Auf Sylt wird im Ortsteil Sylt-Tinnum gebaut – und zwar dort, wo künftig Einkaufen und Wohnen ungewöhnlich eng zusammenrücken. Am Kiarwai 12–24 entsteht auf einem rund 16.000 Quadratmeter großen Grundstück eine neue Lidl-Filiale mit 15 Wohnungen darüber. Der Spatenstich erfolgte am Mittwoch, 23. September, um 11 Uhr gemeinsam mit Sylts Bürgermeisterin Tina Haltermann.

Die Wohnungen sind für dauerhaftes Wohnen gedacht, etwa 44 bis 78 Quadratmeter groß und sollen unter anderem Berufspendlern bezahlbaren Wohnraum auf der Insel bieten. Im Erdgeschoss liegt der Markt, darüber das Wohnen – eine knappe, aber für Sylt durchaus wichtige Kombination. Bürgermeisterin Tina Haltermann bezeichnet das Vorhaben als Beispiel dafür, wie sich Handel und Wohnraum flächensparend verbinden lassen.

Aus Lidl und Bestand wird „Nii Kiarwai“

Die neue Filiale wird direkt neben dem bisherigen Lidl-Gebäude errichtet. Der Bestand bleibt stehen und wird in das Gesamtkonzept integriert. Gemeinsam sollen Neubau und bestehende Flächen künftig das Versorgungszentrum „Nii Kiarwai“ bilden.

In den bisherigen Gebäudeflächen sind unter anderem eine Drogerie, eine Apotheke und regionale Anbieter vorgesehen. So soll aus dem einzelnen Markt ein breiter aufgestellter Nahversorgungsstandort werden – mit kurzen Wegen und, zumindest auf dem Papier, weniger Hin und Her über die Insel.

Die neue Verkaufsfläche umfasst rund 1.600 Quadratmeter. Breitere Gänge, eine übersichtlichere Orientierung und eine Warenpräsentation mit mehr Platz sollen den Einkauf angenehmer machen. Für Kundinnen und Kunden sind rund 184 Stellplätze geplant.

Holz, Recyclingmaterial und Energie vom Dach

Der Neubau wird überwiegend in ressourcenschonender Holz-Hybrid-Bauweise errichtet. Vorgesehen sind teilweise begrünte Dach- und Fassadenflächen. Die verwendeten Baustoffe erfüllen die Zulassungskriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB); Lidl strebt für das Gebäude eine DGNB-Zertifizierung in Gold an.

Auch beim Material soll möglichst wenig verloren gehen. Im Außenbereich sind Pflastersteine aus aufbereitetem Beton geplant. Im Innenraum kommen unter anderem Sekundärkunststoffe sowie wiederverwertetes Glas und Aluminium zum Einsatz. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Wohngebäudes soll einen Teil des Strombedarfs vor Ort decken. Die Filiale selbst bezieht vollständig Strom aus erneuerbaren Energien.

Technik verschwindet dabei nicht einfach irgendwo hinter einer Wand: Eine zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung soll die Abwärme aus der Produktkühlung zum Heizen und Kühlen nutzen. Ergänzend sind Wärmepumpen mit natürlichen Kältemitteln vorgesehen. LED-Beleuchtung und eine digitale Steuerung der energetischen Prozesse gehören ebenfalls zum Konzept.

Laden mit Gleichstrom

Auch für Elektroautos wird Platz geschaffen. Drei Ladesäulen mit insgesamt sechs Ladepunkten sollen entstehen. Die Gleichstrom-Ladepunkte ermöglichen Ladeleistungen zwischen 60 und 180 Kilowatt – je nach Fahrzeug und verfügbarer Leistung also eher eine kurze Pause als ein ausgedehntes Warten mit Kaffee und Zeitung.

Das Projekt folgt einem Ansatz, der andernorts im Wohnungsbau bereits eingesetzt wird: Die Fläche wird mehrfach genutzt, statt den Supermarkt ebenerdig neben weitere Gebäude zu setzen. Im Erdgeschoss liegt der Markt, im Obergeschoss entstehen Wohnungen. Das verringert den Verbrauch von Bauland und kann eine bislang wenig attraktive Zone aufwerten.

Ein Blick auf vergleichbare Holzbauprojekte

Wie weit sich solche Konzepte entwickeln lassen, zeigt ein vergleichbares Projekt in Bayern. Dort wurde ebenfalls bewusst eine nachhaltige Holzbauweise gewählt. Holz in Konstruktion und Fassaden speichert dauerhaft 380 Tonnen CO₂. Die Abwärme des Supermarkts wird zur Beheizung der Wohnungen genutzt.

In dem bayerischen Gebäude entstanden 21 Mietwohnungen mit etwa 28 bis 63 Quadratmetern Wohnfläche. Sie richten sich unter anderem an Auszubildende, Studierende, junge Familien sowie Beschäftigte in sozialen Berufen und in der Gastronomie. Ein ähnlicher Gedanke steckt nun auch in Tinnum hinter den 15 Wohnungen für Dauerwohnen – nur mit einer anderen Wohnungszahl und größeren Flächen.

Beim bayerischen Holzbau wurden sämtliche Wände in Holzrahmenbauweise errichtet. Das reduziert Materialverbrauch und Wandstärken; zur Wärmedämmung dient natürliche Zellulose. Die Unterkonstruktion für die vorvergraute Holzverschalung wurde bereits im Werk vorbereitet. Holz bleibt teilweise sichtbar, etwa an den Deckenauskragungen über dem Erdgeschoss und an den Decken der Wohnungen im Obergeschoss.

Sichtbare Holzelemente und die geplante Aufteilung der Grundrisse sollen dort eine angenehme Wohnatmosphäre schaffen. Abgeschlossen wird das Gebäude durch ein begrüntes Flachdach in Brettsperrholzbauweise. Auf Sylt wird nun ein eigener Weg eingeschlagen: mit Holz-Hybrid-Konstruktion, begrünten Flächen, wiederverwendeten Materialien, Wohnungen über dem Markt und einem neuen Versorgungszentrum neben dem erhaltenen Bestand.