Russischer Diesel-Deal ändert für deutsche Baustellen an der Zapfsäule kaum etwas
Für Deutschlands Autofahrer klingt die Nachricht zunächst nach Entlastung: US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin haben nach einem Gespräch Lieferungen von Hunderttausenden Tonnen Diesel aus Russland in die USA vereinbart. Der deutsche Wirtschaftsverband Fuels und Energie rechnet trotzdem nicht mit deutlich niedrigeren Preisen an den Tankstellen. Wer also beim Tanken auf den großen Aha-Moment wartet, dürfte erst einmal enttäuscht sein.
Der Kreml bestätigte die Vereinbarung. Die USA wollen dafür vorübergehend Sanktionen gegen russischen Diesel lockern. In Deutschland bleibt der entscheidende Punkt jedoch bestehen: Seit dem 5. Februar 2023 gilt in der Europäischen Union ein Importverbot für russischen Diesel. Daran soll sich nach Einschätzung des Verbands nichts ändern. Auch die vereinbarten Mengen seien zu gering, um den Weltmarkt oder die Preise spürbar zu bewegen.
Erste Mengen reichen nur für wenige Stunden
Trump kündigte an, zunächst „umgehend“ mehr als 300.000 Tonnen Diesel für die USA und den Weltmarkt bereitzustellen. Im Laufe des Novembers sollen weitere 500.000 Tonnen folgen, unmittelbar danach 1 Million Tonnen. Innerhalb kurzer Zeit könnten es bis zu 3 Millionen Tonnen werden – abhängig vom Zustand der russischen Raffinerien. Konkrete Zeiträume für diese späteren Lieferungen nannte Trump nicht.
Der Kreml erklärte, Russland sei bereit, Erdöl und Erdölprodukte auf den US-amerikanischen und internationalen Märkten anzubieten. Das solle der Weltwirtschaft zugutekommen. Ein Blick auf die Größenordnung bremst die Euphorie allerdings kräftig: Die zunächst zugesagten 300.000 Tonnen entsprechen etwa 2,25 Millionen Barrel Diesel. Die USA exportieren täglich rund 1,5 Millionen Barrel Diesel. Ihr täglicher Verbrauch von Diesel und anderen Destillat-Kraftstoffen liegt laut EIA bei etwa 3,77 Millionen Barrel beziehungsweise rund 500.000 Tonnen. Rechnerisch deckt die erste Liefermenge damit den US-Verbrauch für gut 14 Stunden.
Ölanalyst Rory Johnston bezeichnete die Menge im Verhältnis zum Markt als unbedeutend. Jim Mitchell von Wood Mackenzie sagte, die Lieferungen seien keine Lösung, sondern lediglich eine zusätzliche Quelle für einen angespannten Markt. An den US-Diesel-Terminkontrakten zeigte sich zunächst dennoch Bewegung: Sie fielen nach Bekanntwerden der Vereinbarung um knapp mehr als 5 Prozent auf 1,23 US-Dollar pro Liter.
Das Spritpreisportal Tankerkönig registrierte bis Samstagmittag in Deutschland keine größeren Preisbewegungen. Diesel und Superbenzin lagen sowohl vor als auch nach dem üblichen Preissprung zur Mittagszeit nahe den jeweiligen Freitagswerten. Für deutsche Autofahrer blieb die Zapfsäule damit vorerst so nüchtern wie immer – Geruch nach Kraftstoff inklusive.
Politische Kehrtwende sorgt für Ärger in Kiew
In den USA steht Trump wegen gestiegener Spritpreise unter Druck. In weniger als einem Monat finden wichtige Zwischenwahlen statt. Dabei hatte er erst im Vormonat ein Gesetz mit weitreichenden Befugnissen für neue Sanktionen gegen Russland unterzeichnet. Es zielte unter anderem darauf, russische Öl- und Gasexporte einzuschränken, mit denen Russland den Krieg finanziert. Das Dieselabkommen wirkt vor diesem Hintergrund wie eine politische Kehrtwende.
Wegen der bestehenden Sanktionen erteilte das US-Finanzministerium eine befristete Genehmigung für Verkauf, Lieferung, Entladung und Import russischen Diesels bis zum 7. April 2027.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kritisierte die Vereinbarung scharf. Der Verkauf russischer Erdölprodukte sei eine Finanzierung des russischen Kriegs gegen die Ukraine, sagte er. Russland werde die zusätzlichen Einnahmen für weiteren „Terror“ verwenden. Gegenüber dem US-Nachrichtenportal Axios bezeichnete Selenskyj die Vereinbarung als „nicht fair und nicht ehrlich“.
Besonders stieß ihm auf, dass Trumps Gesandte Steve Witkoff und Jared Kushner parallel in Miami mit ukrainischen Unterhändlern über ein mögliches Kriegsende verhandelten, ohne das Dieselabkommen zu erwähnen. Selenskyj bot erneut an, ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen, wenn Russland im Gegenzug Angriffe auf ukrainische Energieanlagen beendet. Eine Lockerung der Russland-Sanktionen wertete er als Zeichen amerikanischer Schwäche.
ARD-Korrespondentin Susanne Petersohn berichtete aus Kiew, die Vereinbarung sei für die Ukraine angesichts der russischen Angriffe und der Vorbereitungen auf einen weiteren Kriegswinter schwer nachvollziehbar. Die Ukraine könne trotz ihrer Kritik nur begrenzt reagieren, weil die USA weiterhin ihr wichtigster Unterstützer im Krieg gegen Russland seien. Der Krieg in der Ukraine dauert derweil an.
Warum der Markt trotz Rohöl-Rückgang angespannt bleibt
Die Experten bezweifeln, dass die russischen Lieferungen die Dieselpreise langfristig senken können. Dieselpreise gelten als wichtiger Inflationstreiber und sind seit Beginn des von den USA und Israel begonnenen Krieges gegen Iran am 28. Februar um 70 Prozent gestiegen. Die Konflikte im Iran und in der Ukraine haben weltweit zu Engpässen bei der Kraftstoffversorgung geführt.
Hinzu kommen Russlands eigene Exportbeschränkungen. Das Land verlängert sie für Benzin, Diesel, Marinekraftstoff und Gasöl bis zum 31. Januar 2027. Eine teilweise Lockerung für Diesel, Marinekraftstoff und Gasöl ist ab 1. September 2026 vorgesehen; Benzinexporte bleiben stärker kontrolliert. Zusätzliche temporäre Beschränkungen bis 1. November sollen die Versorgung der Landwirtschaft sowie staatlicher und öffentlicher Einrichtungen sichern.
Auslöser waren Raffinerieausfälle und Drohnenschäden, die das russische Inlandsangebot verknappt und die Preise erhöht hatten. Russische Kraftstoffexporte dürften dadurch mindestens 18 Monate unter dem Niveau vor den Störungen bleiben. Besonders Europa und andere importabhängige Regionen könnten deshalb eine anhaltende Versorgungslücke bei Mitteldestillaten verzeichnen. Europa dürfte zusätzliche Dieselvolumina aus den USA, dem Nahen Osten und Asien mit höheren Preisen anziehen müssen.
Die Diesel- und Gasölmargen gegenüber Rohöl liegen in Europa weiterhin über historischen Durchschnittsniveaus. Solche festen Produktmargen könnten Raffinerien dazu bringen, ihre Auslastung relativ hoch zu halten und damit die Rohölnachfrage zu stützen. Eine schwächere gesamtwirtschaftliche Nachfrage könnte teilweise durch den Ersatz russischer Liefermengen ausgeglichen werden – besonders im Winter und vor europäischen Sanktionsfristen 2027.
Brent gab nach einem jüngsten Zwei-Monats-Hoch nach und liegt wieder unter etwa 80–82 Euro je Barrel. Der Rückgang wurde mit entspannteren geopolitischen Risiken im Nahen Osten und veränderten Erwartungen an die US-Geldpolitik in Verbindung gebracht. Die Produkt-Cracks bleiben trotz schwächerer Rohöl-Flatpreise fest. Die Knappheit bei Diesel und anderen Destillaten wirkt damit stärker als die allgemeine Rohölpreisentwicklung.
Ausblick bis in den Winter 2027
Kurzfristig wird eine seitwärts bis moderat steigende Entwicklung der Rohölpreise erwartet. Normales Sommerwetter hält die unmittelbaren Nachfragerisiken zunächst im Gleichgewicht. Ein heißerer August in Europa oder Nordamerika könnte den Dieselverbrauch und die Stromerzeugung erhöhen und die Knappheit verschärfen. Weitere Störungen durch Wetter, Hurrikans oder geopolitische Ereignisse könnten wegen des begrenzten Angebots starke Preissprünge bei Destillaten und anschließend bei Rohöl auslösen.
Der Markt rechnet mit einer länger als üblichen Phase eingeschränkter Produktversorgung bis 2027. Als Handelsansatz werden vorsichtige mittel- bis längerfristige Long-Positionen in Brent und WTI genannt, besonders für Q4 2026 bis Q1 2027. Mitteldestillat-Cracks in Europa werden gegenüber Rohöl bevorzugt; bei Diesel wird wegen der russischen Exportbeschränkungen mit anhaltender Unterstützung gerechnet. Empfohlen wird außerdem eine konstruktive Haltung gegenüber Backwardation in Produktkurven, insbesondere bei Diesel.
| Indikativer Drei-Tage-Ausblick | Erwartung |
|---|---|
| Brent | etwa 80–82 Euro je Barrel; leicht fester |
| WTI | etwa 71–73 Euro je Barrel; seitwärts bis leicht höher |
| Diesel-Brent-Crack in Europa | hohe Zehner bis niedrige 20er Euro je Barrel; Aufwärtsbias wegen russischer Exportbeschränkungen und starker Importnachfrage |
Für die Baustellen in Deutschland heißt das: Der Diesel im Tank bleibt ein Kostenfaktor, auch wenn einzelne Rohölnotierungen nachgeben. Der russische Treibstoffdeal verändert daran heute, am 12.10.2026, kaum etwas.
