ING zieht 2028 ins 60-Meter-Hochhaus am Frankfurter Osthafen
Die ING Deutschland verlegt 2028 ihren Hauptsitz aus dem Frankfurter Westend an den Osthafen. Der Umzug von der Theodor-Heuss-Allee ins Hafenpark-Quartier ist für das zweite Quartal 2028 geplant; fertiggestellt werden sollen die neuen Räume bereits im ersten Quartal desselben Jahres. Der derzeitige Sitz im LEO-Gebäude liegt rund vier Kilometer Luftlinie vom künftigen Standort entfernt.
Dafür hat die Bank mit der Hamburger B&L Gruppe einen langfristigen Mietvertrag unterschrieben. Mehr als 3.000 Frankfurter Mitarbeitende sollen im größeren der beiden neuen Bürogebäude arbeiten, der 16-stöckigen HPQ Offices an der Hanauer Landstraße. Auf die ING zugeschnitten sind rund 32.000 beziehungsweise 32.400 Quadratmeter Mietfläche. Die Bank beschäftigt rund 5.000 Menschen und betreut mehr als zehn Millionen Kundinnen und Kunden.
Ein Hochhaus ohne fossile Energie
Das Hochhaus entsteht im Honselldreieck zwischen Hanauer Landstraße, Honsellstraße und Eytelweinstraße – nahe dem Hafenpark, dem Ostbahnhof und der Europäischen Zentralbank. Es wird 60 Meter hoch und soll im Betrieb vollständig ohne fossile Energieträger auskommen. Die Wärme kommt überwiegend aus Anlagen zur Wärmenutzung von Abwasser. Photovoltaik auf Dächern und Fassade ergänzt das Konzept. Für den Neubau wird außerdem eine LEED-Platin-Zertifizierung angestrebt, die höchste Stufe des internationalen Systems für nachhaltiges Bauen.
Auch beim Verkehr wird kräftig mitgedacht: Alle 540 Autostellplätze in der Tiefgarage erhalten E-Ladesäulen, 300 davon sind für die ING reserviert. Ein Fahrradaufzug führt hinunter in die Garage, die Platz für 900 Fahrräder bietet. Geplant sind moderne Gebäudetechnik und Dachgärten auf mehreren Ebenen. Mehrere Dachterrassen, teils mit Blick auf die Frankfurter Skyline, sollen als Arbeits- und Begegnungsflächen dienen.
Das Ensemble stammt vom Frankfurter Architekturbüro Meixner Schlüter Wendt. Die B&L Gruppe feierte bereits Richtfest für beide Bürogebäude. Für die Bauarbeiten wurden nach Angaben des Unternehmens 15 Monate benötigt – das Projekt liegt damit im Zeitplan.
Atrium, Townhall und kurze Wege
Das zweite Haus wird ein siebenstöckiges Atrium-Gebäude mit rund 32.500 Quadratmetern Mietfläche. Flexible Arbeitsbereiche, unterschiedliche Wegebeziehungen rund um das große Atrium und eine Townhall-Fläche für Veranstaltungen und interne Treffen sollen dort zusammenkommen. Insgesamt entstehen im Quartier gut 64.700 Quadratmeter vermietbare Bürofläche, beziehungsweise mehr als 60.000 Quadratmeter Bürofläche in den beiden Gebäuden.
ING-CFO Nurten Erdogan zufolge war Frankfurt als Standort gesetzt. Verkehrsanbindung, Infrastruktur, Büroqualität sowie Energieeffizienz und Nachhaltigkeit hätten für das Hafenpark-Quartier gesprochen. Die Stadt ist für die ING nicht nur ein guter Platz auf der Landkarte: Seit ihrer Gründung 1965 als „Bank für Sparanlagen und Vermögensbildung“ hat die ING Deutschland ihren Hauptsitz durchgehend in Frankfurt am Main.
Die Bedeutung Frankfurts als europäisches Finanzzentrum gab den Ausschlag. Dazu kommt die Nachbarschaft zur EZB, die kurze Wege für persönliche Treffen ermöglicht. Die ING soll ab 2028 als langfristiger Ankermieter direkt neben der Europäischen Zentralbank im Ostend ansässig sein. Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) begrüßte die Entscheidung und wertete sie als Bekenntnis der ING zum Finanzplatz Frankfurt und zur Stadt.
Vom geplanten Einkaufszentrum zum gemischten Quartier
Das Areal nahe Ostbahnhof und Osthafen sollte ursprünglich mit einem Einkaufszentrum bebaut werden. Die Stadtpolitik sah dafür keinen Bedarf, und auch Offenbach befürchtete Nachteile für den örtlichen Einzelhandel. Statt Einkaufsmeile entsteht nun ein gemischtes Stadtviertel mit Wohn- und Büroflächen, zwei Hotels nahe dem Mainufer und dem Ostbahnhof sowie einer Kindertagesstätte.
Die B&L Gruppe hat auf dem Gelände außerdem 600 Miet- und Eigentumswohnungen und ein Hotel mit 500 Gästezimmern realisiert. Zwischen Baustellenverkehr, neuen Fassaden und dem nahen Mainufer wächst damit ein ganzer Stadtbaustein – nicht bloß ein Bürohaus.
Der Büromarkt bleibt vorsichtig
Der Zeitpunkt ist interessant. Am Frankfurter Büromarkt wurden im ersten Halbjahr 2026 rund 173.000 Quadratmeter umgesetzt, im gif-Marktgebiet 150.000 Quadratmeter. Das waren 53 Prozent weniger als im starken Vorjahreszeitraum und 27 Prozent weniger als im langjährigen Durchschnitt. Eingetrübte Konjunkturaussichten, geopolitische Unsicherheiten und strukturelle Veränderungen auf der Nachfrageseite bremsen viele Unternehmen. Gerade größere Flächengesuche werden wegen hybrider Arbeitsmodelle, längerer Entscheidungsprozesse und höherer Planungsunsicherheit zögerlich umgesetzt.
Ganz still steht der Markt allerdings nicht. Die Vermietungspipeline bleibt trotz des niedrigen Umsatzes gut gefüllt. Im zweiten Quartal gab es drei größere Abschlüsse um 5.000 Quadratmeter: zwei in der City und einen von Fraport am Flughafen. Zu den bedeutenden Verträgen zählen außerdem die DZ Bank mit 20.800 Quadratmetern im ersten Quartal, Fraport mit 5.800 Quadratmetern im zweiten Quartal und Willkie Farr & Gallagher LLP mit 5.500 Quadratmetern, ebenfalls im zweiten Quartal; die beiden letztgenannten liegen im BMZ 4.7 beziehungsweise BMZ 1.1, der DZ-Bank-Vertrag im BMZ 1.1.
Bei den Mieten zeigt sich ein anderes Bild: Die Durchschnittsmiete über alle Abschlüsse stieg binnen zwölf Monaten um rund zwei Prozent auf 28,30 Euro je Quadratmeter. In Toplagen kletterte die Spitzenmiete für hochwertige Flächen um sechs Prozent auf 57,00 Euro je Quadratmeter; einzelne Verträge überschreiten bereits 70 Euro. Beratungsunternehmen stellten 24 Prozent des Flächenumsatzes, gegenüber 18 Prozent im langjährigen Durchschnitt. Banken und Finanzdienstleister kamen auf 20 Prozent. Zusammen vereinten beide Branchen 44 Prozent.
Der Markt ist dabei kleinteiliger geworden. Abschlüsse über 5.000 Quadratmeter machten nur 19 Prozent des Umsatzes aus, im langjährigen Mittel waren es 32 Prozent. Flächen zwischen 200 und 5.000 Quadratmetern kamen zusammen auf 78 Prozent. Der Leerstand ist seit Jahresbeginn leicht rückläufig und liegt aktuell bei rund 1,8 Millionen Quadratmetern; 56 Prozent davon verfügen über moderne Ausstattungsqualität.
Im Bau befinden sich rund 406.000 Quadratmeter, davon sind etwa 176.000 Quadratmeter noch verfügbar. Die Vorvermietungsquote liegt bei 57 Prozent. In absoluten Premiumlagen gibt es kaum noch verfügbare Projektentwicklungen. Für die zweite Jahreshälfte wird eine Belebung erwartet: Unternehmen konkretisieren teilweise ihre Flächenstrategien und holen aufgeschobene Entscheidungen schrittweise nach. Beratungsnahe und finanzwirtschaftliche Branchen dürften die Nachfrage weiter stützen. Bis Jahresende werden rund 420.000 Quadratmeter Flächenumsatz prognostiziert, die Spitzenmiete könnte kurzfristig erstmals über 60 Euro je Quadratmeter steigen.
Der Marktbericht von BNP Paribas Real Estate hat den Stand 30.06.2026. Ruhig bleibt es voraussichtlich trotzdem – nur vielleicht nicht mehr ganz so zäh. Im Hafenpark-Quartier jedenfalls sind die nächsten Schritte längst sichtbar: 16 Geschosse, 60 Meter Höhe, Dachgärten, Ladepunkte, Fahrräder und ein Atrium, in dem später Menschen durcheinanderlaufen werden. Frankfurt baut weiter.
