Rückbau in Vegesack: Die Liegewanne der „Schulschiff Deutschland“ verschwindet aus der Lesummündung
Am früheren Liegeplatz der „Schulschiff Deutschland“ an der Lesummündung in Bremen-Vegesack rollen die ersten Arbeiten an. Die Vorarbeiten für den Rückbau begannen am Montag, dem 28. September 2026. Beauftragt wurde die Bremenports GmbH von der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB).
Für viele Vegesacker war das Vollschiff über Jahrzehnte ein vertrauter Anblick. Von 1996 bis 2021 lag es am Kantjespad, wurde als Museum genutzt und diente als Kulisse für standesamtliche Trauungen. Am 26. August 2021 wurde die „Schulschiff Deutschland“ mit Schlepperhilfe in den Neuen Hafen nach Bremerhaven verlegt.
Liegewanne wird aus dem Wasser geholt
Entfernt werden ausschließlich die speziell für das Schiff hergerichtete Liegewanne hinter dem Speicherquartier und ihre Sicherungseinrichtungen. Die Anlegestelle selbst bleibt zunächst erhalten. Später könnte geprüft werden, ob sie für andere Nutzungen hergerichtet werden kann.
Gebaut worden war die Liegewanne wegen des großen Tiefgangs des Segelschiffs. Nach der Aufgabe des Standorts schreibt die wasserrechtliche Genehmigung ihren Rückbau vor. Eine Nachnutzung der auf die „Schulschiff Deutschland“ zugeschnittenen Wanne für andere Zwecke ist laut WFB nicht möglich.
Von einem Schwimmponton aus sollen ein Seilbagger und ein Vibrationsrüttler drei Sicherungsdalben sowie rund 115 Spundwandbohlen entfernen. Unter Wasser hilft ein Taucherteam. Je nach Strömung und Tide sind dafür 22 Arbeitstage vorgesehen. Wiederverwertbares Material soll eingelagert und später weiterverwendet werden. Die Kosten werden auf etwa 375.000 Euro geschätzt.
Das Wasser bestimmt dabei den Takt. Bei ungünstiger Witterung oder Strömung werden nicht abgeschlossene Arbeiten im Frühjahr 2027 fortgesetzt. Der Rückbau betrifft also nicht das Schiff selbst, sondern die Konstruktion, die ihm am Vegesacker Ufer den nötigen Raum und die nötige Wassertiefe verschaffte.
Ein Vollschiff mit Bremer Geschichte
Die „Schulschiff Deutschland“ ist das letzte in Deutschland gebaute Vollschiff. Sie lief 1927 bei der Tecklenborg-Werft in Bremerhaven für den Deutschen Schulschiff-Verein vom Stapel. Genau genommen geschah das am 14. Juni 1927 in Wesermünde, dem heutigen Bremerhaven. Der Name wurde gewählt, weil „Deutschland“ bereits für ein geplantes, noch nicht gebautes Panzerschiff der Marine vorgesehen war.
Als Dreimaster trägt das Schiff 25 Segel mit zusammen 1.950 Quadratmetern Segelfläche. Es ist 86,2 Meter lang, 11,98 Meter breit und hat einen maximalen Tiefgang von 5,45 Metern – eine Zahl, die beim Blick auf die inzwischen zurückzubauende Liegewanne plötzlich sehr praktisch klingt. Vermessen ist es mit 1.257 BRT und 769 NRT. Unter Segeln erreichte es bis zu 16 Knoten, also 30 Kilometer pro Stunde. Vorgesehen waren acht Offiziere, zehn Unteroffiziere und 140 Mannschaften.
Der Auftraggeber von 1927, der Deutsche Schulschiff-Verein, hatte bereits drei Segelschulschiffe betrieben: die „Großherzogin Elisabeth“, die „Prinzeß Eitel Friedrich“ und die „Großherzog Friedrich August“. Die beiden letztgenannten Schiffe mussten nach dem Ersten Weltkrieg an Siegermächte ausgeliefert werden. Im Vereinsbesitz blieb zunächst nur die 1901 gebaute „Großherzogin Elisabeth“.
Liegehafen der neuen „Schulschiff Deutschland“ wurde Elsfleth. Oldenburg, der offizielle Heimathafen, war wegen der zu geringen Wassertiefe nicht anzulaufen. Im Winter ging es auf Überseereisen, meist nach Afrika, in die Karibik und nach Südamerika; im Sommer führten Ausbildungsfahrten über Nord- und Ostsee. Von 1927 bis 1939 absolvierte das Schiff zwölf Überseereisen, von 1928 bis 1944 außerdem 17 Nord- und Ostseefahrten. Die letzte Winterreise in den Südatlantik endete am 22. März 1939 auf der Reede von Bremerhaven.
Vom Ausbildungsschiff zum Kulturdenkmal
Während des Zweiten Weltkriegs beschränkten sich die Fahrten auf die Ostsee. Ab dem 15. April 1940 lag der Ausbildungsbereich am Westufer der Świna in der Pommerschen Bucht, ab November 1941 in Lübeck. Die letzte Ausbildungsfahrt endete am 1. Oktober 1944. Gegen Kriegsende wurde das Schiff kurzzeitig als Lazarettschiff in der Lübecker Bucht eingesetzt. Dadurch musste es nicht als Reparationsleistung ausgeliefert werden.
Im August 1946 verlegten die britischen Besatzungsbehörden das Schiff nach Cuxhaven. Bis zur Auflösung der GMSA Ende Dezember 1947 diente es als Wohnschiff für den Deutschen Minenräumdienst. Am 22. Juli 1948 wurde es nach Bremen in die amerikanische Besatzungszone geschleppt, um eine Auslieferung an Großbritannien zu verhindern. Bis Anfang 1952 lag es im Bremer Europahafen und wurde als schwimmende Jugendherberge genutzt. Am 27. Februar 1950 übergaben die Alliierten das Schiff wieder an den Deutschen Schulschiff-Verein.
Verein und Bremer Senat finanzierten die Erneuerung der Takelage und der Unterkünfte. Am 1. April 1952 begann in der Kleinen Weser in Bremen-Woltmershausen mit 18 jungen Männern erneut der Ausbildungsbetrieb. Nun wurden Anwärter für die Laufbahn nautischer Offiziere ausgebildet, nicht mehr Schiffsjungen. Ausbildungsfahrten gab es nicht mehr; die gesetzlich vorgeschriebene praktische Vorausbildung fand an Bord statt.
Ein Versuch in den 1960er-Jahren, den stationären Unterricht wieder durch Törns zu ergänzen, blieb kurzlebig. 1967 vercharterte man das Schiff an den Norddeutschen Lloyd, der Auslandsreisen mit Steuermannsanwärtern durchführte. Nach einer Änderung der Schiffsbesetzungsordnung, die keine Bordausbildung mehr vorschrieb, endete diese Nutzung 1970. 1972 wurde auch der stationäre Schulschiffbetrieb eingestellt. Danach baute man das Schiff zum Internat und zur Ausbildungswerkstatt um.
1995/1996 wurde die „Schulschiff Deutschland“ auf der Bremer-Vulkan-Werft in Bremen-Vegesack für 5,5 Millionen DM renoviert und möglichst originalgetreu restauriert. Stehendes und laufendes Gut wurden unter anderem erneuert, außerdem kam ein neues Edelholzdeck an Bord. Am 14. Juni 1996 waren die Arbeiten abgeschlossen; anschließend wurde das Schiff an die Lesum-Mündung in Vegesack verholt.
Bis zum Frühjahr 2002 lebten dort Auszubildende für den Beruf des Schiffsmechanikers im Internat. Ihre Ausbildung erfolgte am Schulzentrum an der Kerschensteiner Straße in Vegesack. Mit der Einstellung dieses Angebots endete die Seemannsschule Bremen. In Vegesack blieb das Schiff danach Hotel und Veranstaltungsort: Tagungen, Seminare, Ausstellungen, Feiern und standesamtliche Trauungen fanden an Bord statt. Übernachten konnte man ganzjährig in 30 Doppelkabinen und einer Kapitänssuite.
Ende 2014 folgte eine weitere Sanierung für rund eine Million Euro, vor allem am durch Rost beschädigten Rumpf. Bei der Sail Bremerhaven war das Schiff wiederholt dabei, unter anderem 2005. Seit 1995 gilt es als maritimes Kulturdenkmal. Neben der aktiv segelnden Modellfregatte „Royal Louise“ zählt es zu den letzten beiden deutschen Vollschiffen.
Neuer Hafen, alte Aufgaben
Im Juni 2021 vereinbarten die Stadt Bremerhaven und der Deutsche Schulschiff-Verein den Umzug nach Bremerhaven. Der Betrieb in Vegesack war nicht mehr kostendeckend möglich, während man sich wegen der Havenwelten in Bremerhaven mehr Besucher erhoffte. Betrieb und Unterhaltung kosten einschließlich der Personalkosten jährlich rund 300.000 Euro. Finanziert wird das durch Einnahmen, Spenden und Mitgliedsbeiträge.
Heute liegt das ehemalige Segelschulschiff ganzjährig im Neuen Hafen in Bremerhaven. Es befindet sich im Besitz des Deutschen Schulschiff-Vereins und wird überwiegend von ehrenamtlichen Helfern betreut und instand gehalten. Am neuen Standort gab es allerdings Beschwerden von Anwohnern
