Heute, am 1. Oktober 2026, liegt die 382 Meter lange und 124 Meter breite „Pioneering Spirit“ westlich von Warnemünde auf Reede. Das Offshore-Verlege- und Arbeitsschiff soll planmäßig um 0:00 Uhr nachts den Reedeplatz verlassen und Kurs auf den Darß nehmen. Vor Ort sollen Anfang Oktober die Arbeiten für den Windpark Gennaker beginnen; bei passendem Wetter ist der Abschluss für Ende Oktober vorgesehen.

Die Plattform-Aufbauten und die Stahlunterkonstruktionen zur Verankerung am Meeresboden kommen aus dem Rostocker Hafen und werden zur „Pioneering Spirit“ gebracht. Installiert werden die Offshore-Plattformen „OSS Darß“ und „OSS Zingst“. Beide gehören zur Netzanbindung OST-6-1, über die der Windpark Gennaker an das Übertragungsnetz von 50Hertz angeschlossen wird.

Mit Ballast unter der Storebælt-Brücke

Der Weg an die deutsche Ostseeküste war bereits ein kleines nautisches Kunststück. Am Dienstag gegen 13 Uhr passierte die „Pioneering Spirit“ die Storebælt-Brücke. Schon am Vortag waren bei Skagen zwei Lotsen an Bord gekommen. Die Passage war mit den dänischen Behörden, dem Schiffsbetreiber und der Verkehrsüberwachung abgestimmt.

Die Ostbrücke hat eine nominelle Durchfahrtshöhe von 65 Metern. Für ein Schiff dieser Abmessungen reichte das in leichter Ballastlage allerdings nicht aus. Die Crew nahm deshalb Ballastwasser auf: Das Schiff sank tiefer, die Höhe über der Wasserlinie wurde kleiner, zusätzlich senkte man die Krane ab. Bei der Durchfahrt lag der Tiefgang bei 19,9 Metern. Danach pumpte die Besatzung etwa vier Stunden lang Ballastwasser wieder ab und setzte anschließend die Fahrt nach Süden fort.

Die „Pioneering Spirit“ gehört dem Schweizer Offshore-Dienstleister Allseas und ist kein gewöhnliches Arbeitsschiff. Zwei getrennte Rümpfe bilden am Bug eine breite Öffnung, in die komplette Plattformaufbauten aufgenommen werden können. Die großen Krane schaffen laut Betreiber bis zu 60.000 Tonnen bei Plattformaufbauten und bis zu 20.000 Tonnen bei Unterkonstruktionen.

Mit 403.342 BRZ führt Guinness World Records das Schiff als größtes der Welt nach Bruttoraumzahl. Die BRZ beschreibt allerdings das vermessene Innenraumvolumen – nicht das Gewicht des Schiffs. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied, wenn in Hafengesprächen schnell von „schwerstem Schiff“ die Rede ist.

Gennaker vor der Darß-Küste

Im Windpark Gennaker sollen 63 Windkraftanlagen in der Ostsee entstehen, etwa 15 Kilometer nördlich der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Laut Allseas wird die „Pioneering Spirit“ die Umspannplattformen Darß und Zingst samt Unterkonstruktionen transportieren und installieren. Über die Plattformen und Seekabel soll der erzeugte Strom an Land gelangen. 50Hertz gibt die geplante Anschlussleistung mit bis zu 927 Megawatt an.

50Hertz beauftragte für den Bau der Plattformen ein niederländisch-belgisches Werftenkonsortium namens HSI. Die Installationsarbeiten vergab HSI an Allseas. Das Unternehmen kennt große Offshore-Einsätze: 2018 war die „Pioneering Spirit“ an Arbeiten an der Gaspipeline Nord Stream 2 beteiligt. Dieser Einsatz wurde später wegen Sanktionsdrohungen aus den USA beendet.

Am 30. September lag das Schiff laut Ostsee-Zeitung vor Warnemünde. Nach aktueller AIS-Beobachtung hat es inzwischen das Seegebiet des Gennaker-Projekts erreicht. Die Position auf dem Bildschirm beweist aber weder, dass die Montage begonnen hat, noch dass bereits eine Sicherheitszone aktiviert wurde. Für Crews, die einen Törn vor dem Darß planen, ist genau dieser Baubeginn entscheidend – nicht die längst abgeschlossene Brückendurchfahrt.

Eine Bekanntmachung des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Ostsee sah ab Baubeginn Sicherheitszonen mit jeweils 500 Metern Radius um die beiden Umspannplattformen vor. Im amtlichen System ist diese Vorankündigung derzeit jedoch als nicht gültig gekennzeichnet. Daraus lässt sich kein aktuell geltendes Befahrensverbot ableiten.

Vor dem Ablegen sollten Crews deshalb die neuesten Bekanntmachungen für Seefahrer, Seekartenberichtigungen und die Kennzeichnung vor Ort prüfen. Die allgemeinen Regeln für bestehende Offshore-Windparks gelten nicht automatisch für Baustellen. Das klingt trocken, kann draußen auf dem Wasser aber den Unterschied machen.

Warum die Plattformen fürs Netz gebraucht werden

Offshore-Windparks werden im Netzentwicklungsplan, kurz NEP, und im Flächenentwicklungsplan, dem FEP, berücksichtigt. Beide Planungen werden mit den Raumordnungsplanungen der Küstenländer abgestimmt. Den NEP erstellen die Übertragungsnetzbetreiber in Abstimmung mit der Bundesnetzagentur, den FEP erstellt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie.

Der Grund für den Aufwand liegt auch in der Ausbeute: Offshore-Windparks erreichen wegen höherer Volllaststunden nahezu die doppelte Erzeugung vergleichbarer Anlagen an Land. Der Strom muss von See in das Übertragungsnetz an Land eingespeist werden. In der Nordsee setzt man dafür überwiegend Gleichstromtechnik, also DC, ein. In der Ostsee kommt bisher wegen kürzerer Entfernungen, vorhandener Trassenräume und anderer Rahmenbedingungen Wechselstromtechnik, AC, zum Einsatz; künftig ist dort ebenfalls DC-Technik vorgesehen.

Bei einer AC-Netzanbindung wird der Strom auf der Umspannplattform des Windparks gesammelt und hochtransformiert. Danach transportiert der Übertragungsnetzbetreiber ihn per Wechselstromkabel zu einem Umspannwerk an Land und speist ihn dort ins Übertragungsnetz ein. Eine Umwandlung zwischen Wechsel- und Gleichstrom ist nicht nötig, Konverterplattformen und Konverterstationen werden nicht gebraucht. Alle bestehenden Windparks in der Ostsee sind direkt an das Wechselstromnetz angeschlossen.

Bei einer DC-Lösung wird der Wechselstrom auf einer Konverterplattform in Gleichstrom umgewandelt. Bestehende DC-Systeme basieren überwiegend auf dem 155-kV-Anbindungskonzept: Jeder Windpark verfügt über eine eigene Umspannplattform, die mit einer zentralen Konverterplattform des Übertragungsnetzbetreibers verbunden ist. Ein Gleichstromkabel führt zum Festland, wo eine Konverterstation den Strom wieder in Wechselstrom wandelt und ins Übertragungsnetz einspeist.

Für künftige Systeme ist außerdem ein Direktanbindungskonzept vorgesehen. Dabei werden die Kabelstränge der Windparks direkt mit der Offshore-Konverterplattform verbunden. Das soll technische und räumliche Komplexität sowie volkswirtschaftliche Kosten senken. Bei größeren Entfernungen zwischen Windparks und Konverterplattform bleibt das 155-kV-Konzept vorgesehen.

Planung bis 2045

Frühere Festlegungen des Offshore-Netzentwicklungsplans, des O-NEP, werden heute im NEP und FEP fortgeführt. Der FEP legt räumlich und zeitlich fest, wo Windenergiegebiete und Stromleitungen in Nord- und Ostsee liegen, welche Flächen mit welcher Leistung bebaut werden und wann Windparks sowie Offshore-Netzanbindungssysteme in Betrieb gehen sollen. Der NEP beschreibt vor allem den Transport der Offshore-Windenergie zum Festland. Dazu gehören Netzverknüpfungspunkte, Technologievarianten, Ausbauszenarien und alternative Netzverknüpfungspunkte.

Für den NEP 2037/2045 war der FEP 2023 die Grundlage; seine Fortschreibung endete am 20. Januar 2023. Räumliche und zeitliche Festlegungen für die Ausbauziele 2035 und 2045 enthielt dieser FEP noch nicht. Weil Offshore-Netzanbindungssysteme lange brauchen, reichte der Planungshorizont für langfristige Planungssicherheit nicht aus. Der zweite NEP-Entwurf orientierte sich deshalb in Abstimmung mit der Bundesnetzagentur weitgehend am FEP-Entwurf vom 1. Juli 2022 – vor allem bei Flächen, Grenzkorridoren und Fertigstellungsterminen nach 2031/2032.

Im FEP 2023 sind Anschlüsse für rund 36,5 Gigawatt Offshore-Erzeugungsleistung festgelegt, davon 34,5 Gigawatt bis einschließlich 2031. Die Übertragungsnetzbetreiber untersuchten zusätzliche Netzanbindungssysteme, um mindestens 40 Gigawatt bis 2035 und mindestens 70 Gigawatt bis 2045 gemäß Windenergie-auf-See-Gesetz zu erreichen.

Der genehmigte Szenariorahmen der Bundesnetzagentur vom 8. Juli 2022 geht