Nach der Zwangsräumung der 87-jährigen Maricarmen und landesweiten Protesten will Spaniens Regierung gegen die Wohnungsnot vorgehen. PSOE und Sumar haben ein Maßnahmenpaket vereinbart, mit dem bezahlbarer Wohnraum zur Miete und im Eigentum gesichert werden soll. Wohnungsbauministerin Isabel Rodríguez kündigte an, für Freitag eine außerordentliche Sitzung des Abgeordnetenhauses zu beantragen.

Geplant ist, den Schutz vor Zwangsräumungen bis 2030 zu verlängern. Zeitmietverträge und die Vermietung einzelner Zimmer sollen stärker reguliert werden. Der Erwerb von Wohnungen durch sogenannte „Geierfonds“ soll bis 2028 verboten werden. Hinzu kommen steuerliche Vergünstigungen und weitere Anreize für Mieter und Vermieter, ein Ausbau des öffentlichen Wohnungsbestands sowie eine höhere Mehrwertsteuer auf Einnahmen aus der Vermietung von Ferienwohnungen.

Unbefristete Verträge als Streitpunkt

Bestehende Mietverträge, die vor dem 31. Dezember 2028 auslaufen, sollen um zwei Jahre verlängert werden. Außerdem will die Regierung unbefristete Mietverträge einführen. Genau dieser Punkt gilt als umstrittenster Bestandteil des Pakets und soll in einem eigenen Gesetzesdekret geregelt werden. Die Aufteilung auf zwei Dekrete soll offenbar verhindern, dass die übrigen Maßnahmen an der Frage der unbefristeten Verträge scheitern.

Gesetzesdekrete treten sofort in Kraft, müssen aber innerhalb von 30 Tagen vom Parlament bestätigt werden. Die Regierungsparteien PSOE und Sumar haben keine eigene Parlamentsmehrheit und sind deshalb auf die Unterstützung anderer Parteien angewiesen. Präsidentschaftsminister Félix Bolaños nannte die Einigung von PSOE und Sumar „großartig“. Sie sei gut für Mieter und kleine Vermieter, aber schlecht für Spekulanten, sagte er.

Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen Volkspartei PP sieht das völlig anders. Das Paket werde den Wohnungsmarkt „vernichten“, erklärte er. Die Regierung zieht eine Enteignung von Wohnungen, die im Besitz sogenannter „Geierfonds“ sind, jedenfalls nicht in Betracht. Die Podemos-Europaabgeordnete Irene Montero hatte die Enteignung von rund 650.000 solchen Wohnungen gefordert.

Der Fall Maricarmen

Auslöser der Proteste war der Fall der 87-jährigen María del Carmen Abascal, genannt Maricarmen. Sie war 1956 mit ihren Eltern in eine Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro eingezogen und hatte später den Mietvertrag übernommen. Rund 70 Jahre lebte sie dort. Nachdem das Gebäude an eine Immobilienfirma verkauft worden war, sollte sie ausziehen.

Mehrere Versuche, die Räumung zu verhindern, scheiterten. Am Mittwoch der Vorwoche wurde Maricarmen schließlich unter Einsatz der Polizei aus der Wohnung gebracht und anschließend ins Krankenhaus eingeliefert. Nach Angaben des Sindicato de Inquilinas de Madrid sollte die Miete nach dem Eigentümerwechsel von etwa 500 auf 2.650 Euro steigen; später war von 1.650 Euro die Rede. Nach einer Einigung mit dem Eigentümer soll Maricarmen nun in die Wohnung zurückkehren können.

In Madrid und anderen Städten demonstrierten Zehntausende unter dem Motto „Ni una Maricarmen más“ – „Keine weitere Maricarmen“. Vor dem Sitz der konservativen Regionalregierung auf der Puerta del Sol entstand ein Protestcamp mit mehreren Dutzend Zelten. Zwischen Plakaten, Schlafsäcken und dem ständigen Verkehrslärm wurde dabei nicht nur über diesen einen Räumungsfall gesprochen.

Steigende Preise, knappes Angebot

Die Wohnkosten sind für viele Haushalte zu einer der größten wirtschaftlichen Belastungen geworden. Im zweiten Quartal 2026 stiegen die Kaufpreise für Wohnimmobilien laut INE gegenüber dem Vorjahr um 12,2 Prozent. Bestandswohnungen verteuerten sich um 12,9 Prozent, Neubauten um 7,4 Prozent. Gegenüber dem Vorquartal lag der Anstieg bei 3,4 Prozent.

Auch am Mietmarkt wird es eng. Der durchschnittliche inserierte Mietpreis lag im August 2026 laut Idealista bei 15,1 Euro pro Quadratmeter – 5,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Bereits 2024 mussten 28,1 Prozent der Personen mit marktüblichen Mietverträgen mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten ausgeben. Im EU-Durchschnitt waren es 19,2 Prozent.

Hinter der Entwicklung steht vor allem ein Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot. Spanien wächst durch Zuwanderung, gleichzeitig steigt die Zahl der Haushalte. Trennungen, der Auszug junger Menschen aus dem Elternhaus und der Umzug von Beschäftigten in andere Städte treiben den Bedarf zusätzlich. In Arbeitszentren wie Madrid konkurrieren Neuankömmlinge, Beschäftigte, Studierende, Familien und junge Erwachsene um ein begrenztes Angebot.

Wohnraum fehlt allerdings nicht überall. In Gemeinden mit stagnierender Bevölkerung stehen Wohnungen leer. Das hilft Menschen in Madrid, Málaga, Barcelona oder Palma kaum. Die Knappheit konzentriert sich auf wirtschaftlich dynamische Regionen mit starkem Bevölkerungs- und Beschäftigungswachstum, auf Madrid und Barcelona, die Inseln, große Teile der Mittelmeerküste sowie weitere urbane und touristische Zentren.

Die lange Nachwirkung der Immobilienkrise

Der Bauboom vor 2008 wurde durch günstige Kredite angetrieben. Nach dem Platzen der Immobilienblase verschwanden zahlreiche Projektentwickler, das Bankensystem geriet unter Druck und die Bautätigkeit brach ein. Später erholte sich der Wohnungsbau, erreichte aber nicht wieder das frühere Niveau.

Ein neues Projekt lässt sich zudem nicht einfach über Nacht aus dem Boden stampfen. Baulandverfahren, Genehmigungen, Finanzierung und Bauzeit ziehen sich über Jahre. Das Angebot reagiert deshalb nur langsam auf ein rasches Bevölkerungswachstum – selbst dann, wenn alle Beteiligten plötzlich mehr bauen wollen.

Spanien nähert sich nach mehreren Jahren des demografischen Wachstums der Marke von 50 Millionen Einwohnern, vor allem durch Zuwanderung. Ausländische Käufer hatten im zweiten Quartal 2026 laut Colegio de Registradores einen Anteil von 15,98 Prozent an den Wohnungsverkäufen im Land – der höchste bislang gemessene Wert. Auf den Balearen lag der Anteil bei 32,27 Prozent, in der Autonomen Gemeinschaft Valencia bei 31,03 Prozent. Zu den wichtigsten Herkunftsländern zählen Briten, Deutsche, Niederländer, Marokkaner, Rumänen, Franzosen und Italiener.

Auch Ferienwohnungen können das Angebot regulärer Mietwohnungen verringern, vor allem in stark besuchten Vierteln von Großstädten, auf Inseln und in Küstenorten. Die Regierung will deshalb die Mehrwertsteuer auf Einnahmen aus der Vermietung von Ferienwohnungen erhöhen.

Die Zuwanderung zeigt sich auch bei den Einbürgerungen: 2025 erhielten laut INE 36.271 Menschen venezolanischer Herkunft die spanische Staatsangehörigkeit. Venezolaner stellten damit nach Marokkanern und Kolumbianern die dritthäufigste Herkunftsnationalität bei Einbürgerungen.

Wenig öffentlicher Wohnraum

Sozialer Mietwohnraum macht weniger als zwei Prozent des spanischen Wohnungsbestands aus. Der EU-Durchschnitt liegt bei rund acht Prozent. Haushalte mit niedrigen oder mittleren Einkommen sind dadurch stärker vom privaten Mietmarkt abhängig; der öffentliche Wohnungsbestand kann bei stark steigenden privaten Mieten nur relativ wenige Haushalte auffangen.

Junge Menschen bekommen das besonders deutlich zu spüren. 2025 lebten 44,3 Prozent der 26- bis 34-Jährigen noch bei ihren Eltern. 47,3 Prozent dieser Gruppe nannten fehlende finanzielle Mittel für Kauf oder Miete als Hauptgrund. Von den Personen, die eine andere Wohnung suchten, aber nicht umzogen, nannten fast sieben von zehn zu hohe Preise als wichtigstes Hindernis.

Die Probleme ziehen sich durch mehrere Generationen: Junge Menschen können sich häufig keine eigene Wohnung leisten, Mieter kämpfen mit steigenden Kosten, Familien suchen vergeblich größere Wohnungen. Ältere Mieter können durch Eigentümerwechsel oder geänderte Vertragsbedingungen gefährdet werden. Maricarmens sieben Jahrzehnte in derselben Wohnung sind ungewöhnlich; die Unsicherheit, die dahinter sichtbar wird, ist es nicht.

Der Fall verbindet eine langjährige Mietdauer, steigende Wohnkosten, unsichere Vertragsbedingungen und die besondere Gefährdung älterer Mieter. Die Zentralregierung, die Region Madrid, die Stadtverwaltung, die Eigentümerseite und Mieterorganisationen stritten über Verantwortlichkeiten und mögliche Maßnahmen gegen die Räumung. Amnesty International erklärte, die Räumung ohne angemessene alternative Unterkunft habe Maricarmens Rechte verletzt.

Die Proteste