Im deutschen Hochbau wird die Luft dünner. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) meldet für das zweite Quartal 2026 insgesamt 4.996 Firmeninsolvenzen – der höchste Wert seit 2005. Allein im Juni gingen 1.702 Unternehmen insolvent, 20 Prozent mehr als im Juni 2025.

Zu spüren ist der Druck nahezu überall: im Baugewerbe, im Handel und in der Gastronomie. Das verarbeitende Gewerbe blieb laut dem Bericht dagegen weitgehend verschont. Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, bezeichnete das Insolvenzgeschehen als weiterhin außergewöhnlich hoch. Viele Branchen und Regionen seien gleichzeitig betroffen. Für das dritte Quartal 2026 erwartet das IWH weiterhin höhere Insolvenzzahlen als im Vorjahreszeitraum.

Wenn Kosten und Aufträge nicht mehr zusammenpassen

Gerade Bauunternehmen kämpfen mit einem ungemütlichen Mix. Als Gründe für die Entwicklung nennt das IWH die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, das Auslaufen staatlicher Finanzhilfen, strukturelle Probleme durch den demografischen Wandel und bürokratische Belastungen. Hinzu kommen gestörte Lieferketten infolge des Ukraine-Kriegs sowie stark gestiegene Energiekosten.

Viele Firmen können diese höheren Kosten nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben. Für Betriebe, die mit Materialpreisen, Energie, Löhnen und ohnehin schwer kalkulierbaren Baustellen hantieren, wird das schnell zum Drahtseilakt. Laut Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hielten staatliche Corona-Hilfen in den Jahren 2020 und 2021 rund 140.000 Unternehmen künstlich am Leben.

Nordrhein-Westfalen und Hessen weisen laut dem Bericht besonders hohe Insolvenzwerte auf. Das Statistische Bundesamt registrierte im ersten Quartal 2026 einen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen um 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Creditreform meldete für das erste Halbjahr 2026 insgesamt 12.900 Firmeninsolvenzen – der höchste Halbjahreswert seit 2013.

Die Zahlen haben ihre Tücken

Bei der Bewertung der Folgen schaut das IWH nicht einfach nur auf eine Liste insolventer Firmen. Für Analysen zu insolvenzbetroffenen Beschäftigten werden Insolvenzbekanntmachungen der Gerichte mit Unternehmensdaten von Bureau van Dijk (BvD) verknüpft. Diese Daten enthalten unter anderem Beschäftigungszahlen und Bilanzkennzahlen.

Für große Unternehmen gelten die BvD-Daten als verlässlich. Viele kleine Firmen sind jedoch nicht erfasst, weshalb sich Analysen auf dieser Grundlage vor allem auf Großunternehmen beziehen. Bei konsolidierten Konzernbilanzen insolventer Unternehmen werden zudem nicht insolvente Tochtergesellschaften herausgerechnet.

Ein weiterer Punkt, der leicht untergeht: Die stärksten Beschäftigungsrückgänge treten häufig bereits im Jahr vor der Insolvenz auf. Beschäftigungs- und Bilanzangaben beziehen sich deshalb meist auf Vorjahre, damit die wirtschaftlichen Auswirkungen realistischer abgebildet werden. Das IWH aktualisiert die verwendeten BvD-Daten zweimal jährlich; dadurch kann es zu meist geringfügigen Änderungen bei den ausgewiesenen Beschäftigtenzahlen kommen.

Ein paar Lichtstreifen zwischen den Baustellen

Ganz schwarz ist das Bild trotzdem nicht. Industriebetriebe meldeten steigende Produktionszahlen, und die deutschen Exporte stiegen vier Monate in Folge. Laut VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel war der Mai wirtschaftlich positiv. Eine erwartete wirtschaftliche Abschwächung im zweiten Quartal könnte ausbleiben. Auch der DAX stabilisierte sich nach den Turbulenzen infolge des Iran-Kriegs.

Das klingt zunächst nach wenig – an einem Tag mit vollen Auftragsbüchern kann aber schon ein kleiner Lichtblick reichen. Für viele Betriebe im Hochbau bleibt die Lage dennoch angespannt, zumal zwischen einem positiven Konjunktursignal und einer tatsächlich bezahlten Rechnung ein ordentliches Stück Weg liegt.

Was Insolvenz für Unternehmen und Menschen bedeutet

Insolvenz bezeichnet die Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners gegenüber Gläubigern. Ziel eines Insolvenzverfahrens ist ein gerechter Ausgleich zwischen Schuldnern und Gläubigern auf Grundlage der Insolvenzordnung.

2025 wurden in Deutschland rund 131.000 Insolvenzen registriert; etwa 119.000 Verfahren wurden tatsächlich eröffnet. Verbraucherinsolvenzen machten den größeren Anteil der monatlichen Gesamtzahl aus. Bei den Unternehmensinsolvenzen wurden 2025 rund 24.100 Fälle gezählt, gut 10 Prozent mehr als im Vorjahr.

Absolut gab es die meisten Unternehmensinsolvenzen in Nordrhein-Westfalen. Gemessen an der Unternehmensdichte lagen Berlin, Hamburg und Bremen vorn. Thüringen verzeichnete mit über 30 Prozent den stärksten Anstieg, während die Fallzahlen in Bremen, Berlin und dem Saarland zurückgingen. Knapp 60 Prozent der Unternehmensinsolvenzen entfielen auf den Dienstleistungssektor, gefolgt von Handel und Baugewerbe. Die Entwicklung unterschied sich deutlich zwischen Regionen und Branchen.

Zu den größeren Insolvenzen nach Zahl der betroffenen Beschäftigten zählten die KODi Diskontläden GmbH und die Argentum Pflege Holding GmbH. Schätzungsweise gingen bundesweit rund 285.000 Arbeitsplätze verloren. Der finanzielle Schaden lag bei rund 57 Milliarden Euro und damit deutlich über dem Vorjahresniveau.

Auch die private Seite bleibt nicht außen vor. Die Zahl der Privatinsolvenzen stieg zuletzt wieder; die meisten Fälle gab es in Nordrhein-Westfalen. Die Überschuldungsquote war 2025 bei den 30- bis 39-Jährigen mit rund 13 Prozent am höchsten. Die Zahl überschuldeter Personen ab 18 Jahren stieg 2025 erstmals seit 2018 wieder an und erreichte rund 5,67 Millionen. Seit 2007 war diese Zahl zuvor fast durchgehend zurückgegangen.

Im internationalen Vergleich lag Deutschland bei den absoluten Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa zuletzt hinter Frankreich und Großbritannien. Bei der Unternehmensinsolvenzquote lagen 2024 andere westeuropäische Länder vorn. Auch dort entfiel der größte Anteil der Unternehmensinsolvenzen auf den Dienstleistungssektor.

Der zugrunde liegende Statista-Artikel wurde am 17.09.2026 von Bruno Urmersbach veröffentlicht. Heute, am 7.10.2026, stehen die Zahlen für den Hochbau damit in einer Lage, die sich nicht mit einem einzelnen schlechten Monat erklären lässt: Auf manchen Baustellen laufen die Maschinen weiter, andernorts wird erst einmal gerechnet, telefoniert und gehofft, dass die nächste Zahlung nicht zu lange auf sich warten lässt.