Die Düsseldorfer Oper bleibt an der Heinrich-Heine-Allee. Der geplante Neubau des „Opernhauses der Zukunft“ ist am 5. Juni 2026 gestoppt worden. Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) begründete die Entscheidung mit dem wachsenden Defizit im städtischen Haushalt. Stattdessen soll der Altbau „ertüchtigt“ werden – zunächst für den laufenden Spielbetrieb, nun offenbar als langfristige Lösung.

Für die Beschäftigten ist damit allerdings längst nicht alles geklärt. Im Gegenteil: Viele wissen weiterhin nicht, wie der Betrieb am bisherigen Standort dauerhaft gesichert werden soll. Die geschäftsführende Direktorin der Deutschen Oper am Rhein, Alexandra Stampler-Brown, bezeichnete die Entscheidung als Schock für die Belegschaft. Rund 1.000 Menschen arbeiten in der Oper; für deren Arbeitsbedingungen sieht sie sich verantwortlich.

Vier Säulen im Foyer, Rost im Tragwerk

Wer das Haus betritt, sieht die Probleme nicht erst in irgendeinem Planungsordner. Im Foyer stützen vier provisorische Säulen das Dach. Laut technischem Leiter Philip Rabe reicht die statische Zulassung noch bis 2028. Danach sei wegen der rostenden Tragkonstruktion keine weitere Zulassung möglich.

Auch hinter den Kulissen ist vieles überholt. Die Dampfheizung gilt als ineffizient. In einem Kellerraum steigen die Temperaturen bei laufender Heizung im Winter auf über 50 Grad – ein Arbeitsplatz, der eher an einen aufgeheizten Maschinenraum als an ein Kulturhaus erinnert. Bühnenarbeiter sind bei der Annahme von Kulissenteilen außerdem nicht ausreichend vor Wind und Wetter geschützt und haben zu wenig Platz. Stampler-Brown nannte die Arbeitsbedingungen nicht gesetzeskonform.

Der Stadtrat soll bereits im Juni über notwendige Maßnahmen beraten. Zunächst geht es um Instandhaltungsarbeiten im Umfang von etwa 25 Millionen Euro, die ohnehin erforderlich gewesen wären. Rabe bezeichnet diese Arbeiten als vorläufige Lösung und befürchtet weitere Behelfslösungen. Für eine dauerhafte Sanierung wären deutlich höhere Investitionen nötig.

Wie viel Geld die Stadt künftig für die Oper bereitstellt, ist noch offen. Düsseldorf muss wegen eines Defizits von 470 Millionen Euro umfassend sparen; nach Aussage der Kämmerin werden die Auswirkungen für die Bürger spürbar sein. Die Mitarbeitenden sorgen sich deshalb, dass der Spielbetrieb langfristig nicht gesichert werden kann, und fürchten um ihre Arbeitsplätze. Vorerst läuft der Spielbetrieb am bisherigen Standort weiter.

Vom großen Neubau zur schwierigen Reparatur

Der Stadtrat hatte den Neubau Ende 2021 beschlossen und zunächst mit mindestens 716 Millionen Euro kalkuliert. Geplant war ein gemeinsames Haus für die Deutsche Oper am Rhein, die Clara-Schumann-Musikschule und die Musikbibliothek am Standort Am Wehrhahn. Für das Projekt galt ein Kostendeckel von einer Milliarde Euro; über 50 Jahre rechnete die Verwaltung jedoch mit Gesamtkosten von rund 1,8 Milliarden Euro.

2022 und 2023 wurden die Standorte Heinrich-Heine-Allee 16a und Am Wehrhahn 1 in einem städtebaulichen Ideenwettbewerb untersucht. Nach dem Insolvenzverfahren der früheren Eigentümer waren die Grundstücke Am Wehrhahn 1 und Oststraße 15 verfügbar geworden. Am 27. Juni 2024 beschloss der Rat den Ankauf der Flächen und einen Realisierungswettbewerb.

Im Herbst 2025 gewann Snøhetta Oslo AS den Wettbewerb. Weitere platzierte Büros waren HPP Architekten, kister scheithauer gross mit Studio Gang Architects sowie wulf architekten. Ein Ratsbeschluss zur Beauftragung eines Generalplaners war für 2026 vorgesehen, der Ausführungs- und Finanzierungsbeschluss für 2028. Daraus wird nichts: Der prämierte Snøhetta-Entwurf wird nicht umgesetzt, die Verhandlungen mit den vier Preisträgern über einen Generalplaner entfallen.

Die Stadtentscheidung ist haushaltsrechtlich, nicht baurechtlich begründet. Nach § 75 GO NRW muss die dauerhafte Leistungsfähigkeit der Kommune gesichert bleiben. Bei strukturellen Defiziten kann nach § 76 GO NRW ein genehmigungspflichtiges Haushaltssicherungskonzept erforderlich werden. Ein Opernhaus gilt kulturpolitisch als freiwillige Leistung, während Schulen und Brücken zu den Pflichtaufgaben gehören. Düsseldorf muss parallel in Schulbau und Brückeninfrastruktur investieren.

Der Bund der Steuerzahler Nordrhein-Westfalen bezeichnete das Vorhaben als „nicht darstellbar“. Die Linke hatte im Mai 2026 ein Moratorium und einen Ausgabenstopp beantragt, die AfD sah sich in ihrer früheren Ablehnung bestätigt. Für Grundstücksankauf, Preisgelder und Planungsleistungen sind bereits Mittel ausgegeben worden. Die FDP verwies auf Millionenbeträge, die in Grundstückserwerb und Wettbewerb gebunden wurden, und bezeichnete die Sanierung als finanziell schwer kalkulierbar.

Was die Freundeskreise jetzt verlangen

Die Freundeskreise der Deutschen Oper am Rhein, des Balletts am Rhein und der Tonhalle erklären, mit dem Ende der Neubauplanung sei die Zukunft der Oper nicht geklärt. Sie verlangen eine Antwort darauf, wie die Deutsche Oper am Rhein dauerhaft im bestehenden Haus an der Heinrich-Heine-Allee gesichert werden kann.

Oper, Ballett, Konzert und Orchester seien miteinander verbundene kulturelle Infrastruktur Düsseldorfs. Die Freundeskreise setzen sich für den Erhalt der Oper als Veranstaltungsort für die Stadtgesellschaft ein. Oper, Ballett und Konzert verstehen sie als gemeinschaftliche, nicht vollständig digital ersetzbare Kunstformen. Kulturhäuser seien Orte der Begegnung, der Bildung, der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und des demokratischen Zusammenhalts.

Mit privatem Engagement unterstützen die Freundeskreise Häuser, Ensembles, Orchester, Beschäftigte und Publikum. Dieses Engagement solle die öffentliche Verantwortung nicht ersetzen, sondern ergänzen. Von der Stadt erwarten sie ein klares, öffentliches und belastbares Bekenntnis zur Deutschen Oper am Rhein sowie einen verlässlichen Plan für eine umfassende Sanierung und Modernisierung.

Eine bloße Reparatur der dringendsten Schäden und die Sicherung des kurzfristigen Spielbetriebs reichen aus ihrer Sicht nicht. Der Sanierungsplan müsse angemessene Bedingungen für Publikum und Kunstschaffende schaffen, geeignete Arbeitsbedingungen für Orchester, Chor, Ballett, Technik und Werkstätten vorsehen und Barrierefreiheit, technische Leistungsfähigkeit, Aufenthaltsqualität, Energieeffizienz sowie eine zukunftsorientierte Architektur berücksichtigen.

Die Absage des Neubaus dürfe nicht zu einem schrittweisen Rückzug führen, sondern müsse den Beginn einer langfristigen Lösung am bestehenden Standort markieren. Die Freundeskreise erklärten ihre Bereitschaft, den weiteren Prozess konstruktiv zu begleiten. Übergangslösungen wollen sie allerdings widersprechen, falls daraus dauerhafte Provisorien werden. Unterzeichnet ist der Text vom Freundeskreis Deutsche Oper am Rhein e.V., den Ballettfreunden der Deutschen Oper am Rhein e.V. und der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Tonhalle Düsseldorf e.V.

Baustart 2027, viele Fragezeichen im Bestand

Der Baubeginn für die Sanierung ist voraussichtlich im dritten Quartal 2027. Die zunächst als Übergang gedachte Ertüchtigung des Altbaus wird damit zur langfristigen Lösung. Kosten für einen Neubau und eine zusätzliche Interimslösung entfallen zwar. Gleichzeitig bleiben die Sanierungskosten wegen des Bauens im laufenden Betrieb schwerer vorhersehbar – und die Gesamtkosten sowie die langfristige Sicherung des Spielbetriebs über die 2030er Jahre hinaus sind noch offen.

Für die kommende Saison kalkuliert die Oper an beiden Standorten mit Ausgaben von 67,3 Millionen Euro, darunter 38 Millionen Euro städtischer Zuschuss. Wie die einzelnen Bauphasen den Betrieb beeinflussen, ist damit noch nicht beantwortet. Der Wunsch nach einem neuen, gebündelten Standort fällt ebenfalls weg: Oper, Musikschule und Bibliothek bleiben getrennt untergebracht.

Das bestehende Opernhaus geht auf das 1875 eröffnete Stadttheater von Ernst Giese zurück. Im Zweiten Weltkrieg wurde es schwer beschädigt und Mitte der 1950er Jahre wieder aufgebaut. Bei der Sanierung müssen unter anderem die Brandschutzanforderungen für Versammlungsstätten und die Barrierefreiheit nach DIN 18040-1 berücksichtigt werden.

Der Bestandsschutz gilt nur für den genehmigten Altzustand. Wesentliche Eingriffe können eine neue bauaufsichtliche Bewertung auslösen. Unklar ist außerdem, ob der Nachkriegsbau dem Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalen unterliegt. Eine Unterschutzstellung könnte Umfang und Kosten der Sanierung beeinflussen. Vieles steckt also noch im Nebel, obwohl das Dach im Foyer schon sehr konkret abgestützt wird.

Für den Erhalt des Gebäudes spricht, dass neue graue Energie und zusätzliche CO₂-