Die europäische Bauwirtschaft bekommt wieder ordentlich Arbeit: Straßen, Wohnungen, Rechenzentren, Energieanlagen und Verteidigungsprojekte stehen auf den Investitionslisten. Allein die EU-Staaten steckten 2025 rund 1,6 Billionen Euro in Bauprojekte. Für Generalunternehmer bedeutet das volle Schreibtische, klingelnde Telefone – und Papierstapel, die sich bei einem einzigen Vorhaben auf Hunderttausende Seiten auftürmen können.

In den Projektunterlagen laufen die entscheidenden Informationen zusammen. Vertrieb, Kalkulation, Einkauf und Bauleitung verbringen nach Angaben von Asset Physics etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit damit, diese Daten zu sichten und einzuordnen. Das ist nicht bloß lästig: Die Dokumente enthalten regelmäßig Widersprüche. Bleiben sie unentdeckt, kann daraus je nach Projekt ein Schaden in Millionenhöhe entstehen.

Zwischen Aktenbergen und Erfahrungswissen

Die tägliche Projektbearbeitung besteht deshalb aus einer langen Reihe von Entscheidungen, die auf jahrelanger Erfahrung beruhen und den Projekterfolg beeinflussen. Nur verschwindet dieses Wissen oft mit dem Abschluss eines Projekts. Was im Kopf erfahrener Mitarbeiter steckt, lässt sich eben nicht automatisch in die nächste Ausschreibung hinüberretten. Genau an dieser Lücke setzt das Berliner KI-Unternehmen Kuro an, auf das Deutschlands größte Generalunternehmer laut der genannten Quelle setzen; im Mittelpunkt steht dabei die Verarbeitung widersprüchlicher und umfangreicher Projektdaten.

Der Bedarf wächst in einem Markt, der sich sichtbar verschiebt. Der Europäische Bauindustrieverband FIEC veröffentlichte am 26. August 2025 die 68. Ausgabe seines statistischen Berichts zur Bautätigkeit in Europa. Er untersucht die wichtigsten Entwicklungen des Jahres 2024 und enthält Prognosen für 2025. Die Bauinvestitionen in der EU gingen 2024 insgesamt um 2 Prozent zurück – vor allem, weil der Wohnungsbau um 7,7 Prozent schrumpfte. Für 2025 erwartete der Verband dort weitere minus 3,9 Prozent.

Ganz anders der Tief- und Ingenieurbau: Er legte 2024 um 5,8 Prozent zu. Dazu zählen unter anderem Infrastrukturprojekte und öffentliche Vorhaben für die grüne Transformation. Getragen wurde dieses Wachstum laut Bericht maßgeblich von öffentlichen Investitionen. Der FIEC-Bericht liefert dazu Länderprofile für EU- und EFTA-Staaten, mit Daten zu Bauleistung, Beschäftigung, Baugenehmigungen, Materialkosten sowie zu den Folgen öffentlicher Finanzierung und steuerlicher Anreize. Gedacht ist die Analyse für Fachleute der Bauwirtschaft, politische Entscheidungsträger und Forschende.

Mehr Netze, weniger Wohnungen

Das Auseinanderdriften zeigt sich auch an einzelnen Ländern. Frankreich kam bei der Gesamtbauleistung auf minus 3,9 Prozent, der Wohnungsbau sank dort um 5,5 Prozent. Öffentliche Bauarbeiten legten dagegen um 2,3 Prozent zu. Der Bericht beschreibt damit eine Entwicklung, die man auf Europas Baustellen immer öfter sieht: weniger Wohnungsbau, mehr Infrastrukturinvestitionen. Dazu gehören politische Maßnahmen, Anpassungen am Arbeitsmarkt und die Nutzung von EU-Finanzierungsinstrumenten.

Von 2024 auf 2025 stieg die Bauleistung in der EU durchschnittlich dennoch um 2,2 Prozent. Für 2026 erwartet die EU-Kommission einen Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen im Bau um durchschnittlich 2,5 Prozent; für 2027 sehen die Aussichten ähnlich aus. In dieser Prognose sind mögliche Folgen jüngster geopolitischer Spannungen allerdings noch nicht berücksichtigt. Der Irankrieg könnte Baustoffpreise, Lieferketten und Finanzierungskosten belasten – drei Stellschrauben, an denen ohnehin schon kräftig gedreht wird.

Der Infrastrukturbau hat den Wohnungsbau als wichtigsten Wachstumstreiber abgelöst. In den meisten EU-Ländern fließt mehr Geld in Verkehrs- und Energieinfrastruktur. Der EU-Wiederaufbaufonds, der Kohäsionsfonds und die Connecting Europe Facility gehören zu den wichtigen Finanzierungsquellen. Dazu kommen mehrjährige nationale Investitionsprogramme für Verkehrswege, Energienetze und Versorgungsinfrastruktur. Projekte entlang der transeuropäischen Verkehrsnetze, kurz TEN-T, werden häufig bevorzugt.

Die Beispiele lesen sich wie eine europäische Baustellenkarte: Polen investiert umfangreich in den geplanten Zentralflughafen Centralny Port Komunikacyjny zwischen Warschau und Łódź. Tschechien baut internationale Verkehrsachsen aus, darunter eine geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Prag und Brno sowie Autobahnverbindungen. Italien modernisiert Brücken, Bahnlinien und zentrale Verkehrsachsen. Kroatien und Slowenien konzentrieren sich vor allem auf Schienennetze und Seehäfen.

Auch unter der Erde und entlang der Leitungen wird gearbeitet. Die Energieinfrastruktur wird EU-weit ausgebaut, damit erneuerbare Energien besser integriert werden können und die Versorgungssicherheit steigt. In Österreich zählt der Energieinfrastrukturbau bereits zu den stabilen Wachstumssäulen. Klima- und Energieziele erhöhen vor allem den Investitionsbedarf in Übertragungs- und Verteilnetzen. Kabel, Umspannwerke, Leitungen – wenig glamourös, aber ohne sie bleibt die schönste Energiewende stecken.

Wiederaufbau, Rechenzentren und neue Industrie

Naturkatastrophen schaffen zusätzlichen Bedarf. Kroatien beseitigt weiterhin Erdbebenschäden aus dem Jahr 2020, unter anderem an öffentlichen Gebäuden sowie an Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur. Überschwemmungen in Slowenien und Teilen Spaniens führten zu Reparatur- und Wiederaufbauarbeiten an Straßen, Brücken und Energieinfrastruktur. Weil Extremwetterereignisse zunehmen, gewinnen präventive Investitionen in klimaresiliente Infrastruktur ebenso an Gewicht wie Rückbau und Entsiegelung.

Im Industrie- und Spezialbau bleibt ebenfalls Bewegung. In Tschechien sorgen Großprojekte im Automobilsektor und weitere Industrieansiedlungen für stabile Bauaktivität. In Ungarn stützen Investitionen internationaler Unternehmen, besonders in Batterie- und Fahrzeugwerke, die Branche. Rechenzentren werden durch die Digitalisierung und die wachsende Nutzung künstlicher Intelligenz zu einem neuen Wachstumsfeld. Sie brauchen umfangreiche Planung, eine leistungsfähige Energieversorgung und technische Infrastruktur – also genau jene Projekte, bei denen viele Gewerke, Verträge und Änderungsstände aufeinanderprallen.

Der Hotelbau entwickelt sich dynamisch, vor allem an der Adria. In Kroatien investieren internationale Betreiber in neue Ferienanlagen und in die Modernisierung bestehender Hotels. Für 2026 sind Projekte im Umfang von rund 650 Millionen Euro angekündigt, vor allem an der Adriaküste. Dort, wo im Sommer die Luft flimmert und der Baustaub an den Schuhen klebt, wird also weiter kräftig geplant und gebaut.

Beim Wohnen bleibt die Lage dagegen zäh. Das Bauvolumen im Gebäudebau sank 2025 EU-weit um 0,5 Prozent gegenüber 2024. Urbanisierung und angespannte Wohnungsmärkte sorgen zwar für hohen Bedarf, doch hohe Bau- und Finanzierungskosten bremsen den Neubau. Frankreich und Ungarn fördern den Wohnungserwerb durch Erstkäufer. Das ungarische Otthon-Start-Programm läuft seit September 2025, direkte Auswirkungen auf die Bauleistung sind bislang aber nicht erkennbar. Die stark nachgefragten staatlich subventionierten Kredite könnten den Wohnungsneubau mittelfristig beleben.

Sanieren statt neu anfangen

Mehr Aufmerksamkeit bekommt der Sanierungsmarkt. Viele Gebäude in Europa sind energetisch veraltet, während steigende energiepolitische Anforderungen den Modernisierungsdruck erhöhen. Ungarn, Tschechien und Kroatien fördern energetische Sanierungen mit nationalen und EU-Mitteln. Die Umsetzung der neuen EU-Gebäuderichtlinie zur Energieeffizienz dürfte den Markt mittelfristig weiter stärken – für Eigentümer heißt das oft: Dämmung, Fenster, Haustechnik. Und bitte alles dokumentieren.

Einfacher wird die Umsetzung dadurch nicht. In Mittel- und Osteuropa fehlen Bauarbeiter und Ingenieure, auch wenn sich die Lage zuletzt leicht entspannt hat. Lohn- und Materialkosten bleiben hoch; die Baustoffpreise hatten sich zwar stabilisiert, könnten durch die Krise im Nahen Osten aber wieder steigen. Höhere Zinsen treffen vor allem den Wohnungsbau. Rückläufige Baugenehmigungen führen in mehreren Ländern zur Verschiebung oder Neukalkulation von Projekten. Komplexe Genehmigungs- und Planungsverfahren bremsen unter anderem in Kroatien und Tschechien.

Europas Bauwirtschaft wächst im internationalen Vergleich vor allem durch komplexe, grenzüberschreitende Leistungen – nicht durch ein besonders hohes Bauvolumen. Bauunternehmen übernehmen zunehmend die Rolle von Systemintegratoren. Wertschöpfung entsteht zusätzlich in Planung, Projektsteuerung, Betrieb und Dienstleistungen. Diversifikation und internationale Tätigkeit sind für viele Firmen zentral; europäische Unternehmen erzielen rund 70