Weiterbauen statt wegwerfen: Im Hochbau wächst das Interesse an Gebäuden, die schon da sind. Das ist keine romantische Idee, sondern zunehmend eine praktische Notwendigkeit. Steigende Baukosten, knappe Ressourcen, Klimaziele und fehlende Flächen machen die Umnutzung von Bestandsgebäuden in Deutschland wichtiger. Rund 90 Prozent der CO₂-Emissionen von Gebäuden entstehen laut dem Artikel des Verbands für Bauen im Bestand im Herstellungsprozess. Wer Tragwerk, Fassaden und vorhandene Materialien erhält, spart deshalb Ressourcen, Energie und Emissionen.

Das Buch „Weiterbauen. Strategien für den Bestand.“ zeigt auf 304 Seiten, wie unterschiedlich dieser Weg aussehen kann. Es dokumentiert 46 Architekturprojekte – von Instandsetzungen und Umbauten über die Umnutzung leerstehender Gebäude bis zu Aufstockungen, Erweiterungen und umfassenden Transformationen. Ausgangspunkt sind bestehende Tragwerke, Materialien, Grundrisse und Nutzungsspuren. Gebäude erscheinen dabei als Speicher gebundener Energie, aber auch als Speicher konstruktiven Wissens und gesellschaftlicher Geschichte.

Was im Bestand steckt

Im Mittelpunkt stehen Fragen, die auf Baustellen ziemlich konkret werden: Was kann erhalten, repariert, umgedeutet oder ergänzt werden? Welche räumlichen Möglichkeiten liegen in einer vorhandenen Struktur? Die vorgestellten Ansätze sollen Ressourcen schonen und zugleich neue architektonische Qualitäten schaffen. Geschichte und Gegenwart werden dabei nicht glattgebügelt, sondern miteinander verbunden.

Drei Projekte aus dem Buch machen die Bandbreite sichtbar: das Bergson Kunstkraftwerk in München von Stenger2 Architekten und Partner, die modernisierte und erweiterte Evangelische Kirche in Lützel-Wiebelsbach von klinkenberg | architektur sowie das umgebaute Adolf-Hölzel-Haus in Stuttgart von THE BAUKUNST DYNAMITES. Zahlreiche Fotos, Pläne und begleitende Projekttexte machen die Entscheidungen nachvollziehbar – für Planende ebenso wie für Architekturinteressierte.

Der Titel erscheint in der Reihe „Edition 1:100“ des Deutschen Architektur Verlags, die Architekturprojekte nach thematischen Schwerpunkten vorstellt. Der Verlag erhielt 2019 und 2022 den Deutschen Verlagspreis. „Weiterbauen. Strategien für den Bestand.“ ist als Hardcover erhältlich, trägt die ISBN 978-3-946154-92-1 und kostet 70,00 Euro. Zu bekommen ist das Buch im Buchhandel und im Onlineshop des Verlags.

Hinter der Debatte steckt auch eine wirtschaftliche Schieflage: Neubau gilt häufig als attraktiver als die Umnutzung bestehender Immobilien. Veraltete Gesetze und überholte Denkweisen tragen laut Verband für Bauen im Bestand dazu bei. Dabei kann eine neue Nutzung gegenüber Abriss und Neubau CO₂-Emissionen, Ressourcenverbrauch und Abfallaufkommen reduzieren. Der Verband will dafür praxisnahe Lösungen entwickeln, kostenlos bereitstellen und durch die Community laufend verbessern.

Von der „Fuck-up Session“ bis zur Wissensplattform

Der Entwicklungsprozess beginnt mit einer „Fuck-up Session“, in der drängende Branchenprobleme gesammelt werden. Danach werden die Herausforderungen priorisiert und konkretisiert. In einem digitalen Workshop entwickeln Verbandsmitglieder ein passendes Produkt – etwa einen Leitfaden, ein Tool oder eine Arbeitshilfe. Ein zweiter, vor Ort stattfindender, Hackathon-ähnlicher Workshop dient der gemeinsamen Ausarbeitung. Anschließend prüft der Verbandsvorstand die Ergebnisse; veröffentlicht werden sie auf einer frei zugänglichen Wissensplattform.

Klassische Arbeitskreise sollen dadurch um direkt nutzbare Produkte für die Baupraxis ergänzt beziehungsweise ersetzt werden. Zusätzlich gründet der Verband die BiB Academy. Künftig soll sie enger mit Bildungsinstitutionen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen aus Immobilienwirtschaft, Architektur und Bauwesen zusammenarbeiten. Aktuelle Erkenntnisse und praxisorientierte Methoden des Bauens im Bestand sollen in Lehr- und Ausbildungsprogramme einfließen.

Der Bedarf ist sichtbar. Der stationäre Einzelhandel schrumpft, Büroflächen stehen seit der Covid-19-Pandemie und durch Homeoffice vielerorts leer, während Wohnraum vor allem in Ballungszentren knapp bleibt. Kaufhäuser, Büro- und Verwaltungsgebäude, Industriebauten und Kirchen kommen deshalb für Wohn-, Bildungs- oder Mixed-Use-Konzepte infrage. Stadtstrukturen lassen sich so revitalisieren, ohne zusätzliche Flächen zu versiegeln.

Beispiele gibt es reichlich: Ein ehemaliges Kellogg’s-Getreidesilo in Bremen wurde zu einem Hotel und erhielt 2025 einen Sonderpreis des Deutschen Städtebaupreises. In Hamburg bekam der Bunker auf St. Pauli als „Grüner Bunker“ ein Hotel namens „Reverb by Hard Rock“, einen öffentlich zugänglichen Bergpfad, einen Dachgarten, Veranstaltungsbereiche und Gedenkstätten. In Offenburg entstand das „Hotel Liberty“ in einer ehemaligen Justizvollzugsanstalt.

Kirchen, Kaufhäuser und leere Büros

Bundesweit gibt es laut Stiftung Baukultur etwa 45.000 Kirchen. Viele stehen leer oder sind vom Abriss bedroht. Konzerthallen, Galerien, Kultur- und Bücherorte, Kletterhallen, Geschäfte oder Wohnungen können neue Leben in die Gebäude bringen. Die ehemalige katholische Pfarrkirche St. Peter in Mönchengladbach wird als Kletterhalle genutzt. In der ehemaligen katholischen Pfarrkirche St. Rochus in Jülich befindet sich seit 2023 ein Fahrradgeschäft. Bestandselemente wurden bei beiden Projekten vielfach abgedeckt und nicht entfernt, damit eine spätere Rückkehr zur ursprünglichen Nutzung möglich bleibt.

In der ehemaligen Bethanienkirche in Berlin-Weißensee sollen bis Ende 2026 insgesamt 17 Wohnungen entstehen: drei im denkmalgeschützten Turm, weitere in einem Neubauflügel auf der Grundfläche des im Krieg zerstörten Kirchenschiffs.

Auch Kaufhäuser werden zu neuen Stadtbausteinen. Das ehemalige Centrum-Warenhaus am Berliner Ostbahnhof wurde zu „UP! Berlin“, einem Bürogebäude, umgebaut. Der 1979 eröffnete, siebengeschossige Betonskelettbau erhielt statt seiner früheren orange-türkisen Fassade eine neue Hülle. Nach einem Architektenwettbewerb entstand ein Konzept mit bis zu acht Mieteinheiten pro Geschoss; derzeit sind die Räume an Zalando vermietet.

Das 1930 nach Plänen Erich Mendelsohns errichtete Kaufhaus Schocken in Chemnitz wurde zum Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz, dem smac. Eröffnet wurde das Gebäude am 15. Mai 1930. Später wechselte es unter anderem die Nutzungen Merkur, HOWA, Centrum und Kaufhof. Am 15. Mai 2014 erhielt es seine Museumsfunktion.

Der Umbau von Bürogebäuden zu Wohnraum zählt zu den gefragtesten Umnutzungen. Der JLL-Büromarktbericht für die sieben deutschen Bürometropolen weist für das erste Quartal 2026 eine durchschnittliche Leerstandsquote von 8,3 Prozent aus. Laut ifo Institut könnten rund 30 Prozent der leerstehenden Büroflächen technisch und baurechtlich in Wohnraum umgewandelt werden. Das klingt nach viel – geeignet ist längst nicht jede Fläche, und oft sind umfangreiche Umbauten nötig.

Ein Beispiel ist das Gebäude am Wilhelmsruher Damm 142 in Berlin. Von 1971 bis 2019 wurde es als GESOBAU-Verwaltungssitz genutzt. Nach dem Umzug der Verwaltung entstanden 53 barrierefreie Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen, insbesondere für Senioren, insgesamt 66 Wohnungen einschließlich Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen sowie fünf Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss. Das GESOBAU-Kundencenter soll künftig eine dieser Gewerbeflächen nutzen.

Die bestehende Stahlbetonkonstruktion blieb erhalten. Nach dem Rückbau wurden Dächer, Fassaden, Fenster, Innenausbau und Haustechnik einschließlich Installationsschächten neu aufgebaut und angepasst. Nicht spektakulär auf den ersten Blick – aber genau dort entscheidet sich, ob Weiterbauen funktioniert.

In Konstanz wird seit 2021 ein 1971 fertiggestelltes Fernmeldegebäude mit 15 Büroetagen zu 98 Wohnungen umgebaut. Das Gebäude ist 62 Meter hoch und damit der zweithöchste Bau Konstanz’; einschließlich Funkantenne erreicht es 90 Meter. Geplant sind 98 hochpreisige Apartments, Gewerbeflächen im Erdgeschoss und ein Staffelgeschoss für die weiterhin dort genutzte Telekom-Technik. Die Maßnahmen umfassen rund 20.200 m² Bruttogrundfläche.

Das rückwärtige Technikgebäude bleibt in Telekom-Nutzung und soll durch einen Dachgarten öffentlich zugänglich werden. Zwei zusätzliche Gebäuderiegel mit einer Kita und 135 weiteren, teilweise geförderten Wohnungen sind vorgesehen. Die Planung musste Anforderungen an Statik, Gefahrstoffe, Schallschutz und Sanitärstränge mit dem Erhalt des Gebäudcharakters verbinden. Weil die Wohnungen am St