Neue Schießsportregeln machen aus Zehnteln olympische Entscheidungen
Im Sportschießen sieht ein Rekord zunächst nach einer Zahl aus. Doch die Zahl hängt an Regeln, Zielscheiben und Finalformaten – und die können sich ändern. Während Bob Beamon den olympischen Weitsprungrekord 1968 auf 8,90 Meter steigerte und Mike Powell 1991 den Weltrekord auf 8,95 Meter verbesserte, wurde Uwe Hohns Speerwurf-Weltrekord von 104,80 Metern aus dem Jahr 1984 durch eine neue Speerkonstruktion praktisch aus dem Vergleich genommen. Der Speer gefährdete Zuschauer, heute liegt der Weltrekord bei 98 Metern.
Im Schießsport verschieben sich die Maßstäbe ebenfalls. Maximilian Dallinger gewann Ende 2025 in Kairo mit einem Feinwerkbau-Pressluftgewehr Modell 900 Alu den Weltmeistertitel. Geschossen wird im olympischen Gewehr- und Pistolenschießen auf Ringscheiben, inzwischen meist auf elektronisch ausgewertete Zielmedien. Und dort zählt manchmal ein Hauch – weniger als ein Wimpernschlag.
Warum die Zehntel plötzlich so viel bedeuten
Weil Spitzenschützen die maximale Ringzahl immer häufiger erreichten, wurden die Wettkämpfe mehrfach verändert. Die Zeiten wurden verkürzt, für die acht besten Qualifikanten ein Finale eingeführt, das wieder bei null Ringen beginnt, und die elektronische Auswertung machte Zehntelringe sichtbar. Ein exakt mittiger Treffer zählt als 10,9. Berührt ein Schuss den Zehnerring gerade noch sichtbar, sind es 10,0.
Auf der früheren Papier-Zielscheibe war der Zehnerbereich ein Mittelpunkt von 0,5 Millimetern, die einzelnen Ringe waren jeweils 2,5 Millimeter breit. Dieses Schema wird elektronisch simuliert. Schusszahlen und Ausscheidungsmodi der Finals wurden aus Gründen der Fernsehübertragung mehrfach angepasst. Viele aktuelle Rekorde gelten deshalb erst seit den jüngsten Regeländerungen; im Kleinkaliber-Dreistellungskampf werden sie seit dem Worldcup-Finale Ende 2025 gezählt.
Das überarbeitete ISSF-Regelwerk trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Der Schießsport-Weltverband hatte zuvor die Olympischen Spiele ausgewertet und mit IOC, TV-Verantwortlichen, Athleten, Trainern und Offiziellen gesprochen. Ein erster Test unter Wettkampfbedingungen erfolgte beim Weltcupfinale in Doha in Katar. Die Finals sollen kürzer und spannender werden, damit Flinten-, Gewehr- und Pistolendisziplinen auch künftig olympisch bleiben.
International gelten die neuen Regeln seit dem 1. Januar 2026 und auch bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. Der Deutsche Schützenbund ließ die Anfang 2026 bereits laufende Wettkampfsaison allerdings weitgehend nach den bisherigen Regeln austragen. Nationale Wettbewerbe richten sich weiterhin nach der Sportordnung des Deutschen Schützenbundes und den Mitteilungen der technischen Kommission. Die Finalwettkämpfe der Deutschen Meisterschaft Sportschießen werden nach Beschluss des Bundesausschusses Sportschießen gemäß den jeweils aktuellen ISSF-Regeln ausgetragen.
Ein Finale, bei dem niemand lange verschnaufen kann
Alle Einzel-Finals werden künftig mit acht Athleten ausgetragen – auch Flinten- und Schnellfeuerpistolenfinals. In den Mixed-Wettbewerben mit Luftgewehr, Luftpistole, Trap und Skeet treten die vier besten Teams der Qualifikation gemeinsam im Finale an. Bei im Fernsehen übertragenen Gewehrfinals auf 10 und 50 Meter sowie bei 10-Meter-Pistolenfinals wird die Zielnachverfolgung verpflichtend. In Flintenfinals gehört der Video Assistant Referee, kurz VAR, fest dazu.
Auch die Kleidung bekommt neue Grenzen: Hose und Jacke müssen weniger steif sein. Das klingt nach Stoffkunde, kann in einer langen Anschlagsposition aber den Unterschied machen. Die Regeln bleiben grundsätzlich für einen vierjährigen olympischen Zyklus gültig. Das nächste große Ziel heißt Los Angeles 2028.
Im neuen Finale des Kleinkaliber-Dreistellungskampfs stehen 40 Wettkampfschüsse auf dem Programm. Je zehn Schüsse fallen im Kniend- und im Liegendanschlag, dafür stehen 22 Minuten zur Verfügung. Nach dem letzten Liegendschuss wechseln die Athleten in den Stehendanschlag und dürfen bis zum Ablauf dieser 22 Minuten Probeschüsse abgeben. Danach folgen zehn Wettkampfschüsse im Stehen.
Dann wird aussortiert: Zuerst scheiden die Athleten auf den Plätzen acht und sieben aus. Nach jeweils zwei weiteren Schüssen trifft es jeweils einen weiteren Teilnehmer. Die beiden zuletzt verbliebenen Athleten kämpfen um den Sieg. Viel Zeit zum Rechnen bleibt da nicht, eher für einen kurzen Atemzug und den nächsten Schuss.
In der Schnellfeuerpistole starten acht statt sechs Athleten. In den ersten drei Fünferserien schießen jeweils zwei gleichzeitig. Nach dem 15. Schuss scheiden die Athleten auf den Plätzen acht und sieben aus, danach schießt jeder einzeln. Nach jeder weiteren Fünferserie verlässt der Letztplatzierte den Wettbewerb. Nach dem 40. Wettkampfschuss steht der Sieger fest, sofern kein Stechen erforderlich ist.
Die Druckluft-Einzelwettbewerbe beginnen mit zwei Fünferserien. Danach folgen insgesamt 14 Einzelschüsse. Nach dem zwölften Finalschuss scheidet der letztplatzierte Athlet aus, anschließend nach jeweils zwei weiteren Schüssen der nächste. Bei den Mixed-Wettbewerben mit Druckluftwaffen schießen die vier Teams beziehungsweise acht Athleten zunächst jeweils drei Fünferserien. Danach folgen neun Einzelschüsse pro Athlet. Nach dem 18. Finalschuss scheidet das insgesamt schwächste Team als Viertplatzierter aus. Drei weitere Einzelschüsse pro Athlet später steht der Gewinner der Bronzemedaille fest, nach nochmals drei Schüssen pro Athlet fallen Gold und Silber.
Flinte, Scheibe, Ausschluss – die neuen Abläufe
Im Trap-Finale scheiden nach zehn Scheiben die ersten beiden Athleten aus. Nach weiteren fünf Scheiben folgen zwei weitere. Nach nochmals fünf stehen die drei Erstplatzierten fest, weitere fünf Scheiben ermitteln den Bronzemedaillengewinner. Danach schießen die beiden verbliebenen Athleten weitere fünf Scheiben. Die beiden Finalisten kommen damit auf insgesamt 30 Scheiben, sofern kein Stechen nötig ist.
Beim Skeet ist der Rhythmus ein anderer: Nach zwölf Scheiben scheiden die ersten beiden Athleten aus. Weitere zwölf Scheiben entscheiden über die Plätze sechs und fünf. Nach vier weiteren Scheiben stehen die Medaillengewinner fest, nochmals vier Scheiben bringen den Bronzemedaillengewinner hervor. Nach weiteren vier Scheiben sind Gold und Silber vergeben, sofern kein Stechen nötig ist. Der Sieger steht nach insgesamt 36 Scheiben fest.
Im Trap-Mixed schießt jedes Teammitglied zunächst zehn Scheiben. Danach scheidet das schwächste Team als Viertplatzierter aus. Nach weiteren zehn Scheiben pro Athlet steht das Bronzeteam fest; nach weiteren zehn Scheiben pro Athlet werden Gold und Silber entschieden. Die beiden besten Teams schießen damit jeweils 30 Scheiben pro Athlet, ohne Stechen.
Beim Skeet-Mixed beginnt jedes Teammitglied mit zwölf Scheiben. Das schwächste Team scheidet als Viertplatzierter aus, nach weiteren zwölf Scheiben pro Athlet steht das Bronzeteam fest. Weitere zwölf Scheiben pro Athlet entscheiden über Gold und Silber. Die beiden besten Teams kommen damit jeweils auf 36 Scheiben pro Athlet, ebenfalls ohne Stechen.
Eine lange olympische Spur
Wie weit die Geschichte des olympischen Schießsports reicht, zeigt die Statistik: Die abschließende Tabelle „Anzahl der Wettbewerbe“ weist 367 Wettbewerbe aus. Bei den Männern entfallen davon 23 auf die Schnellfeuerpistole über 25 Meter, 15 auf das Kleinkalibergewehr im Dreistellungskampf über 50 Meter, elf auf das Luftgewehr über 10 Meter, zehn auf die Luftpistole über 10 Meter, acht auf Skeet und 21 auf Trap.
Zu den weiteren Gewehr- und Pistolendisziplinen gehörten Armeegewehr-Wettbewerbe über 200, 300 und 600 Meter sowie Mannschaftswettbewerbe, der Armeerevolver über 25 Meter einschließlich Mannschaftswettbewerb und die Duellpistole über 20 und 25 Meter. Genannt werden außerdem die Freie Pistole über 50 Meter einschließlich Mannschaftswettbewerb mit 21 beziehungsweise vier Wettbewerben, das Freie Gewehr über 300, 400, 600, 800 und 1000 Yards, Kleinkalibergewehr-Wettbewerbe über 25 und 50 Meter einschließlich Mannschaftswettbewerben, der Laufende Hirsch mit Einzel-, Doppel- sowie kombinierten Schüssen
