US-Dieseldruck bringt Europas Reserven und deutsche Baustellenkosten in Bedrängnis
Auf den Baustellen und bei den Fuhrparks schaut man heute, am 1. Oktober 2026, wieder genauer auf den Dieselpreis. Die US-Regierung fordert Deutschland und Frankreich laut Reuters auf, ihre Dieselreserven freizugeben. Andernfalls, so berichtet Reuters, könnten die USA einen Exportstopp für Diesel nach Deutschland und Frankreich verhängen.
Hinter der Forderung steckt offenbar auch der US-Wahlkampf von Präsident Donald Trump für die Zwischenwahlen im November. Trump will erreichen, dass der Dieselpreis in den USA noch vor der Abstimmung deutlich sinkt. Nach dem Iran-Krieg sind die Treibstoffpreise dort stark gestiegen. US-Energieminister Wright sagte dem Sender Fox News, er sei überzeugt, dass europäische Länder zur Entspannung auf dem Dieselmarkt beitragen würden. Er erwarte dazu positive Nachrichten.
120 Millionen Barrel für 180 Tage
Nach Angaben des „Spiegel“, die auch von Capital aufgegriffen werden, sollen die USA der EU mit einem Exportstopp drohen, falls sie nicht erhebliche Teile ihrer Reserven freigibt. Im Gespräch ist demnach, dass die EU über 180 Tage rund 120 Millionen Barrel Diesel auf den Markt bringt. Das wären etwa 40 Prozent der gemeinsamen EU-Reserven an Diesel und Heizöl.
Die EU produziert nur etwa 80 bis 90 Prozent ihres Dieselbedarfs selbst und ist deshalb auf US-Importe angewiesen. Deutschland steht bei dieser Rechnung deutlich besser da: Hierzulande werden rund fünf Prozent mehr Diesel erzeugt, als verbraucht wird. Deutsche Raffinerien steigerten ihre Produktion gegenüber dem Vorjahr um 9,4 Prozent. Das klingt zunächst beruhigend, macht die politische Drohung aus Washington aber nicht kleiner.
Zwischen der EU und den USA soll es Gespräche auf hoher Ebene geben. Die EU-Kommission nahm die US-Drohung mit Besorgnis auf. Für den folgenden Morgen plant ein Sprecher der Kommission eine Videokonferenz mit den 27 Mitgliedstaaten zum Umgang mit den Dieselreserven.
Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte unterdessen, derzeit gebe es keine neuen Anforderungen der Internationalen Energieagentur. Zu weiteren Punkten wolle das Ministerium nicht spekulieren. Der Deutschlandfunk berichtete über die Forderungen am 1. Oktober 2026.
Trump unter Druck, Raffinerien im Dilemma
Innenpolitisch steht Donald Trump unter Druck. Vor den Zwischenwahlen liegen die Umfragewerte des Präsidenten und seiner Partei laut dem Capital-Bericht auf einem Rekordtief. Als wichtigstes Problem der US-Wähler gelten hohe Verbraucherpreise, befeuert durch den Krieg im Iran und die Zollkonflikte. Diesel ist in den USA so teuer wie nie.
Bereits eine Woche zuvor hatte Trump erwogen, den US-Diesel-Export vollständig zu stoppen, um die Preise im Inland zu senken. Berater warnten allerdings, ein solcher Schritt könne US-Ölkonzerne Einnahmen kosten und zugleich Benzin sowie andere raffinierte Erdölprodukte verteuern. Der Grund liegt im Herstellungsprozess: Raffinerien produzieren Diesel, Benzin und weitere Produkte in miteinander verbundenen Abläufen. Wird die Dieselproduktion gedrosselt, kann das daher auch zu Benzinknappheit führen. Ein ziemlich unangenehmer Bumerang.
Der Iran-Krieg hat Lieferketten gestört, dadurch gelangt weniger Diesel auf den Weltmarkt. Russland stellte nach ukrainischen Angriffen auf Tanklager und Raffinerien seine Diesel-Exporte ein und verlängerte den Exportstopp am Mittwoch um einen weiteren Monat. Russland ist normalerweise nach den USA der zweitgrößte Dieselexporteur.
Zusätzlichen Druck bringt der Beginn der Heizsaison. Diesel und Heizöl sind chemisch nahezu gleich, während viele Haushalte ihre Heizöltanks im Sommer nicht aufgefüllt haben. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, schätzt, ein US-Exportverbot würde den Großhandelspreis für Diesel um 20 bis 25 Prozent erhöhen. Der am 1. Oktober eingeführte Tankrabatt für Diesel wäre damit unmittelbar wieder ausgeglichen.
Leere Lager, knappe Wege
Die weltweite Dieselversorgung gerät durch sinkende Lagerbestände und blockierte Exporte unter Druck. Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine beeinträchtigen wichtige Exportmengen. Die US-Energiebehörde EIA erwartet knappe Diesel- beziehungsweise Destillatbestände bis Ende 2026 und über weite Teile des Jahres 2027.
Im September überschritten die Dieselpreise in den USA erstmals 6 US-Dollar je Gallone. Bis zum 11. September sanken die US-Dieselbestände auf 107,9 Millionen Barrel – der niedrigste Stand für diesen Zeitraum seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen im Jahr 1982. Transportunternehmen passen ihre Routen an, um zusätzliche Fahrten und Kilometer zu vermeiden. Auf Baustellen ist das kein Nebengeräusch: Jeder Umweg kostet Diesel, Zeit und am Ende Geld.
Raffinerien und Händler lassen wegen fehlender Einlagerungsmengen Verträge für Tanklager auslaufen. Lagerbetreiber verzeichnen dadurch ungewöhnlich viele ungenutzte Kapazitäten. Im europäischen Handelszentrum Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen lagen die Bestände zuletzt 16 Prozent unter dem langjährigen Fünfjahresdurchschnitt. Auch in asiatischen Märkten lagen die Vorräte unter dem Vorjahresniveau.
Hohe Veredelungsmargen geben Raffinerien zwar einen Anreiz, die Produktion auszuweiten. Die Prämie für US-Diesel gegenüber Rohöl stieg Mitte September auf 118,62 US-Dollar je Barrel. Doch Russland verlängerte seine Diesel-Ausfuhrbeschränkungen bis Ende Oktober, und die EIA rechnet damit, dass die US-Destillatbestände bis Ende 2026 sowie während großer Teile des Jahres 2027 unter den jeweiligen Fünfjahrestiefs bleiben.
Solange der Konflikt im Nahen Osten Förder- und Verarbeitungsstrukturen beeinträchtigt, bleibt das weltweite Dieselangebot knapp. Für Deutschland heißt das heute: Raffinerien liefern zwar mehr, als hierzulande verbraucht wird. Der Preis an der Zapfsäule hängt aber an einem Markt, auf dem gerade an mehreren Stellen gleichzeitig die Luft dünn wird.
