US-Druck auf Europa: Deutschlands Dieselreserven rücken in den Fokus
Die Dieselpreise stehen unter Druck, und aus Washington kommt nun zusätzlicher Druck auf Europa: Die US-Regierung drängt die Europäische Union laut Insidern zur Freigabe von Notfall-Dieselreserven. Besonders enttäuscht seien US-Vertreter von Deutschland und Frankreich, weil beide Länder Zusagen zur Nutzung ihrer Notfallreserven nicht eingehalten hätten. Das berichteten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen.
Hintergrund sind weltweit steigende Kraftstoffpreise infolge des von den USA und Israel begonnenen Irankriegs. Insgesamt sollen weltweit 400 Millionen Barrel an Reserven freigegeben werden. US-Energieminister Chris Wright drängt europäische Partner deshalb zur Freigabe der zugesagten Dieselreserven. Für die US-Regierung und die Republikaner werden die steigenden Dieselpreise zunehmend zum politischen Problem.
IEA hält weitere Freigabe für möglich
Die Internationale Energieagentur (IEA) stellt eine weitere Freigabe strategischer Ölreserven in Aussicht, um Marktengpässe zu lindern. IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol sagte bei einem Treffen der EU-Energieminister in Dublin, seit März seien bereits 400 Millionen Barrel Rohöl aus strategischen Reserven freigegeben worden. Rund ein Drittel davon sei noch nicht auf den Märkten angekommen.
Die bisher freigegebenen Mengen entsprechen 20 Prozent der gesamten IEA-Vorräte. 80 Prozent der Reserven stehen noch zur Verfügung. Falls die Mitgliedstaaten zustimmen, sei die IEA bereit, bei aktuellen und künftigen Marktproblemen erneut zu handeln. Ganz oben auf der Agenda steht eine weitere Freigabe derzeit allerdings nicht.
EU-Energiekommissar Dan Jørgensen bezifferte die zusätzlichen Kosten für Energieimporte seit Beginn des Krieges im Iran auf mehr als 100 Milliarden Euro. Europa habe trotz dieser Mehrausgaben keine zusätzlichen Mengen an Gas oder Öl erhalten. Gleichzeitig verknappt die gestörte Schifffahrt durch die Straße von Hormus das weltweite Angebot an Öl und Diesel. Vor dem Krieg wurde etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls durch diese Wasserstraße transportiert.
Europa ist zudem stark von Dieselimporten abhängig. Seit der EU-Reaktion auf die russische Vollinvasion der Ukraine 2022 bezieht der Kontinent weniger Energie aus Russland und stützt sich stärker auf Diesel aus den USA. Birol bezeichnete Europa als eine der am stärksten von Dieselimporten abhängigen Regionen. Die bevorstehende Wintersaison macht die Lage noch heikler. Im August stammte etwa die Hälfte der Dieselimporte der EU aus den Vereinigten Staaten.
Hohe Preise, unsichere Lieferwege
Seit 2023 steht die Dieselversorgung Europas unter Druck, nachdem EU-Sanktionen gegen russische Ölprodukte in Kraft traten. Zusätzliche Lieferstörungen aus dem Nahen Osten haben die Nachfrage nach US-Diesel weiter erhöht. EU-Energiekommissar Jørgensen fordert deshalb schnellere Investitionen in Stromerzeugung und Netzinfrastruktur, damit die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern sinkt. Das ist kein Projekt für morgen früh – eher eines, bei dem die Baustelle jahrelang offen bleibt.
Die Preise sind bereits hoch. Der durchschnittliche Dieselpreis in der EU erreichte vergangene Woche mit 2,23 Euro pro Liter einen Rekordwert. In Frankreich kostete Diesel am Dienstag der Vorwoche 2,40 Euro pro Liter, in Dänemark 2,56 Euro.
Parallel prüft die US-Regierung mögliche Exportbeschränkungen für Diesel. Die EU-Kommission bezeichnete ein mögliches vollständiges US-Exportverbot laut Euronews als nachteilig für beide Volkswirtschaften. Oxford Economics berechnete für diesen Fall einen Anstieg der europäischen Dieselgroßhandelspreise um 40 bis 50 Prozent. Für Verbraucher könnte der Endpreis einschließlich Mehrwertsteuer um etwa 0,50 bis 0,60 Euro pro Liter steigen; die Inflation könnte dadurch um einige Zehntelprozentpunkte zunehmen.
Diese Berechnungen gelten ausdrücklich nur für ein vollständiges Exportverbot, nicht für möglicherweise weniger umfassende Beschränkungen. Umfang, Dauer und mögliche Ausnahmen eines US-Verbots sind bislang offen. Ersatzlieferungen nach Europa ließen sich nur langsam organisieren: Zusätzliche Mengen aus dem Nahen Osten sind begrenzt, Lieferungen aus asiatischen Raffinerien brauchen länger bis nach Europa. Bei stark steigenden Dieselpreisen könnte Europa auf Notfallreserven zurückgreifen und den Preisanstieg zumindest teilweise abfedern.
US-Branchenverbände warnen Präsident Donald Trump dennoch vor einem Exportverbot. In einem Schreiben vom 23. September erklärten der Business Roundtable, das American Petroleum Institute und mehr als zwei Dutzend weitere Verbände, Raffinerien müssten ihre Produktion drosseln, wenn sie überschüssigen Diesel nicht exportieren könnten. Davon könnten auch die Herstellung von Benzin und Flugbenzin betroffen sein.
Nach Daten von Kpler liefen US-Raffinerien im Sommer über längere Zeit mit mehr als 95 Prozent Auslastung; in der letzten Augustwoche lag sie bei etwa 98 Prozent. Bei einem Exportstopp könnte ein großer Teil des für den Auslandverkauf bestimmten Diesels zunächst an der US-Golfküste verbleiben und dort die Preise drücken. Begrenzte Lagerkapazitäten und Transportwege würden allerdings eine landesweite Weitergabe dieses Preisvorteils erschweren.
Sinkende Raffineriemargen könnten die Produzenten zu einer geringeren Auslastung veranlassen. Oxford Economics erwartet bei einem vollständigen Exportverbot innerhalb weniger Wochen einen Rückgang der US-Dieselpreise um etwa 30 Prozent. Zugleich könnten Benzin und Flugkraftstoff wegen Lagerproblemen und einer geringeren Raffinerieauslastung teurer werden. Ein Teil des Vorteils für US-Verbraucher wäre damit wieder dahin.
Irlands Energieminister Darragh O’Brien hält ein US-Exportverbot für unwahrscheinlich, weil es die Wirtschaft in den USA und Europa belasten würde. Zugleich rief er die EU zur Vorsorge und zu erhöhter Aufmerksamkeit auf.
Deutschland beobachtet die Lage
Die EU-Kommission sieht trotz des Irankriegs kein unmittelbares Risiko für die Öl- und Gasversorgung Europas. Eine Kommissionssprecherin erklärte, ein kurzfristiger Engpass drohe nicht. Die EU-Staaten verfügten derzeit über ausreichende Ölreserven; größere Sorgen bereiteten die hohen Energiepreise als die Versorgungssicherheit. Der Ölpreis stieg am Montag auf deutlich über 100 US-Dollar.
Auch die Gasversorgung sei unter Kontrolle. Im Vergleich zur Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 ist die EU weniger von einzelnen Lieferanten abhängig. Nur ein kleiner Teil der Flüssiggasimporte stammt aus den Golfstaaten. EU-Staaten müssen Ölreserven vorhalten, die 90 Tagen ihrer Nettoimporte entsprechen. Die Kommission bezeichnete die Versorgung deshalb als gesichert.
Das gelte auch für Ungarn und die Slowakei. Beide Länder hatten im Februar Reserven genutzt, nachdem eine Ölpipeline in der Ukraine beschädigt und außer Betrieb genommen worden war. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte eine Freigabe von Öl-Notfallreserven bereits vorgeschlagen. Die G7-Finanzminister wollen bei einem virtuellen Treffen über eine mögliche Freigabe beraten; auch ein Treffen der G7-Staats- und Regierungschefs per Telefon- oder Videokonferenz in dieser Woche ist möglich. Frankreich hat derzeit den rotierenden G7-Vorsitz.
Deutschland hatte nach IEA-Angaben im November des Vorjahres 34,42 Millionen Tonnen Öl auf Vorrat. Ein großer Teil davon ist Rohöl und wird laut Bundeswirtschaftsministerium vor allem in Norddeutschland gelagert. Diesel-, Benzin-, Heizöl- und Kerosinreserven sind über Deutschland verteilt – nicht gerade sichtbar, aber im Ernstfall ziemlich wichtig.
Die Bundesregierung beobachtet nach Angaben von Regierungssprecher Stefan Kornelius die Ölpreisentwicklung genau. Vorab will sie nicht mitteilen, ab welcher Schwelle sie eingreifen würde, weil dies Spekulationen fördern und den Markt beeinflussen könnte. Eine Taskforce wurde eingerichtet, an der unter anderem das Bundesfinanzministerium, die Nachrichtendienste, das Auswärtige Amt und das Bundeskanzleramt beteiligt sind. Sie soll einen umfassenden Überblick über die Marktlage ermöglichen.
Die Bundesregierung erklärte, sie verstehe die Sorge über die stark gestiegenen Öl- und Gaspreise, äußerte sich aber nicht zu möglichen konkreten Maßnahmen. Bundeskanzler Friedrich Merz warnte vor möglichen Auswirkungen der Energiepreise auf die deutsche Wirtschaft und Konjunktur. Die Bundesregierung wolle die energiepolitische Unabhängigkeit erhöhen und durch ein größeres Angebot die Energiepreise senken. Innerhalb weniger Tage lasse sich das laut Merz allerdings nicht umsetzen – während an Tankstellen und in Betrieben längst weitergerechnet wird.
