Einfließen sollen unter anderem Ölpreise, Brennstoff-, Transport-, Lagerungs- und Versicherungskosten, Verluste sowie eine festgelegte Händlermarge. Ziel ist, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und missbräuchliche Preisaufschläge zu verhindern. Nach Einschätzung des ZDF-Artikels könnte der Preisdeckel vor allem über die Gewinnmargen der Mineralölkonzerne finanziert werden und die Allgemeinheit nicht direkt belasten.
Die Wirkung hängt allerdings an der noch nicht festgelegten Berechnungsmethode. Tankrabatt und Preisdeckel schaffen zudem keinen Anreiz zum Spritsparen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte den Preisdeckel zunächst abgelehnt, die SPD fordert ihn seit Längerem. FDP-Chef Wolfgang Kubicki bezeichnete ihn als „planwirtschaftliches Instrument“.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nannte die Entlastung angesichts angespannter Haushalte erheblich. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) erklärte, die Regierung wolle gegen hohe Aufschläge an Tankstellen vorgehen und Krisengewinne der Mineralölkonzerne an die Bevölkerung zurückgeben. An den Verhandlungen waren neben Merz Koordinatoren SPD- und CDU-geführter Länder beteiligt.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) sagte, die Preise würden kurzfristig gesenkt und durch den Preisdeckel weiter entlastet. Zugleich sprach er sich für eine Übergewinnsteuer aus, damit sich die Ölkonzerne an der Finanzierung beteiligen. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) betonte, dass die Steuersenkung auch mittelständische Unternehmen entlaste.
Gezielte Hilfe statt Gießkanne?
Wirtschaftsforscher, Umweltverbände und Oppositionspolitiker kritisieren den Tankrabatt als Maßnahme nach dem Gießkannenprinzip. Wirtschaftsweise Veronika Grimm lehnt eine Subventionierung von Verbrennern zulasten der jungen Generation ab und fordert strukturelle Reformen. Monika Schnitzer spricht sich für gezielte Direktzahlungen aus. Die Grünen nannten die Pläne „Wahnsinn“ und warnten vor zusätzlichen Profiten der Ölkonzerne.
Roloff verteidigt den Rabatt als Teil einer kurzfristigen Paketlösung der schwarz-roten Koalition. Eine gezielte Zahlung an Haushalte mit niedrigen Einkommen sei technisch nicht umgesetzt worden. Als Begründung hieß es, die Behörden hätten nur von rund 20 Prozent der Bevölkerung die IBAN. Roloff bezweifelt allerdings, dass die Beschaffung der Kontodaten ein großes Hindernis gewesen wäre, wenn die Bevölkerung gezielt zur Übermittlung ihrer IBAN aufgefordert worden wäre.
Für besonders betroffene Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen sollen weitere Maßnahmen geprüft werden. Dafür sollen die Voraussetzungen für einen einkommensbezogenen Direktauszahlungsmechanismus geschaffen werden. Anfang 2027 sollen gezielte Entlastungen für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen sowie für Unternehmen geprüft werden. Die Bundesregierung begrüßt außerdem EU-Gespräche über Maßnahmen gegenüber der Mineralölwirtschaft nach dem Vorbild des EU-Energiekrisenbeitrags von 2022. Dabei geht es ebenfalls um eine mögliche Übergewinnsteuer; Klingbeil unterstützt sie auch auf EU-Ebene.
Für einen Start des Tankrabatts zum 1. Oktober war ein beschleunigtes Gesetzgebungsverfahren nötig. Das Finanzministerium sollte den Koalitionsfraktionen eine Formulierungshilfe übermitteln, der Bundestag den Entwurf in der folgenden Woche beraten und nach Ausschussberatungen beschließen. Anschließend konnte der Bundesrat direkt zustimmen. Beim Preisdeckel besteht weniger Zeitdruck; der Bund will mit der Mineralölwirtschaft über die Festlegung der Höchstpreise sprechen.
Rekordpreise, Ölkrise und ein teures Deutschlandticket
Die Kraftstoffpreise erreichten infolge der Krise im Nahen Osten neue Rekordwerte. Diesel kostete laut ADAC am Donnerstag bundesweit durchschnittlich 2,471 Euro je Liter – rund zwei Cent mehr als am Vortag. Super E10 sank nach mehreren Rekordwerten leicht auf 2,308 Euro je Liter. Seit August hatte sich der Preisanstieg beschleunigt.
Als Ursache der stark gestiegenen Spritpreise wird der Iran-Krieg genannt. Die Straße von Hormus sei seit dem Angriff Israels und der USA auf Iran faktisch blockiert. Die Meerenge ist ein wichtiger Öltransportweg. Nach einer Offensive im Jemen kontrolliert die Huthi-Miliz laut ZDFheute außerdem die Meerenge Bab al-Mandab, einen weiteren wichtigen Seehandelsweg. Knappe Raffineriekapazitäten lassen Dieselpreise stärker auf Krisen reagieren als Benzinpreise; auch der Euro-Dollar-Wechselkurs wirkt sich aus.
Roloff hätte angesichts des hohen Ölpreises eine stärkere staatliche Bezuschussung des Deutschlandtickets bevorzugt. Der Preis soll zum 1. Januar 2027 von 63 auf 66,80 Euro steigen, wobei die Bundesregierung darüber noch nicht abschließend entschieden hat. Eine günstigere Fahrkarte allein reiche aber nicht aus: Vor allem im ländlichen Raum müsse das öffentliche Verkehrsangebot ausgebaut werden.
Der SWR-Beitrag vom 2. Oktober 2026 basiert auf einem Interview. Heute, am 3. Oktober 2026, bleibt an vielen Tankstellen vor allem der Blick auf die Anzeige hängen: Diesel, Benzin, die nächste Zahl – und dann doch wieder die kurze Rechnung im Kopf, bevor die Zapfpistole klickt.
