Am Bahnhof Alexanderplatz ist der Umbau längst angelaufen: DB InfraGO hat mit der Entkernung begonnen. Für Reisende heißt das vorerst vor allem Baustellenbetrieb, wechselnde Wege und ein bisschen Geduld. Der Bahnhof bleibt nämlich während der gesamten Bauzeit in Betrieb.

Das ist keine Kleinigkeit. 2024 stiegen hier täglich durchschnittlich 125.000 Menschen ein, aus oder um. Damit gehört der Bahnhof zu den 15 meistgenutzten Stationen Deutschlands. Als Umsteigepunkt zu U-Bahn und Straßenbahn liegt er mitten im Einkaufs- und Touristenzentrum rund um den Alexanderplatz. Auch S-Bahn, Regionalbahn, Bus und Tram machen den Bahnhof zu einem der meistfrequentierten Verkehrsknotenpunkte Berlins – täglich sind hier hunderttausende Menschen unterwegs.

Erst wird alles herausgerissen

Bis 2027 soll die Entkernung dauern. Sämtliche Einbauten und die technische Gebäudeausrüstung werden entfernt; danach soll das Erdgeschoss zunächst einem Rohbau gleichen. Zwischendecken werden geöffnet, Leitungen und Versorgungssysteme ausgetauscht, Brandschutzwände und technische Anlagen erneuert. Die Infrastruktur soll auf den aktuellen technischen Standard kommen.

Die Hauptarbeiten sollen nach derzeitiger Planung im Frühjahr oder Sommer 2027 beginnen und bis Ende 2029 laufen. Abnahmen und weitere Abschlussarbeiten folgen bis Mitte 2030. Die Sanierung kostet rund 70 Millionen Euro. Erneuert werden unter anderem Brandschutzanlagen, Elektrotechnik, Gebäudeautomation, Blitzschutz und Erdung, Klimaanlagen sowie Fassaden und Wand-, Boden- und Deckenflächen. Die Klimaanlagen sollen künftig leistungsfähiger sein.

Auch Beleuchtung, Orientierungssysteme, Materialqualität und Barrierefreiheit stehen auf der Liste. Die beiden rund 200 Meter langen Passagen bleiben erhalten. Historische Stadtbahnbögen sollen künftig stärker sichtbar werden; derzeit sind viele davon mit Fliesen verdeckt. Dunkle, wenig frequentierte Bereiche im Untergeschoss sollen verschwinden, damit sich Reisende sicherer fühlen. Dabei müssen die Vorgaben des Denkmalschutzes eingehalten werden.

Der Bahnhof wurde 1882 eröffnet und steht seit 1963 unter Denkmalschutz. In den 1960er-Jahren modernisierte die DDR ihn im Zuge des geplanten neuen Stadtzentrums nach Plänen von Hans Joachim May und Günter Andrich. Der Schriftzug „Alexanderplatz“ aus dieser Zeit soll bleiben. Die letzte umfassende Sanierung erfolgte in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre und kostete 63 Millionen Euro. Damals wurde auch die frühere DDR-Toilette durch ein modernes WC-Center ersetzt.

Händler müssen raus, Reisende bleiben drin

Der Umfang der Arbeiten trifft vor allem das Erdgeschoss. Sämtliche Gewerbeflächen müssen vollständig geräumt werden, während der Bauzeit sind dort keine Ladenbetriebe möglich. Die Mietverträge der betroffenen Händler werden nicht verlängert. Einige Geschäfte und Unternehmen sind seit Jahrzehnten im Bahnhof ansässig. Nun müssen sie kurzfristig neue Standorte finden oder ihr Angebot vorübergehend einstellen – keine angenehme Nachricht, gerade für kleine Betriebe.

Bereiche oberhalb der Gleise sollen für Reisende zugänglich bleiben, das Erdgeschoss wird zeitweise vollständig geschlossen. Der Zugverkehr soll weitgehend aufrechterhalten werden. Bahnsteige bleiben erreichbar und möglichst barrierefrei zugänglich; Arbeiten in den Bahnsteigbereichen sollen in Sperrpausen stattfinden. Trotzdem müssen sich Fahrgäste auf geänderte Wege, zeitweise verlegte Zugänge, Sperrungen und Baustellenbetrieb einstellen.

Ein Interimsgebäude südlich des Bahnhofs, in Richtung Fernsehturm, soll als Ausweichort dienen. Ticketschalter, DB-Information und WC-Center befinden sich bis 2030 in Containern vor dem Fernsehturm. Auch Reisezentrum, Toiletten und Informationsangebote werden dorthin verlegt.

Rund 2.800 Quadratmeter stehen im Bahnhof für Einzelhandel und Gastronomie zur Verfügung. Nach der Sanierung sollen dort wieder Geschäfte, Gastronomie, ein WC-Center, ein DB-Reisezentrum und ein S-Bahn-Fahrkartenverkauf Platz finden. Laut DB InfraGO gibt es bereits viele Mietinteressenten; möglichst alle Flächen sollen wieder vermietet werden.

Ein Café wie aus den Sechzigern?

Eine Idee klingt dabei fast ein wenig nach Zeitreise: DB InfraGO erwägt ein Außencafé im DDR-inspirierten Retro-Stil, mit Möbeln und Farben der 1960er-Jahre und orangefarbenen Sonnenschirmen. Ob daraus tatsächlich etwas wird, ist offen. Es braucht erst einen passenden Gastronomiebetreiber.

Das Café wäre jedenfalls nicht die einzige Erinnerung an die Bahnhofsgeschichte. Die historischen Stadtbahnbögen sollen sichtbarer werden, der Schriftzug „Alexanderplatz“ bleibt erhalten – und daneben laufen moderne Brandschutz-, Klima- und Sicherheitstechnik in die Gegenwart. Alt und neu, manchmal direkt nebeneinander.

Der Bahnhof gehört zu einem bundesweiten Sofortprogramm für zufriedenere Kunden. In Umfragen schnitt er trotz Verbesserungen bei Sauberkeit und Sicherheit schlecht ab. Die Bahn hat deshalb die Reinigung intensiviert, setzt unter anderem enzymhaltiges Reinigungswasser ein und stimmt Außen- und Innenreinigung besser aufeinander ab.

Der Alexanderplatz ist kein Einzelfall

Viele Bahnhöfe in Deutschland sind heruntergekommen, teils baufällig und abgesperrt. Dunkle Bereiche, defekte Aufzüge, Graffiti und ein ungepflegter Gesamteindruck gehören vielerorts zum Bild. Bundesregierung und Deutsche Bahn wollen mit mehreren Sanierungsprogrammen gegensteuern.

Bis Ende 2025 stellte das Verkehrsministerium für sechs Programme insgesamt 712 Millionen Euro bereit. Die DB rief davon bislang 266 Millionen Euro ab und gab sie aus; 446 Millionen Euro blieben ungenutzt. Nach Angaben des Ministeriums verfallen diese Mittel nicht, sondern bleiben verfügbar. Der Bundesrechnungshof kritisierte im Mai 2025 die schleppende Umsetzung der Bahnhofsprogramme, von denen einige bereits seit 2019 laufen. Das Verkehrsministerium soll von der DB eine wirtschaftliche und zügige Umsetzung einfordern.

Zuständig ist vor allem DB InfraGO, die DB-Tochter für Schienennetz und Bahnhöfe. Die nicht abgerufenen 446 Millionen Euro entsprechen fast dem Neunfachen dessen, was die DB 2026 zusätzlich für Bahnhöfe ausgibt. DB-Chefin Evelyn Palla kündigte Anfang 2026 ein Sonderprogramm für mehr Sicherheit und Sauberkeit an. Die Frühjahrsputzaktionen sollen 2026 auf 1.400 Bahnhöfe verdoppelt werden.

Warum es trotzdem oft so zäh läuft? DB InfraGO arbeitet parallel an der Sanierung des jahrzehntelang vernachlässigten Schienennetzes. Die eigenen Kapazitäten und jene der beauftragten Baufirmen reichen nicht für alle Projekte gleichzeitig. Außerdem verkaufte die DB seit Ende der 1990er-Jahre zahlreiche Bahnhofsgebäude und stoppte dies erst vor wenigen Jahren.

1999 gab es nach Angaben der Allianz pro Schiene insgesamt 3.507 Bahnhofsgebäude. 2025 gehörten davon noch 608 der DB. Mehr als die Hälfte befindet sich laut Allianz pro Schiene im Besitz privater Investoren; jeweils 22 Prozent gehören Kommunen beziehungsweise der DB. Fördermittel des Bundes erhalten derzeit nur Bahnhöfe im Besitz der DB. Die Allianz pro Schiene und der Deutsche Städte- und Gemeindebund fordern deshalb, auch Bahnhöfe anderer Eigentümer zu fördern.

Die DB hat ein Sanierungsprogramm mit einheitlichen Standards begonnen, um von Einzelmaßnahmen zu standardisierten Abläufen überzugehen. In den vergangenen zwei Jahren wurden 237 Stationen saniert, für 2026 sind 130 weitere vorgesehen. Mitte Juli waren davon 70 fertiggestellt. Bis 2035 sollen zahlreiche weitere Bahnhöfe folgen – am Alexanderplatz wird man bis dahin noch lange zwischen Bauzäunen, Containern und neuen alten Ideen unterwegs sein.