Heute, am 8. Oktober 2026, öffnet im Berliner Gropius Bau eine Ausstellung, die schon mit ihrem Titel keinen Sicherheitsabstand lässt: „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“. Bis zum 17. Januar 2027 ist dort Christoph Schlingensiefs Nachlass zu sehen. Acht Säle, helle, tiefrote und schwarze Wände, dazu Arbeiten aus Aktionen, Filmen und Bühnenprojekten – Installationen, Experimentalfilme, Requisiten, Plakate und dokumentierte Performances.

Ruhe ist dabei nicht vorgesehen. Schlingensief wollte, wie er selbst sagte, „kein Publikum beruhigen“, sondern „es überfordern“. Seine Ausstellung arbeitet deshalb häufig ohne klare Erzählungen und eindeutige Bilder. Filme, Bühnenbilder, Requisiten sowie mehrfach überlagerte Bild- und Tonmaterialien stehen nebeneinander, prallen aufeinander, laufen sich gegenseitig den Rang ab. Wer hier eine sauber sortierte Künstlerbiografie erwartet, könnte sich ziemlich schnell verirren.

Deutschland als Bühne und Zumutung

Christoph Maria Schlingensief wurde am 24. Oktober 1960 in Oberhausen geboren und starb am 21. August 2010 in Berlin im Alter von 49 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs. Er war Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler. Sein Vater Hermann Josef war Apotheker, seine Mutter Anni Kinderkrankenschwester. Mit zwölf Jahren begann Schlingensief, mit Schmalfilmen zu experimentieren; 1974 entstand unter anderem der Langfilm „Das Totenhaus der Lady Florence“.

Im Keller seiner Eltern veranstaltete er Kulturabende, bei denen unter anderem Helge Schneider und Theo Jörgensmann auftraten. Nach dem Abitur am Heinrich-Heine-Gymnasium in Oberhausen studierte er ab 1981 in München Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Nebenbei war er Musiker, unter anderem in der Gruppe Vier Kaiserlein mit Tobias Gruben. Als Assistent von Werner Nekes produzierte er erste Kurzfilme. Sein erster Spielfilm war 1983 „Tunguska – Die Kisten sind da“.

Von 1983 bis 1986 hatte Schlingensief Lehraufträge an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und der Kunstakademie Düsseldorf. 1986/87 arbeitete er als erster Aufnahmeleiter der Fernsehserie „Lindenstraße“, 1988 produzierte er für das ZDF das Fernsehspiel „Schafe in Wales“. Größere Bekanntheit brachte ihm die Deutschlandtrilogie: „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ (1989), „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) und „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ (1992).

Seine Filme bezogen sich immer wieder auf bekannte Werke. „Terror 2000“ nahm „Mississippi Burning“ auf, „Die 120 Tage von Bottrop“ verwies auf „Die 120 Tage von Sodom“, „Mutters Maske“ auf Veit Harlans „Opfergang“. Einige Drehbücher schrieb Schlingensief mit Unterstützung von Oskar Roehler. Als Bühnenbildner verwendete er das Pseudonym Thekla von Mülheim.

1993 begann seine Theaterregiekarriere an der Berliner Volksbühne mit „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“. Bis 2006 entstanden zahlreiche Theater- und Kunstprojekte. Dazu zählen „Kühnen ’94 – Bring mir den Kopf von Adolf Hitler“ (1994), „Hurra, Jesus! Ein Hochkampf!“ (1995), „Schlacht um Europa I–XLII“ (1997), „Artisten in der Zirkuskuppel – Ratlos“ (1998), „Berliner Republik“ und „Rosebud“ (2001), „Hamlet“ (2001), „Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe“ (2002), „ATTA ATTA – Die Kunst ist ausgebrochen“ (2003), „Bambiland“ (2003), „Attabambi-Pornoland“ (2004), „Kaprow City“ (2006), „Der Zwischenstand der Dinge“ (2008), „Sterben lernen“ (2009) und „Remdoogo – Via Intolleranza II“ (2010).

Auch die Liste seiner Filme und Fernsehproduktionen liest sich wie ein eigenes Programm: „Für Elise“ (1982), „Phantasus muss anders werden – Phantasus go home“ (1983), „Johnny Flash“ (1986), „Gossenkind“ (1992), „Domenica“ (1993), „Tod eines Weltstars – Udo Kier“ und „Abschied von Agnes“ (beide 1994), „United Trash“ (1996), „Silvester Countdown“ (1997), „Hamlet X“ (2003) sowie „Silentium“ (2004).

Am 31. August 1997 wurde Schlingensief bei der documenta X in Kassel während der Aktion „Mein Filz, mein Fett, mein Hase“ festgenommen. Er und weitere Aktivisten hatten Schilder mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ gezeigt und die Aufforderung über Lautsprecher verbreitet. Im selben Jahr rief er im Rahmen einer Kunstaktion zum Töten des FDP-Politikers Jürgen Möllemann auf. Ende 1997 liefen acht Folgen der Talkshow „Talk 2000“, in der Schlingensief jeweils zwei Gäste interviewte – mit einer Ausnahme.

1998 gründete er die Partei Chance 2000 und beteiligte sich am Bundestagswahlkampf. Die Partei verstand sich als Partei der Arbeitslosen und gesellschaftlich Ausgegrenzten, ihr Wahlslogan lautete „Scheitern als Chance!“. Bei der Bundestagswahl 1998 erreichte sie 0,058 Prozent. Zum Wahlkampf gehörten der Wahlkampfzirkus, Wahlkampftourneen, Rundgespräche unter dem Titel „Wir lernen sprechen“ und die Aktion „Baden im Wolfgangsee“.

Dafür lud Schlingensief sechs Millionen deutsche Arbeitslose ein. Durch den Anstieg des Wasserspiegels sollte das Ferienhaus Helmut Kohls in St. Gilgen überflutet werden. Tatsächlich kamen weniger als 100 Personen. 1999 erschien das Büchlein „Wähle Dich Selbst – Chance 2000“; im Frühjahr veröffentlichte der Lautsprecherverlag eine ausführliche Dokumentation zu Chance 2000, an der Schlingensief mitarbeitete. Ebenfalls 1999 plante er für die Alfred Herrhausen Gesellschaft „Rettet den Kapitalismus – schmeißt das Geld weg“. 100.000 Mark sollten für ein Jugendtheaterprojekt im kriegszerstörten Jugoslawien gesammelt werden, andernfalls wollte er das Geld vom Balkon des Berliner Reichstags werfen. Die Stiftung sagte die Aktion vor ihrer Durchführung ab.

Vom Hudson River bis zur Kirche der Angst

Ein historisches Schlüsselstück der Berliner Schau ist „Deutschlandsuche ’99“. Am 9. November 1999 warf Schlingensief in New York eine Urne mit der „Asche Deutschlands“ und einen Koffer mit 99 deutschen Alltagsgegenständen in den Hudson River. Das Datum verwies zugleich auf den Fall der Berliner Mauer 1989 und auf die NS-Pogromnacht von 1938. 1999 war Schlingensief außerdem vom MoMA PS1 nach New York eingeladen worden, wo er an der Freiheitsstatue „Deutschland versenken“ inszenierte.

Zu seinen weiteren Kunstaktionen und Installationen gehören „Passion Impossible – 7 Tage Notruf für Deutschland“ (1997), „Deutschlandsuche ’99“ (1999/2000), „Bitte liebt Österreich“ (2000), „Aktion 18 – Tötet Politik!“ (2002), „Church of Fear“ (2003), „Der Animatograph“ (2005), „Chickenballs – Der Hodenpark“ (2006), „18 Bilder pro Sekunde“ und „Trem Fantasma“ (beide 2007) sowie „Stairlift to Heaven“ und „Trace du Sacré“ (beide 2008).

Im Jahr 2000 installierte Schlingensief bei den Wiener Festwochen den Container „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“. In dem an „Big Brother“ angelehnten Projekt lebten Asylsuchende; das Publikum konnte per Abstimmung entscheiden, wer den Container und Österreich verlassen musste. Der Regisseur Paul Poet verfilmte die Aktion als Dokumentation. Wegen der Aufmerksamkeit für seine Volksbühnen-Projekte wurde Schlingensief an Schauspielhäuser in Hamburg, Zürich und Wien eingeladen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht auch „Querverstümmelung“, 2007/08 im Zürcher Migros Museum gezeigt. Bestandteil ist „Kaprow City“, eine für eine Castorf-Bühne entwickelte rotierende Bühneninstallation, inspiriert von Allan Kaprows „18 Happenings in 6 Parts“. Dramaturg Carl Heg