Teuerung zwischen Kassenzettel und Statistik: Warum die Kaufkraftdebatte Deutschland spaltet
Am 3. Oktober 2026 fühlt sich der Einkauf für viele Menschen noch immer schwerer an als früher. An der Tankstelle stehen die Preise sichtbar auf der Anzeigetafel, im Supermarkt wandert der Blick automatisch von einem Regal zum nächsten. Steigende Preise gelten als größte Sorge der Deutschen: Im September lag die Inflation bei 3,3 Prozent, Benzin blieb trotz Tankrabatt teuer, und auch das Deutschlandticket wird teurer.
73 Prozent erklärten in einer Allensbach-Umfrage, sie seien wegen der Preise beunruhigt. Laut einer R+V-Umfrage haben 59 Prozent Angst, dass ihr Geld langfristig nicht zum Leben reicht. Das passt zu einem anderen Befund: Ende 2025 sagten rund 60 Prozent der Befragten, sie könnten sich weniger leisten als vor fünf Jahren.
Wenn der Geldbeutel anders erzählt als die Statistik
Die Forscher Jan Behringer und Lukas Endres vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung kommen in einer Analyse zu einem Ergebnis, das der öffentlichen Wahrnehmung widerspricht. Von 2021 bis 2023 führte die Inflation tatsächlich zu realen Einkommensverlusten. Ende 2024 waren diese Verluste laut den Forschern jedoch wieder ausgeglichen. Seither steigen die Löhne stärker als die Preise.
Seit 2020 verteuerten sich die Verbraucherpreise insgesamt um etwa 25 Prozent. Lebensmittel und Energie legten stärker zu als der Durchschnitt. Die durchschnittlichen Einkommen stiegen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes allerdings etwas stärker als die Preise. Auf dem Papier sieht das weniger dramatisch aus. Im Alltag riecht die Sache nach Zapfsäule, Kassenbon und leerer werdendem Konto.
Verhaltensökonom Matthias Sutter nennt zwei Gründe für diese Lücke. Preise, die häufig ins Auge springen – an Tankstellen oder im Supermarkt –, prägen sich stärker ein als die monatliche Gehaltsüberweisung. Außerdem werden Preissteigerungen wegen ausgeprägter Verlustängste stärker wahrgenommen als Preissenkungen, etwa bei Elektrogeräten. So entsteht eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Kaufkraft.
Für Menschen mit niedrigem Einkommen ist die Belastung dennoch sehr real. Sie müssen größere Teile ihres Budgets für Wohnen und Lebensmittel ausgeben. Das betrifft unter anderem Ostdeutschland, wo der Anteil der Geringverdiener höher ist. Der Mindestlohn ist seit 2020 allerdings um fast 50 Prozent gestiegen.
Seit Frühjahr 2022 stieg die Inflationsrate in Deutschland außergewöhnlich stark. Eine Kurzexpertise des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales untersucht deshalb, wie stark einzelne Haushalte von den hohen Inflationsraten betroffen sind und wie sich die Belastung unter anderem nach der Einkommenshöhe unterscheidet. Die Publikation gibt einen Überblick über aktuelle Studien zu den Verteilungswirkungen der Inflation, legt einen Schwerpunkt auf Datengrundlagen und Methoden und macht Vorschläge zu deren Verbesserung, insbesondere bei der Datenlage. Sie ist als PDF mit einer Dateigröße von 2 MB verfügbar.
Tankrabatt, Preisdeckel und politische Nervosität
Im Wahlkampf griffen Parteien am politischen Rand das Thema auf. Die AfD machte Bundeskanzler Friedrich Merz für gestiegene Spritpreise verantwortlich, die Linke warb mit dem Slogan „Berlin bezahlbar machen“. Auch Regierungsparteien versprechen Entlastungen.
Merz erklärte an den Tankstellen die „Belastungsgrenze“ für erreicht und stimmte einem Tankrabatt zu. Den Staat soll er 2,5 Milliarden Euro kosten. Sutter kann solche Maßnahmen nachvollziehen, weil sie helfen können, einen Vertrauensverlust zu begrenzen. Zugleich hält er sie für problematisch: Wer den Sprit verbilligt, hat weniger Anreiz zum Sparen.
Die verzerrte Wahrnehmung kann wirtschaftliche Folgen haben. Menschen könnten aus Sorge weniger konsumieren und Geld zurückhalten. Das könnte das Wirtschaftswachstum bremsen. Wer seine Kaufkraft als gesunken wahrnimmt, verliert nach Einschätzung der Ökonomen eher das Vertrauen in die Regierung. Politiker müssten den Bürgern offen erklären, dass ihre Kaufkraft insgesamt nicht gesunken sei – nur dürfte diese Botschaft zwischen Kassenzettel und Tankrechnung kaum durchdringen.
Die hohen Erwartungen an staatliche Hilfe kommen nicht aus dem Nichts. Während der Corona-Lockdowns unter Angela Merkel wurden Hilfen für geschlossene Betriebe und Freizeiteinrichtungen gezahlt. Unternehmen erhielten 76 Milliarden Euro Zuschüsse, für Arbeitnehmer wurden mehr als 42 Milliarden Euro Kurzarbeitergeld ausgezahlt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 gab die Ampelkoalition rund 30 Milliarden Euro für Gas- und Strompreisbremse aus, finanziert über Schulden.
Mehr als die Hälfte befürwortete in einer INSM-Umfrage eine staatliche Regulierung lebensnotwendiger Güter wie Strom und Nahrung. 69 Prozent wollten laut Forsa einen Preisdeckel für Kraftstoffe. Der Tankrabatt ist auf drei Monate begrenzt. Deshalb drängt das SPD-geführte Finanzministerium auf die Umsetzung eines in der Koalition vereinbarten Kraftstoffpreisdeckels.
Was die Inflationszahl tatsächlich misst
Der Verbraucherpreisindex, kurz VPI, misst die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte in Deutschland für den Konsum kaufen. Er dient zur Messung der Inflation, zur Umrechnung nominaler in reale gesamtwirtschaftliche Größen und als Kompensationsmaßstab für regelmäßig wiederkehrende Zahlungen.
Inflation bezeichnet allgemein einen über mehrere Zeiträume anhaltenden Anstieg des Preisniveaus. Die Inflationsrate wird häufig als prozentuale Veränderung des VPI gegenüber dem Vorjahreszeitraum berechnet. Sie zeigt, wie sich die Preise privater Verbrauchsausgaben in Deutschland innerhalb eines Jahres durchschnittlich verändern. „Teuerung“ und „Teuerungsrate“ sind übliche Synonyme. Das Statistische Bundesamt berechnet und veröffentlicht den VPI monatlich.
Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex, HVPI, wurde in der Europäischen Union entwickelt, um Preisänderungen international zu vergleichen und zu europäischen beziehungsweise gemeinsamen Inflationsraten zusammenzufassen. Wegen der unterschiedlichen Zielsetzungen gibt es methodische Unterschiede und teilweise abweichende Erfassungsbereiche.
Im Warenkorb liegen rund 700 Güter und Dienstleistungen – darunter, etwas prosaischer als der Begriff vermuten lässt, Honig und Polstergarnituren. Das Wägungsschema bildet die jeweiligen Ausgabenanteile an den gesamten Konsumausgaben privater Haushalte ab. Die Gewichtungen bleiben bis zur nächsten turnusmäßigen Überarbeitung konstant. Aktuelle und frühere Wägungsschemata sind in GENESIS-Online verfügbar.
Der VPI wird in der Regel alle fünf Jahre überarbeitet. Bei der jüngsten Umstellung im Februar 2023 wechselte das Basisjahr von 2015 auf 2020. Dabei wurden unter anderem Wägungsschemata für Waren, Dienstleistungen, Geschäftstypen und Bundesländer aktualisiert; zusätzlich kamen methodische Verbesserungen hinzu, die die veröffentlichte Preisentwicklung verändern können. Mit jeder Basisjahrumstellung werden die Ergebnisse ab Januar des neuen Basisjahres neu berechnet.
Spezielle Indizes für Haushaltstypen werden seit Februar 2003 nicht mehr berechnet, als mit der Umstellung auf das Basisjahr 2000 die Veröffentlichung eingestellt wurde. Veränderte Bevölkerungsstrukturen und nur geringe Unterschiede der Ergebnisse bei längerfristigen Vergleichen waren der Grund. Seither veröffentlicht Destatis nur noch den VPI für Deutschland auf jeweils aktueller Basis. Historische Werte verschiedener Haushaltstypen von 1948 bis 1999 enthält der Statistische Bericht „Preisindizes für die Lebenshaltung – Lange Reihen von 1948 bis 1999“.
Preise, Mieten und der Blick auf die Region
Das reguläre Veröffentlichungsprogramm enthält keine absoluten oder durchschnittlichen Preise. Die erfassten Güter werden bewusst weit beschrieben, damit regionale Unterschiede bei Qualität und Inhaltsmenge berücksichtigt werden können. Eurostat untersuchte bis 2015 Konzepte für europäische Durchschnittspreise. Seit März 2022 veröffentlicht Destatis wöchentliche Tagesdurchschnittspreise für Kraftstoffe im Dashboard Deutschland. Sie stammen von der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe beim Bundeskartellamt und beruhen auf Meldungen öffentlich zugänglicher Tankstellen.
Regionale Preisniveauunterschiede in Deutschland werden wegen des hohen Aufwands und der Kosten nur unregelmäßig gemessen. Digital verfügbare Kassendaten des Einzelhandels, sogenannte Scannerdaten, sollen künftig in VPI und HVPI integriert werden und könnten auch für weitere Statistiken dienen. Destatis veröffentlicht dazu experimentelle Ergebnisse, unter anderem zur Messung regionaler Preisunterschiede. Im Herbst 2023 legten das Institut der deutschen Wirtschaft Köln und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung eine neue Studie zu regionalen Preisen vor. Das BBSR hatte bereits 2009 eine Pilotstudie zu regionalen Lebenshaltungskosten veröffentlicht.</
