In Tinnum auf Sylt soll am 23. September 2026 der erste Spatenstich für das Neubauprojekt „Nii Kiarwai“ erfolgen. Am Kiarwai 12–16 entsteht auf einem rund 16.000 Quadratmeter großen Areal ein neuer Lidl-Markt mit Wohnungen darüber – gedacht für Menschen, die auf der Insel leben und arbeiten.

Geplant sind 15 Wohnungen mit 44 bis 78 Quadratmetern, die im Frühjahr 2028 bezugsfertig sein sollen. Sie sind ausdrücklich für Inselbewohner vorgesehen, vor allem für Einheimische, Berufspendler und dringend benötigte Fachkräfte. Lidl will die Wohnungen selbst vermieten. Ferienwohnungen sind nicht vorgesehen. Das ist auf Sylt keine Nebensache: Dauerhaft verfügbarer und bezahlbarer Wohnraum ist knapp, vielen Suchenden läuft die Zeit davon.

Mehr Platz für den Einkauf, mehr Raum zum Wohnen

Die bestehende Lidl-Filiale auf dem Gelände soll in den Neubau umziehen. Der aktuelle Markt wurde am 19. Juli 2000 eröffnet, hat rund 1.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, 131 Parkplätze und 32 Mitarbeitende. Der Neubau soll nach den aktuellen Angaben 1.588 Quadratmeter Verkaufsfläche bieten, in einer anderen Projektbeschreibung ist von rund 1.600 Quadratmetern die Rede.

Das Sortiment soll unverändert bleiben. Die zusätzliche Fläche ist vor allem für breitere Gänge und größere Bewegungsbereiche gedacht. Vorgesehen waren außerdem eine Kundentoilette und ein barrierefreies Einkaufskonzept mit niedrigeren beziehungsweise angepassten Regalhöhen. Für Kundinnen und Kunden sind 184 Parkplätze sowie sechs Ladepunkte für Elektroautos geplant.

Zum neuen Standort gehören außerdem eine Drogerie, eine Apotheke und Flächen für regionale Anbieter und weitere Gewerbetreibende. Im Gespräch waren auch zeitlich begrenzte Pop-up-Flächen und Marktstände regionaler Anbieter. Ob sämtliche Details aus der Planung von 2022 übernommen werden, geht aus der aktuellen Einladung zum Spatenstich allerdings nicht hervor.

Die Pläne wurden bereits im Oktober 2022 vorgestellt. Damals war ein zweigeschossiger Baukörper vorgesehen: Wohnungen im Obergeschoss, dazu etwa 1.000 beziehungsweise 1.300 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Dauerwohnraum für Betriebsangehörige gehörte schon damals zum Konzept. Nun beginnt nach mehreren Jahren Planung die Umsetzung der Modernisierung des Handelsstandorts in Tinnum.

Gründächer, Abwärme und neue Grünflächen

Das Projekt soll Nahversorgung und Wohnungsbau auf engem Raum verbinden. Lidl bezeichnet das Vorhaben als Modell für die Kombination von Einzelhandel und Wohnungen. Für eine platzsparende und energieeffiziente Umsetzung sind unter anderem eine Wärmepumpe mit Nutzung der Abwärme aus der Kühlung, eine Photovoltaikanlage, begrünte Dächer und Fassaden sowie eine Holzverkleidung der Filiale vorgesehen.

Zu den ursprünglichen Nachhaltigkeitsplänen gehörten Photovoltaikanlagen auf Neu- und Bestandsgebäuden, ein Gründach auf der Lidl-Filiale, begrünte und überdachte Stellplätze sowie E-Ladesäulen. Laut damaligem Gutachten sollten insgesamt 1.920 Quadratmeter neue Grünfläche auf Dächern und überdachten Parkplätzen entstehen. Auch Stellplätze für Carsharing und Lastenräder waren vorgesehen.

Außerdem sollte der Verkehrsfluss am Standort untersucht werden, insbesondere mit Blick auf mögliche Rückstaus. Beim Auftakt sollen Vertreter aus Politik, Verwaltung und Planung über Architektur, Funktionalität sowie eine energieeffiziente und zukunftsorientierte Bauweise sprechen. Bürgermeisterin Tina Haltermann begrüßt das Projekt.

Wohnraum bleibt die große Sylter Baustelle

Der Neubau passt in eine größere Debatte auf der Insel. Ziel ist, dass Sylterinnen und Sylter dauerhaft auf Sylt leben können. Dafür sollen bezahlbare Wohnungen erhalten und zusätzliche Wohnungen geschaffen werden. Derzeit können rund 1.200 Wohnungen zu bezahlbaren Preisen angeboten werden; diese Zahl soll weiter steigen.

Frühere Anträge zum Wohnungsbau gaben laut den vorliegenden Angaben Anstöße für mehrere Projekte, darunter die Bebauung des Bastianplatzes und rund 160 Wohnungen im Bereich Westhedig, die weitgehend fertiggestellt sind. Im Bereich Hugo-Köcke-Weg sollen mehr als 250 neue Dauerwohnungen entstehen. Das Kommunale Liegenschafts-Management, kurz KLM, soll weiterhin unterstützt werden.

Schwerpunkt bleibt der geförderte Wohnungsbau. Daneben soll das Angebot an bezahlbaren frei finanzierten Wohnungen wachsen. Auch Genossenschaftsmodelle gelten als Möglichkeit; am Bastianplatz wurde ein solches Modell bereits umgesetzt. Das kommunale Wohnungswirtschaftsmodell der Gemeinde Sylt wird inzwischen auch von anderen Gemeinden in Schleswig-Holstein als Modell genutzt.

Bei der Beschaffung von Baugrund sollen zudem unkonventionelle Lösungen geprüft werden. Vorgeschlagen wurde, Bauhof und Strandkorbhalle zu verlagern und auf dem frei werdenden Grundstück Dauerwohnungen zu bauen. Bestehender Dauerwohnraum soll geschützt und die Umwandlung in Zweitwohnungen weitgehend verhindert werden.

Am Kiarwai wird derweil bald schweres Gerät anrücken. Der neue Markt, Wohnungen, Flächen für Anbieter und das nachhaltigere Gesamtkonzept sollen dort Schritt für Schritt zusammenfinden – zwischen Einkaufswagen, Baustellenverkehr und der täglichen Suche nach einer Wohnung, die man sich auf Sylt auch leisten kann.