In der Berliner Siemensstadt ging es am Mittwoch um viel Geld, große Erwartungen – und um die Geduld, die eine Reformagenda offenbar braucht. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) besuchte die Siemensstadt und nahm in der „Mosaikhalle“ der ehemaligen Siemens-Hauptverwaltung an einer Veranstaltung der Initiative „Made for Germany“ teil. Eingeladen waren auch Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD), Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sowie Martin Blessing, der persönliche Beauftragte des Bundeskanzlers für Investitionen.

Die von Siemens und der Deutschen Bank mit angestoßene Initiative zählt inzwischen 147 Unternehmen und Investoren. In einer anderen Darstellung ist von rund 150 Unternehmen die Rede. Ihr gemeinsames Anliegen: bessere Investitionsbedingungen in Deutschland. „Wir glauben an Deutschland. Wir wollen hier investieren“, betont die Initiative. Ob diese Zuversicht in der Praxis trägt, entscheidet sich allerdings nicht nur in Berliner Gesprächsrunden, sondern auch auf Baustellen, in Fabrikhallen und bei der Finanzierung neuer Infrastruktur.

Mehr als 850 Milliarden Euro bis 2028

Siemens-Chef Roland Busch zog eine erste Zwischenbilanz. Seit dem Start der Initiative vor einem Jahr hätten die Mitgliedsunternehmen nach eigenen Angaben mehr als 200 Milliarden Euro in Deutschland investiert. Mehr als 200 Milliarden Euro der angekündigten Vorhaben seien bereits 2025 getätigt worden. Bis 2028 sollen es mehr als 850 Milliarden Euro werden.

Das ursprüngliche Ziel lag bei 631 Milliarden Euro. Diese Summe hatten die 61 Gründungsmitglieder beim ersten Treffen im Juli 2025 angekündigt, als Merz den Schulterschluss mit Top-Managern suchte und die Initiative als eine der größten Investitionsinitiativen der vergangenen Jahrzehnte bezeichnete. Wegen der gestiegenen Mitgliederzahl wurde das Ziel angehoben. Offen blieb damals wie heute, welcher Anteil der Investitionen ohnehin geplant war und welcher tatsächlich durch „Made for Germany“ zusätzlich angestoßen wurde.

Auch innerhalb der Gruppe hat sich einiges verschoben. Bis Februar stiegen die Investitionspläne der beigetretenen Unternehmen netto um einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag. Energieversorger und Investoren erhöhten ihre Vorhaben, während Infrastrukturbetreiber ihre Investitionsbereitschaft reduzierten. Im Pharmasektor ist die Bereitschaft gedämpft. Ein glatter Durchmarsch sieht anders aus.

Busch sieht Deutschland dennoch gut aufgestellt. Das Land verfüge über die Voraussetzungen für neues Wachstum, sagte er, verlangte aber ein schnelleres Reformtempo und eine stärkere Nutzung der Chancen durch industrielle künstliche Intelligenz. Reformen dürften nicht in einen Verteilungskampf münden, damit wieder Wachstum von „einer Zwei vor dem Komma“ möglich werde.

Entlastung, Kapital und künstliche Intelligenz

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing verwies auf eine Bankbefragung: Für vier von fünf Investoren habe Europa zuletzt an Bedeutung gewonnen. Deutschland sei für diese Anleger das wichtigste Ziel innerhalb Europas. Die Mitgliedsunternehmen glaubten an den Standort, auch das internationale Interesse sei groß – für Investitionen brauche es aber verlässliche Rahmenbedingungen.

Sewing forderte Reformen, die Unternehmen und Bürger entlasten, die Sozialsysteme finanzierbar halten sowie Wachstum und Technologie fördern. Zugleich müssten die Kapitalmärkte gestärkt werden, damit mehr Geld für notwendige Investitionen mobilisiert werden könne. Privates Kapital soll schneller in Innovationen, Infrastruktur und neue Arbeitsplätze fließen.

Bei neuen Regeln für Technologien wie Künstliche Intelligenz müsse die Bundesregierung aufpassen, Europa nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen. Gerade bei industrieller künstlicher Intelligenz sieht Busch ungenutzte Chancen. Das klingt nach Fabrik, nicht nach Start-up-Garage: Maschinen, Daten, Energie, Netze – und die Frage, wer den Umbau bezahlt.

Merz räumte ein, dass die Bundesregierung bei ihren Reformvorhaben noch nicht den angestrebten Stand erreicht habe. Als erste Erfolge nannte er steigende ausländische Direktinvestitionen und angehobene Wachstumsprognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute. Für einen nachhaltigen Aufschwung seien weitere Reformen nötig. Seine Entschlossenheit, die Reformagenda fortzusetzen, betonte der Kanzler ausdrücklich.

Staatliche Impulse, private Investitionen

Klingbeil sagte, in Deutschland zeichne sich eine wirtschaftliche Belebung ab. Die Exporte in andere europäische Länder nähmen zu. Außerdem mache der Ausbau erneuerbarer Energien Deutschland unabhängiger von Öl und Gas. Die Kritik am wachsenden Schuldenstand nehme er ernst, zugleich verteidigte er staatliche Sondervermögen als Impuls für mehr Wachstum.

Der Schwerpunkt müsse aber auf privaten Investitionen liegen. Genau dort setzt die Initiative an. Blessing wirbt insbesondere im Ausland um Investoren für Deutschland. Für den 19. und 20. Oktober lud die Bundesregierung ausländische Investoren zur Konferenz „Invest in Germany“ nach Berlin ein.

Wie viel Rückenwind aus dem Ausland tatsächlich kommt, zeigt eine IW-Analyse. Die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland stiegen 2025 auf rund 86 Milliarden Euro. Das waren 50 Prozent mehr als 2024, als die Investitionen um fast 32 Prozent eingebrochen waren. Zum Vergleich: Gegenüber dem Median der Jahre 2015 bis 2024 lagen sie 2025 knapp 11 Prozent höher.

In diese Statistik fallen unter anderem Fusionen, Übernahmen und Unternehmensbeteiligungen. Häufig werden dabei auch Know-how und Technologie übertragen. Einzelne große Transaktionen können die Jahreszahlen allerdings stark beeinflussen – ein einzelner dicker Fisch verändert eben schnell das Bild des ganzen Teichs.

Europa bleibt der wichtigste Geldgeber

Die Herkunft des Kapitals hat sich deutlich verändert. US-Unternehmen investierten 2025 insgesamt 11,8 Milliarden Euro, fast 44 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Ihr Anteil sank von über 36 Prozent auf rund 14 Prozent.

Aus dem Vereinigten Königreich kamen dagegen rund 26 Milliarden Euro, ein Anstieg um etwa 284 Prozent. Damit entfielen fast 31 Prozent aller ausländischen Investitionen auf Großbritannien; das Land lag vor den USA. Chinesische Investitionen wuchsen um rund 51 Prozent auf 199 Millionen Euro, machten aber nur 0,2 Prozent des Gesamtvolumens aus. Auch aus Chile und Saudi-Arabien kamen jeweils mehr als 40 Prozent mehr Investitionen.

Die übrigen EU-Staaten investierten trotz eines Rückgangs von 2,7 Prozent rund 43 Milliarden Euro. Das entsprach gut 50 Prozent aller ausländischen Investitionen. Einschließlich des Vereinigten Königreichs kamen damit mehr als 80 Prozent des Kapitals aus Europa.

In der Berliner Mosaikhalle lagen große Versprechen und nüchterne Zahlen dicht beieinander: 850 Milliarden Euro bis 2028, neue Regeln für künstliche Intelligenz, stärkere Kapitalmärkte und der Wunsch nach weniger Lasten für Bürger und Unternehmen. Draußen in der Siemensstadt ging der Verkehr weiter, drinnen wurde über Tempo gesprochen. Für die nächsten Investitionsentscheidungen wird beides zählen.