105 Meter Bahnstrecke – länger ist die internationale Verbindung der Pošumavská jižní dráha in Nové Údolí im tschechischen Böhmerwald nicht. Trotzdem überschreitet sie die Grenze zu Bayern. Rund drei Meter liegen auf deutscher Seite, der weitaus größere Teil in Tschechien. Nach Angaben ihrer Betreiber gilt die Museumsbahn damit als kürzeste internationale Eisenbahn der Welt.

Eine klassische Zugreise dauert hier nicht einmal eine halbe Minute. Bei einer dokumentierten Fahrt benötigte die kleine Lok für die gesamte Strecke 24 Sekunden – wobei sie teilweise von Hand angeschoben wurde. Wie schnell die Fahrt tatsächlich ausfällt, hängt also durchaus von der Kraft des Anschiebers ab. In der Gegenrichtung hilft das Gefälle nach. Das südböhmische Tourismusportal nennt als allgemeine Fahrtdauer ungefähr eine Minute.

Kurze Strecke, langer Eisenbahnweg

Einsteigen dürfen Besucher ausschließlich auf der tschechischen Seite. Zum Einsatz kommt unter anderem eine Nachbildung einer Dampflok. Während der Tourismussaison sind außerdem Fahrten mit einer Tret-Draisine möglich – Bahnfahren mit Muskelkraft, sozusagen.

Einen festen Fahrpreis gibt es nicht. Die Mitfahrt ist gegen eine freiwillige Spende möglich; als Andenken erhalten die Fahrgäste eine Erinnerungsfahrkarte. Der reguläre tschechische Zugverkehr endet weiterhin am Bahnhof von Nové Údolí. Die 105 Meter lange Grenzbahn gehört nicht zu diesem laufenden Netz und ist davon getrennt.

Heute wirkt der kurze Abschnitt wie ein kurioses Stück Eisenbahngeschichte. Früher war er jedoch Teil einer regulären grenzüberschreitenden Verbindung zwischen Böhmen und Bayern. Der Abschnitt bis zur damaligen Reichsgrenze wurde 1910 eröffnet. Über Haidmühle bestand eine Verbindung in Richtung Passau, und vor dem Zweiten Weltkrieg fuhren reguläre Personenzüge über die heutige deutsch-tschechische Grenze.

Vom Eisernen Vorhang zur Museumsbahn

Nach dem Krieg wurde der grenzüberschreitende Verkehr eingestellt. Während des Kalten Krieges lag Nové Údolí am Eisernen Vorhang; die Gleise zur Grenze wurden entfernt. Erst ab 1990 fuhren wieder Personenzüge bis Nové Údolí – allerdings nur auf tschechischer Seite.

Eisenbahnfreunde machten sich Mitte der 1990er-Jahre daran, einen Teil der früheren Verbindung wiederherzustellen. Laut Vereinschronik wurden 1997 erstmals wieder Gleise in Richtung Deutschland verlegt. Daraus entstand die heutige Museumsbahn. Viel Strecke ist daraus nicht geworden, aber die historische Lücke ist wieder sichtbar – und befahrbar.

Historische Wagen am Gleis

Zum Gelände gehören drei historische Eisenbahnwagen. In einem davon befindet sich ein kleines Museum mit historischen Fotografien und einem Modell des früheren Nové Údolí. Wer nach der kurzen Fahrt noch ein wenig bleibt, bekommt dort ein Gefühl dafür, dass diese 105 Meter nicht bloß ein Bahn-Spaß für die Tourismussaison sind, sondern der Rest einer einst deutlich längeren Verbindung.

Die Pošumavská jižní dráha ist nicht mehr an das reguläre tschechische Eisenbahnnetz angeschlossen und wird als Museumsbahn betrieben. Gerade deshalb liegen hier große Eisenbahngeschichte und eine Fahrt, die schneller vorbei ist, als mancher Fahrgast den Fotoapparat zücken kann, unmittelbar nebeneinander. Einsteigen, losrollen, Grenze überqueren – und schon ist man fast wieder da.