Irans Atomprogramm zwischen Tunnelbau, Uran und verschlossenen Inspektionen
Heute, am 1. Oktober 2026, bleibt beim iranischen Atomprogramm vor allem eines hängen: Niemand kann mit Sicherheit sagen, wohin die Reise geht. Teheran sendet widersprüchliche Signale. Präsident Massud Peseschkian erklärte am 25. September 2026 gegenüber Fox News, Iran sei bereit, angereichertes Uran zu verdünnen und internationale Inspektionen zuzulassen – sofern eine völkerrechtliche Einigung zustande kommt.
Gleichzeitig fordert Mohsen Rezaei, Chef des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, wegen „feindseliger Attacken durch die USA und Israel“ den Austritt Irans aus dem Atomwaffensperrvertrag. Das passt kaum zusammen. Und genau darin liegt das Problem.
Neue Anlagen, alte Zweifel
Die britische Zeitung „The Daily Telegraph“ veröffentlichte Satellitenbilder, die angeblich den Bau neuer Atomanlagen und den Wiederaufbau beschädigter Einrichtungen zeigen. Genannt werden die Anlage „Taleghan“ im Parchin-Komplex südöstlich von Teheran sowie ein weiterer Komplex unter dem sogenannten Pickaxe Mountain nahe der Atomanlage Natanz.
Der Wiederaufbau hat Spekulationen ausgelöst, Iran könnte angereichertes Uran in tiefere unterirdische Anlagen verlagert haben. Auch die Internationale Atomenergieorganisation, IAEO, beobachtete auf Satellitenbildern Aktivitäten rund um mehrere iranische Atomanlagen. Am Eingang einer Tunnelanlage in Isfahan waren laut IAEO-Chef Rafael Grossi regelmäßig Fahrzeuge unterwegs. Die Bilder deuteten außerdem auf Aktivitäten in Natans und Fordow hin.
In Isfahan lagert laut einem von Reuters zitierten IAEO-Bericht Uran mit einem Anreicherungsgrad von bis zu 60 Prozent. Für eine Atomwaffe sind üblicherweise etwa 90 Prozent erforderlich. Die IAEO kann derzeit allerdings nicht überprüfen, ob Iran die Produktion von angereichertem Uran eingestellt hat oder wie viel Material das Land aktuell besitzt.
Grossi forderte Teheran deshalb auf, umfassende Inspektionen zuzulassen. Das sei „unverzichtbar und dringend“. Seit den Angriffen auf iranische Atomanlagen erlaubt Iran der IAEO keine Kontrollen an den zerstörten Standorten; die Experten überwachen sie lediglich per Satellit. Die Behörde sprach von einer beispiellosen Situation, zugleich sei Klarheit erforderlich.
Israel und die USA bombardierten im vergangenen Juni mehrere wichtige iranische Atomanlagen, um den Bau iranischer Atomwaffen zu verhindern. Bereits eine US-israelische Militäroffensive im Februar 2026 hatte laut dem Politologen Damon Golriz iranische Nuklearanlagen zerstört. Dabei wurden führende Waffenwissenschaftler sowie mehrere Mitglieder der obersten militärischen und sicherheitspolitischen Führung Irans getötet.
US-Präsident Donald Trump erklärte Ende September 2026 bei der UN-Generalversammlung, er werde „niemals zulassen“, dass Iran Atomwaffen besitze. Die USA wollen nach eigenen Angaben verhindern, dass Iran Atomwaffen entwickelt. Trump drohte der iranischen Führung mehrfach mit Militärschlägen und entsandte Streitkräfte in die Region.
Diplomatie zwischen Wien, Washington und Islamabad
Die USA und Iran wollen in der kommenden Woche in Wien ihre Gespräche über ein neues Atomabkommen fortsetzen. Die bisherigen Verhandlungen blieben ohne Ergebnis, obwohl Iran und der Vermittler anschließend von Fortschritten sprachen. Ob die IAEO bald wieder Inspektionen durchführen darf, ist ebenfalls offen.
Das Atomabkommen von 2015 hatte internationale Kontrollen ermöglicht. Die USA kündigten es 2018 während Trumps erster Präsidentschaft. Im August 2026 lief zudem eine 60-tägige Frist für technische Gespräche zwischen Iran und den USA im Rahmen des sogenannten Islamabad-Memorandums ab. Das Memorandum sah unter anderem einen Waffenstillstand am Persischen Golf vor.
Anfang September verwies die IAEO Iran wegen Verstößen gegen seine Nichtverbreitungsverpflichtungen an den UN-Sicherheitsrat. Der frühere US-Sicherheitsberater John Bolton bezeichnete gegenüber der Deutschen Welle diplomatische Bemühungen und frühere Abkommen als Tarnung für eine unveränderte Strategie Irans. Iran habe sein Waffenprogramm, so Bolton, nie wirklich eingestellt. Nach seiner Darstellung hatte die IAEO keinen Zugang zu Militärstützpunkten, an denen wichtige Komponenten für die Waffenentwicklung hergestellt würden. Den Sturz der iranischen Regierung sieht Bolton als einzigen langfristigen Weg zu Frieden und Sicherheit im Nahen Osten.
Golriz bezeichnete einen atomar bewaffneten Iran als das größte außenpolitische Vermächtnis der Präsidentschaft Donald Trumps. Die Offensive vom Februar habe zudem Forderungen nach einer Neubewertung der iranischen Nukleardoktrin verstärkt.
Offiziell verbietet eine religiöse Fatwa die Herstellung und Lagerung von Atomwaffen im Iran. Sie war lange ein fester Bestandteil der diplomatischen Argumentation Teherans, wonach das Atomprogramm ausschließlich zivilen Zwecken diene. Der Unterzeichner, der Oberste Führer Ali Chamenei, starb beim Angriff im Februar 2026.
Thim Bosch von der niederländischen Sicherheitsberatungsgruppe Birdwatcher Group sieht dennoch keinen eindeutigen Beleg für eine formelle Änderung der iranischen Nukleardoktrin. Gegner von Atomwaffen innerhalb der iranischen Führung seien allerdings deutlich geschwächt. Der neue Oberste Führer, Modschtaba Chamenei, hat sich bislang nicht zur Fatwa seines Vaters geäußert. Dadurch gebe es mehr Unterstützer einer möglichen atomaren Bewaffnung.
Was Satelliten nicht beantworten können
Die IAEO stuft Iran als einziges Land ohne Atomwaffen ein, das Uran auf bis zu 60 Prozent anreichern kann. Schon 2024 beobachtete die Behörde eine „dramatische“ Beschleunigung der iranischen Urananreicherung. Ohne Überwachung des angereicherten Urans kann kein Geheimdienst sicher feststellen, ob Iran die endgültige Entscheidung zum Bau einer Bombe getroffen hat.
Bosch zufolge bluffe entweder, wer mit absoluter Gewissheit behaupte, Iran habe sich für eine Atombombe entschieden, oder verfolge eine eigene politische Agenda. Ein Satz, der in dieser aufgeheizten Lage fast zu nüchtern klingt. Aber gerade deshalb bleibt er hängen.
Die Geschichte des Programms ist lang und voller solcher Zwischenräume. 2002 wurde bekannt, dass Iran der IAEO zuvor nicht gemeldete Atomanlagen betrieb, unter anderem in Natanz und Arak. Hinweise stammten aus Geheimdienstkontakten Seymour Hershs, von iranischen Dissidenten und aus der Satellitenaufklärung.
Am 18. Dezember 2003 unterzeichnete Iran durch Ali Akbar Salehi das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag, ratifizierte es zunächst jedoch nicht. Das Protokoll ermöglicht unter anderem unangemeldete IAEO-Inspektionen. Iran erlaubte anfangs Kontrollen und setzte die Urananreicherung vorübergehend aus. Im März 2004 verlangte die IAEO, bis Juni sämtliche Pläne und Informationen zum Atomprogramm offenzulegen. Iran erfüllte diese Forderung nicht vollständig.
2007 wurde bekannt, dass Iran Washington bereits 2003 über den Schweizer Botschafter Tim Guldimann ein „Schweizer Memorandum“ übermittelt haben soll. Darin wurden unter anderem Kooperation im Kampf gegen Terrorismus, Transparenz bei Massenvernichtungswaffen und vollständige Zusammenarbeit mit der IAEO angeboten. Michael Rubin bezweifelte, dass das Memorandum mit Zustimmung der iranischen Führung verfasst worden war.
Mit der Wahl Mahmud Ahmadinedschads zum Präsidenten am 3. August 2005 verschärfte sich der Konflikt. Der bisherige Chefunterhändler Hassan Rohani wurde am 18. August 2005 abgelöst und durch Ali Laridschani ersetzt. Im August 2005 erließ Revolutionsführer Ali Chamenei eine Fatwa gegen Herstellung und Einsatz von Atomwaffen und informierte die IAEO darüber.
Im Dezember 2005 billigte Ahmadinedschad ein Gesetz, das Iran erlaubte, internationale Kontrollen seiner Atomanlagen jederzeit auszusetzen. Hardliner forderten wiederholt den Austritt aus dem NPT. Iran kritisierte den Vertrag als „scheinheilig“ und verwies auf Israel, Indien und Pakistan, die dem Vertrag nicht beigetreten seien und Atomwaffen entwickelt hätten.
Ein ziviles Programm mit militärischer Schattenseite
Iran erklärte stets, sein Atomprogramm diene ausschließlich der Energieversorgung und der Diversifizierung der Wirtschaft. Genannt wurden das Bevölkerungswachstum, der steigende Strombedarf und der Wunsch, mehr Öl exportieren zu können. Die USA hielten dagegen, Iran benötige wegen seiner großen Öl- und Gasreserven keine Kernenergie. Teheran warf Washington vor, mit dem Druck lediglich Israels nicht erklärtes Atomwaffenmonopol im Nahen Osten zu schützen.
Misstrauen entstand außerdem durch
