Ölpreis unter Druck: Die Straße von Hormus bleibt Deutschlands riskantes Nadelöhr
Die Ölpreise haben zum Wochenauftakt kräftig angezogen. Brent verteuerte sich zeitweise um mehr als 3 Prozent auf 107,51 US-Dollar je Barrel, West Texas Intermediate (WTI) stieg ähnlich stark auf 95,16 US-Dollar. Für Verbraucher kommt das zur Unzeit: Heizöl kostete laut Heizoel24, das die Preise von rund 500 Händlern erfasst, 169,01 Euro je 100 Liter.
Auslöser war vor allem die Ablehnung eines iranischen Abkommensvorschlags durch US-Präsident Donald Trump. Vertreter der USA und Irans hatten sich am Rand der UN-Generalversammlung in New York erstmals seit Monaten wieder zu Verhandlungen getroffen. Danach wurde ein iranischer Vorschlag zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus bekannt. Trump lehnte ihn am Samstag ab, rechnet aber mit weiteren Gesprächen. Iran wolle zwar ein Abkommen, aber nicht das von ihm angestrebte, sagte er; mit seinem jüngsten Vorschlag habe der Iran den Bogen überspannt.
Tankrabatt trifft auf hohe Spritpreise
Am Sonntag kostete Super E10 im Durchschnitt 2,291 Euro je Liter, Diesel 2,441 Euro. Beide Preise lagen damit nahe am jeweiligen Rekordniveau. Ab Donnerstag soll in Deutschland der Tankrabatt gelten. Rechnerisch könnten Benzin und Diesel jeweils um etwa 17 Cent je Liter billiger werden. Ausgehend von den Sonntagspreisen ergäben sich rund 2,121 Euro für Super E10 und 2,271 Euro für Diesel.
Eine Garantie gibt es allerdings nicht: Tankstellen sind nicht verpflichtet, die Steuersenkung vollständig weiterzugeben. Manuel Frondel vom RWI erwartet dennoch deutlich sinkende Preise und etwa 17 Cent Entlastung je Liter. Untersuchungen früherer Tankrabatte zeigen, dass die Entlastung anfangs vollständig bei den Autofahrern ankam. Im Laufe des Jahres 2022 nahm dieser Effekt jedoch ab.
Beim Tankrabatt 2022 sank der Dieselpreis zunächst um 14 Cent auf 1,94 Euro je Liter, Super E10 wurde um 30 Cent auf 1,88 Euro billiger. Lange hielt das nicht. Preise unter zwei Euro je Liter werden diesmal laut Frondel voraussichtlich nicht erreicht. Benzin und Diesel sind derzeit deutlich teurer als 2022, die Einigung zwischen den USA und Iran ist ausgeblieben, und die Vorräte an Diesel, Benzin und Kerosin liegen rund 20 Prozent unter dem Normalniveau.
Die Lage hat sich zwischenzeitlich dennoch etwas entspannt. Die Kraftstoffpreise in Deutschland näherten sich bereits dem Vorkriegsniveau: Diesel verbilligte sich binnen einer Woche um 9,1 Cent auf durchschnittlich 1,797 Euro je Liter. Super E10 kostete durchschnittlich 1,854 Euro je Liter, 5,2 Cent weniger. Beide Preise lagen auf dem niedrigsten Stand seit Anfang März. Der befristete Tankrabatt gilt noch bis Ende Juni.
Die Straße von Hormus bleibt ein Nadelöhr
Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg erklärt, dass eine Verschärfung der Spannungen zwischen Iran und den USA den Ölpreis regelmäßig nach oben treibt. Gleichzeitig rechnet er mit einer weiteren Entspannung am Ölmarkt. Die Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien war vorübergehend stillgelegt und nahm in der vergangenen Woche den Betrieb wieder auf. Die Nachfrage ist in den vergangenen Monaten eingebrochen, alternative Transportrouten stützen das Angebot – darunter die Ost-West-Pipeline und Schiffe mit abgeschalteten Ortungssystemen, sogenanntes „Dark Shipping“, in der Straße von Hormus. Außerdem wird die Ölförderung in anderen Regionen ausgeweitet.
Die USA meldeten zuletzt einen Förderrekord von 14 Millionen Barrel pro Tag. Schallenberger hält es für möglich, dass Angebot und Nachfrage im ersten Quartal des folgenden Jahres wieder annähernd ausgeglichen sind. Seine Prognose: Brent könnte bis Ende 2026 wieder bei etwa 80 US-Dollar je Barrel liegen.
Nach einer Vereinbarung zwischen den USA und Iran soll die Passage durch die Straße von Hormus wieder möglich sein. Iran soll innerhalb von 30 Tagen nach Unterzeichnung der Absichtserklärung möglicherweise verlegte Seeminen räumen. Das Rahmenabkommen gilt zunächst 60 Tage; in dieser Zeit soll eine endgültige Vereinbarung ausgehandelt werden. Eine mögliche iranische Maut für den internationalen Schiffsverkehr liefert allerdings neuen Konfliktstoff.
Vor Beginn des Iran-Kriegs liefen rund 20 Prozent des weltweiten Energiehandels durch die Meerenge. Mehrere große Reedereien haben inzwischen begonnen, wieder Schiffe hindurchzuschicken. Tanker der Grimaldi Group, von Cosco, Knutsen und NYK durchquerten die Straße. Auch zwei iranische, sanktionierte Rohöltanker liefen ein. Drei saudische Supertanker transportierten zusammen sechs Millionen Barrel Rohöl durch die Meerenge. Windward meldete sieben, Kpler vier Frachter auf der Durchfahrt.
Ganz normal ist der Betrieb aber nicht. Wegen möglicher Minen nutzen Tanker teilweise Nebenrouten. Der Schifffahrtsverband Bimco bewertet die Sicherheitslage weiterhin als instabil und die Durchfahrt als sehr riskant. Rund 500 Handelsschiffe warten laut dem internationalen Schifffahrtsverband im Persischen Golf auf die Weiterfahrt. Nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder sitzen dort noch 46 Schiffe deutscher Reedereien mit etwa 1.000 Seeleuten fest.
Minen, Versicherungen und lange Wartezeiten
Der Hauptgrund für das Zögern der Reeder sind vermutete Seeminen. Die USA und viele Experten gehen davon aus, dass Iran die Meerenge teilweise vermint hat. Europäische Staaten bereiten bereits Minenräumungsmaßnahmen vor. Versicherer dürften Schiffspassagen erst nach einer vollständigen Räumung zu besseren Konditionen versichern. Ohne bezahlbare Versicherung könnten viele Reeder die Route trotz der politischen Einigung meiden.
Wie schnell wieder mehr Schiffe fahren, hängt damit vor allem von der Dauer der Minenräumung ab. Kpler-Analystin Amena Bakr rechnet mit bis zu sechs Monaten. Von Reuters befragte Experten erwarten eher 40 bis 50 Tage. Bis dahin könnten nur wenige eskortierte Konvois eine schmale Fahrrinne nutzen – ein Nadelöhr im Nadelöhr.
Eine schnelle Rückkehr der Ölexporte auf das Vorkriegsniveau gilt als unwahrscheinlich. Capital Economics erwartet bis Ende September Energieflüsse von etwa 80 Prozent des Vorkriegsniveaus. Shell-Chef Wael Sawan hält eine vollständige Stabilisierung des Energiemarktes erst nach einem Jahr oder länger für möglich. Voraussetzung ist, dass der Frieden hält und auf die vorläufige Einigung ein umfassendes Abkommen folgt.
Zunächst müssen neben der Minenräumung die im Persischen Golf wartenden Schiffe passieren. Schiffe und Besatzungen aus anderen Regionen müssen umgeleitet werden. Schäden an Infrastruktur und Produktionsanlagen erschweren die Wiederaufnahme der Energieproduktion. Laut Halliburton kann selbst die Wiederinbetriebnahme unbeschädigter Anlagen nach monatelangem Stillstand schwierig und langwierig sein.
Öl wird billiger, Unsicherheit bleibt
Die Ölpreise fielen bereits, weil die Märkte erwartete künftige Lieferungen einpreisen. Brent kostete rund 77 Dollar je Barrel – den niedrigsten Stand seit Anfang März. Während des Krieges war Brent zeitweise auf über 120 Dollar gestiegen. Der damalige Höchststand lag dennoch deutlich unter dem Rekord von 147 Dollar aus dem Jahr 2008; inflationsbereinigt entspräche dieser heute etwa 227 Dollar.
Sinkende Energiepreise könnten die Inflation dämpfen, die Kaufkraft der Haushalte erhöhen und Unternehmen entlasten. Ökonom Sebastian Dullien hält ohne weitere Energiepreissprünge eine deutsche Jahresinflation von 2,5 Prozent für realistisch. Das ifo-Institut senkte wegen der Folgen des Iran-Kriegs seine Wachstumsprognose für Deutschland 2027: Erwartet werden 0,8 Prozent BIP-Wachstum, nach 1,2 Prozent in der früheren Prognose vom März.
Das geopolitische Risiko bleibt hoch. Die Verhandlungen zwischen den USA und Iran könnten scheitern, die vermuteten Minen liegen weiter im Raum, und auf See wartet eine Menge Stahl, Treibstoff und menschliche Geduld. Eine nachhaltige wirtschaftliche Entlastung Deutschlands ist daher noch nicht absehbar.
