Großbritannien baut mit sechs Milliarden Pfund seine industrielle Basis neu auf
Sechs Milliarden Pfund für britische Schiffswerften, neue Docks für Atom-U-Boote und 300 Millionen Pfund von Rolls-Royce: Großbritannien versucht, seine industrielle Basis mit staatlichen Aufträgen wieder aufzurichten. Schauplatz dieser Wende ist nicht nur London, sondern auch Faslane in Schottland, Derby und Süd-Yorkshire. Für ein Land, dessen Industriesektor seit mehr als 50 Jahren schrumpft, ist das ein ziemlich großer Hebel.
Schatzkanzler John Healey stellte in seiner ersten Parteitagsrede zwei Dinge nebeneinander, die in der Labour-Partei nicht reibungslos zusammenpassen: Haushaltsdisziplin und Reindustrialisierung. Er will Defizite abbauen, einen starken Anstieg der Staatsschulden verhindern und an den bestehenden Schuldenregeln festhalten. „Nichts Progressives daran, die Kontrolle zu verlieren“, sagte Healey. Steigende Zinszahlungen müssten am Ende von der arbeitenden Bevölkerung getragen werden.
Aufträge für Werften, Fabriken und Atom-U-Boote
Der Applaus für diese Linie blieb verhalten. Vor allem die Parteilinke fordert lockerere Schuldenregeln, damit der Staat mehr ausgeben kann. Healey setzt dagegen auf Investitionen, die zugleich industrielle Kapazitäten schaffen sollen. Als Beispiel nannte er Süd-Yorkshire: Auf dem Gelände einer stillgelegten Kohlemine entstand ein Industriepark mit Hightech-Fabriken. Seine Formel dafür lautet „Zeitalter der neuen Industrialisierung“.
Die geplanten Militärgroßaufträge für Schiffswerften haben einen Wert von sechs Milliarden Pfund. In Faslane, Schottland, sollen drei neue Docks für den Bau und die Wartung von Atom-U-Booten entstehen. Rolls-Royce will außerdem 300 Millionen Pfund am Standort Derby und an weiteren Standorten investieren. Die Rüstungsindustrie soll dabei als Motor dienen – eine alte Idee, die im Vereinigten Königreich gerade wieder ordentlich Dampf bekommt.
Auf die diskutierte Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ging Healey allerdings nicht ein. Das ist politisch pikant: Im Juni trat er als Verteidigungsminister zurück, weil er die damalige Finanzierung des Militärs durch Premierminister Keir Starmer für unzureichend hielt und eine Festlegung auf das Drei-Prozent-Ziel bis Ende des Jahrzehnts vermisste. Auch als Schatzkanzler nennt Healey weiterhin kein Datum für das Erreichen dieser Marke.
Der wirtschaftliche Befund ist unerquicklich. Rund 90 Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen inzwischen auf Dienstleistungen, das verarbeitende Gewerbe trägt etwa ein Zehntel zum BIP bei – und sein Anteil ist zuletzt weiter gesunken. Anfang September kündigte Jaguar Land Rover den Abbau von 4.000 Stellen an, fast ein Zehntel der Belegschaft. Wirtschaftsvertreter verweisen vor allem auf die hohen Energiekosten.
Wie hart das zuschlägt, zeigte der Chemiekonzern Ineos kurz vor dem Labour-Parteitag. Drei Werke im englischen Hull sollen vorübergehend schließen, etwa 1.000 Beschäftigte sind betroffen. Eigentümer Jim Ratcliffe machte die Gaspreise im Vereinigten Königreich verantwortlich: Gas sei dort inzwischen zwölfmal teurer als in den USA und achtmal teurer als in China. Unter solchen Bedingungen könne das Unternehmen nicht konkurrieren. Eine Klimapolitik mit hohen Energiepreisen und daraus folgender Deindustrialisierung nannte Ratcliffe „Selbstmord“.
Mehrere traditionell Labour-nahe Gewerkschaften kritisierten deshalb die Energie- und Klimapolitik der Regierung. Healey erwähnte in seiner Rede weder Energiepreise noch mögliche Steuererhöhungen. Nun richtet sich der Blick auf Premierminister Andy Burnham und seine Position zu Steuern und Energie. Umstritten ist unter anderem, ob die Regierung die Förderung von Gas und Öl in zwei neuen Offshore-Feldern vor Schottland genehmigt. Klimaschützer lehnen das ab, Gewerkschaften und Wirtschaftsvertreter unterstützen es.
Von der „Werkstatt der Welt“ zum Dienstleistungsland
Der historische Hintergrund ist gewaltig. Die Wirtschaftsgeschichte des Vereinigten Königreichs reicht von der Eingliederung Wales’ in das Königreich England nach 1535 bis zum modernen Vereinigten Königreich. England und Schottland teilten ab 1603 einen Monarchen, behielten aber getrennte Wirtschaftssysteme bis zur Union von 1707. Irland gehörte von 1800 bis 1922 zum Vereinigten Königreich; der Irische Freistaat wurde 1922 wirtschaftlich unabhängig.
Zwischen dem späten 17. und frühen 19. Jahrhundert wurde Großbritannien, besonders England, durch die Industrielle Revolution zu einer der wohlhabendsten Regionen der Welt. Das Land industrialisierte sich als erstes. Dampfmaschinen liefen in Bergwerken, Fabriken, Lokomotiven und Schiffen, Textil- und Werkzeugmaschinen veränderten die Produktion, Telegraphie und Eisenbahnen beschleunigten Handel und Kommunikation. Großbritannien wurde als „Werkstatt der Welt“ bekannt und exportierte Maschinen sowie Fertigwaren in viele Länder.
Britische Unternehmer dominierten internationalen Handel, Bankwesen, Schifffahrt und Versicherungen. Das Britische Empire bot Märkte für britische Produkte und war um 1900 das größte Imperium der Geschichte. Nach 1840 ersetzte Großbritannien die merkantilistische Wirtschaftspolitik schrittweise durch Freihandel. Die Royal Navy schützte Handelswege und Interessen, London entwickelte sich zum Zentrum der Weltwirtschaft.
Ganz geradlinig war die Erfolgsgeschichte nie. Zwischen 1870 und 1900 stieg das britische Einkommen pro Kopf zwar um etwa 50 Prozent, von rund 28 auf 41 Pfund. Gleichzeitig setzte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein relativer Rückgang gegenüber den USA und Deutschland ein. 1870 hatte Großbritannien weltweit das zweitgrößte Einkommen pro Kopf, 1914 lag es auf Platz drei, hinter Neuseeland und Australien. 1950 lag die britische Wirtschaftsleistung pro Kopf noch 30 Prozent über dem Durchschnitt der sechs EWG-Gründungsmitglieder; innerhalb von 20 Jahren wurde Großbritannien von den meisten westeuropäischen Volkswirtschaften überholt.
1973 trat Großbritannien der Europäischen Gemeinschaft bei. Danach verbesserte sich seine relative Wirtschaftsleistung wieder; vor der Großen Rezession lag das Einkommen pro Kopf knapp über dem Frankreichs und Deutschlands. Die große industrielle Vergangenheit blieb trotzdem sichtbar – in Häfen, Eisenbahnstrecken, Zechen und Werften, aber auch in den Lücken, die der Rückzug hinterlassen hatte.
Handel, Kredit und die lange Vorgeschichte
Im 16. und 17. Jahrhundert stiegen Einkommen und Handel. Ab etwa 1600 verlagerte sich das europäische Wirtschaftszentrum vom Mittelmeerraum in die Nordseeregion; England und die Niederlande profitierten stärker als Spanien und Portugal vom wachsenden Atlantik- und Asienhandel. Nach dem Bevölkerungsrückgang durch die Pest begann die Bevölkerung wieder zu wachsen. Wollwarenexporte brachten Aufschwung, Heinrich VII. erreichte 1496 den günstigen Handelsvertrag Intercursus Magnus.
Mit dem Bevölkerungswachstum kehrten niedrige Löhne und Landknappheit zurück. John Leland beschrieb zwischen 1531 und 1560 wachsende Städte, neue Märkte, Häfen, Gewerbe und Verkehrsverbindungen. Kleine Städte prosperierten teilweise durch Investitionen von Unternehmern und Wohltätern. Steuern belasteten Investitionen und wirkten sich negativ auf das Wirtschaftswachstum aus. In den 1640er- und 1650er-Jahren wuchsen Fertigung, Kreditwesen, Finanzinstrumente, Kommunikation und Verlagswesen. Kaffeehäuser wurden zu Treffpunkten für Gespräche über Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur – also die damaligen Büros mit schlechterem Kaffee und vermutlich mehr Rauch.
Weil Edelmetalle knapp waren, zirkulierten nur wenige Münzen. Die meisten Transaktionen erfolgten auf Kredit; Schulden wurden bei regelmäßigen Abrechnungen verrechnet. Münzen brauchte man vor allem für kleine Geschäfte, Steuern und den Außenhandel. Silber und Gold aus spanischen und portugiesischen Kolonien senkten die Transaktionskosten, erweiterten Märkte, erleichterten die Steuererhebung, stärkten die staatliche Finanzkraft und schufen Nachfrage nach asiatischen Luxusgütern.
Der Edelmetallzufluss und das Bevölkerungswachstum verstärkten zugleich den Inflationsdruck. Inflation verringerte den realen Wohlstand vieler Familien und vergrößerte die Kluft zwischen Arm und Reich. Grundbesitzer führten Einhegungen ein, die die ländliche Gesellschaft veränderten. Exporte nahmen deutlich zu, besonders innerhalb des Britischen Empire. Die Company of Merchant Adventurers organisierte seit dem frühen 15. Jahrhundert den Wollwarenexport. 1688 schlossen die East India Company und der armenische Händler Kjoja Panos Kalantar ein Handelsab
