Der Ölmarkt steht unter Druck – und das spüren Verbraucher längst an der Zapfsäule. Wegen des Konflikts zwischen Iran und den USA sind die Preise seit Monaten stark gestiegen. In der Straße von Hormus werden Tanker beschossen, Medien berichten zudem von weiteren US-Kriegsschiffen auf dem Weg in die Region. Die Sorge vor Versorgungsengpässen treibt die Kurse nach oben.

Rohöl der Sorte Brent kostete seit Jahresbeginn mehr als 60 Prozent zusätzlich und überschritt zeitweise die Marke von 100 US-Dollar je Barrel, also je 159 Liter. Das wirkt auf die Inflation, auf Unternehmen – und irgendwann ziemlich direkt auf die Rechnung beim Tanken. Die G7 wollen gegensteuern. Deutschland setzt zusätzlich bis Jahresende auf den Tankrabatt.

Eine Tagesmenge für einen angespannten Markt

Die G7 beschlossen, unter Koordination der Internationalen Energieagentur (IEA) innerhalb von vier Monaten 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel freizugeben. Das entspricht ungefähr dem weltweiten täglichen Rohölbedarf, wie die IEA angibt. Die Botschaft an den Markt lautet: Es ist Öl vorhanden, eine unmittelbare Knappheit droht nicht.

Deutschland verkauft die freigegebenen Mengen aus seiner Ölreserve zu den aktuellen Marktpreisen. Die Reserven sind grundsätzlich dafür gedacht, eine Mangellage abzuwenden – nicht dafür, Benzin oder Diesel gezielt billiger zu machen. Genau deshalb dürfte der Effekt an der Tankstelle begrenzt bleiben.

Nach der Einigung gab der Markt zunächst nach. Brent-Rohöl zur Lieferung im Dezember fiel um mehr als drei Prozent auf 98,72 US-Dollar je Barrel. Das erwartete größere Angebot drückte weltweit auf die Preise. Laut der Vergleichs-App „Tankerkönig“ sanken die durchschnittlichen Spritpreise in Deutschland am Samstag leicht: Super E10 um etwas mehr als zwei Cent je Liter, Diesel um rund vier Cent.

Die Ökonomin Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft erwartet durch die Freigabe von Öl- und Dieselreserven höchstens eine kurzfristige Entlastung für Autofahrer. Sie verglich die Maßnahme mit dem Tankrabatt: Ein wenig Luft, aber die grundlegende Problematik bleibt bestehen.

Streit über Diesel und deutsche Reserven

Greenpeace sprach nach dem G7-Beschluss von Druck und Drohungen aus den USA. US-Präsident Donald Trump hatte angekündigt, einen Exportstopp für Diesel aus den USA zu prüfen. Das könnte zwar die Spritpreise in den USA senken, würde den internationalen Markt aber zusätzlich verunsichern. In der G7-Erklärung steht deshalb ausdrücklich, dass die Mitgliedstaaten keine vergleichbaren Exportbeschränkungen erlassen sollen.

Nach den Ländern des Nahen Ostens sind die USA Europas wichtigster Diesel-Lieferant. Europa und Deutschland haben allerdings hohe eigene Raffineriekapazitäten und beziehen nur etwa fünf bis sechs Prozent ihres Bedarfs aus den USA. Wegen des anhaltenden Iran-Kriegs waren die US-Liefermengen zuletzt gestiegen.

Das Bundeswirtschaftsministerium betonte, entscheidend seien koordinierte Lösungen; der Markt dürfe nicht verunsichert werden. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte, Ziel der Gespräche sei angesichts der angespannten Lage ein verlässliches gemeinsames Vorgehen.

Deutschland verfügt über strategische Ölreserven, um Versorgungsstörungen zu überbrücken. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums könnten sie einen vollständigen Ausfall aller Importe für drei Monate ausgleichen. Reiche erklärte, die geplante Freigabe gefährde die Energieversorgung nicht; es bleibe jederzeit ausreichend Reserve vorhanden. Die Bestände werden fortlaufend überwacht.

Gelagert werden Rohöl, Diesel, Ottokraftstoff, Heizöl und Flugturbinenkraftstoff. Zuständig ist der Erdölbevorratungsverband (EBV), der Rohöl und Mineralölprodukte wie Benzin, Diesel und Kerosin lagert. Die Vorräte an Erdölerzeugnissen sind über Deutschland verteilt. Der EBV beschafft die Mengen, finanziert wird das System durch Pflichtbeiträge der Mineralölwirtschaft. Freigegeben werden die Bestände per Rechtsverordnung des Bundeswirtschaftsministeriums.

Woher Deutschlands Öl kommt

Den überwiegenden Teil seines Rohöls bezieht Deutschland nicht aus dem Nahen Osten. 2025 stammten 6,1 Prozent der deutschen Rohölimporte aus der Region, unter anderem aus Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Die wichtigsten Lieferländer waren Norwegen mit 16,6 Prozent, die USA mit 16,4 Prozent und Libyen mit 13,8 Prozent. Außerdem liefern Kasachstan und Großbritannien Rohöl nach Deutschland.

Das klingt zunächst beruhigend, ist aber nur die halbe Geschichte. Denn der Weltmarkt hängt an Transportwegen, Raffinerien und Produkten, die sich nicht beliebig ersetzen lassen. Wenn irgendwo Diesel oder Kerosin fehlen, hilft es wenig, dass ein Tanker mit anderem Rohöl auf dem Papier unterwegs ist.

Die IEA berichtet, dass der Krieg im Nahen Osten den globalen Ölmarkt schwer belastet. Neben direkten Schäden an Energieinfrastruktur sind Tankertransporte durch die Straße von Hormus nahezu zum Erliegen gekommen. Dadurch sind derzeit fast 20 Millionen Barrel pro Tag an Rohöl- und Produktexporten unterbrochen. Ausweichrouten gibt es kaum, Produzenten und Verbraucher weltweit bekommen das zu spüren.

Hormus als Nadelöhr

Seit Beginn der Kämpfe am 28. Februar stiegen die Benchmark-Rohölpreise um 20 US-Dollar auf 92 US-Dollar je Barrel. Bei Ölprodukten fielen die Aufschläge teilweise noch größer aus. Weil nur wenige Schiffe Ladungen in Häfen aufnehmen können oder wollen und sich Inlandslager füllen, drosseln oder stoppen regionale Produzenten ihre Förderung.

Die aktuelle Rohölförderung wird schätzungsweise um mindestens 8 Millionen Barrel pro Tag gekürzt. Zusätzlich wurden 2 Millionen Barrel pro Tag an Kondensaten und Flüssiggasen (NGLs) stillgelegt. Besonders betroffen sind Irak, Katar, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien.

Mehrere Raffinerien und Gasverarbeitungsanlagen wurden nach Angriffen oder aus Sicherheitsgründen abgeschaltet. Exportorientierte Raffinerien müssen wegen voller Produkttanks ihre Verarbeitung reduzieren oder vollständig schließen. Mehr als 4 Millionen Barrel pro Tag an Raffineriekapazität sind gefährdet.

Die Golfstaaten exportierten 2025 rund 3,3 Millionen Barrel pro Tag raffinierte Produkte und 1,5 Millionen Barrel pro Tag Flüssiggas (LPG). Zusätzliche Raffineriekapazitäten in anderen Regionen könnten zwar einspringen, doch dafür fehlen teilweise die Rohstoffe. Einige Länder haben deshalb bereits Beschränkungen für Produktexporte eingeführt.

Als besonders gefährdet gelten bei einem länger anhaltenden Ausfall der Produktion und Exporte aus dem Nahen Osten die Diesel- und Kerosinmärkte. Andere Regionen können ihre Produktion nur begrenzt steigern. Gleichzeitig haben die Einstellung von Flügen an wichtigen Flughäfen im Nahen Osten und die Folgen für andere Luftverkehrsdrehkreuze die globale Nachfrage nach Kerosin deutlich gedrückt.

Auch in der Chemieindustrie wird es eng. Einbrechende LPG- und Naphtha-Lieferungen zwingen petrochemische Anlagen bereits, die Polymerproduktion zu drosseln. Damit verschärft sich der Ausfall petrochemischer Lieferungen aus den Golfstaaten. Die Nutzung von LPG zum Kochen und Heizen ist insbesondere in Indien und Ostafrika gefährdet.

Reserven helfen – aber nicht endlos

Höhere Ölpreise und der verschlechterte Wirtschaftsausblick schwächen zunehmend die Nachfrage nach Ölprodukten. Die Prognose für das globale Nachfragewachstum wurde für März und April im Durchschnitt um mehr als 1 Million Barrel pro Tag gesenkt. Für das Gesamtjahr 2026 reduzierte die IEA ihre Prognose um 210.000 Barrel pro Tag auf 640.000 Barrel pro Tag.

Verbraucherländer verfügen über beträchtliche Lagerbestände, mit denen sich vorübergehende Lieferausfälle überbrücken lassen. Die weltweit beobachteten Rohöl- und Produktbestände werden derzeit auf mehr als 8,2 Milliarden Barrel geschätzt – der höchste Stand seit Februar 2021. Etwa die Hälfte davon liegt in OECD-Ländern. Regierungen halten 1,25 Milliarden Barrel als Notfallreserven, weitere 600 Millionen Barrel liegen als Industrielagerbestände vor und unterliegen staatlichen Vorgaben.

Die Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur beschlossen am 11. März, beispiellose 400 Millionen Barrel aus ihren Notfallreserven für den Markt bereitzustellen. Je nach nationalen Gegebenheiten sollen die zusätzlichen Mengen durch Notfallentnahmen oder andere Maßnahmen verfügbar gemacht werden.

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