Bahnengpass am Bodensee: Unterflurlösung soll Rheintal und Seeufer entlasten
Im Unteren Rheintal wächst der Druck auf die Bahn. Zwischen Wolfurt und der deutschen Grenze soll das Netz leistungsfähiger werden – für Pendler, Reisende und den Güterverkehr. Gebrüder Weiss, Rauch, die Rhomberg Gruppe und Blum unterstützen den Ausbau. Eine konkrete Variante steht allerdings noch nicht fest.
Der schwierigste Abschnitt liegt zwischen Bregenz und Lochau. Dort ist die Strecke eingleisig, während rundherum dicht besiedelte Wohngebiete und das Bodenseeufer liegen. Die Unternehmen verlangen deshalb mehr Kapazität, aber keine Lösung mit der Brechstange: Unterflurtrasse und Pfändertunnel sollen ernsthaft und ergebnisoffen geprüft werden. Eine oberirdische Erweiterung könnte stark in Siedlungs- und Landschaftsräume eingreifen.
Mehr Bahn, ohne den Lebensraum aus dem Blick zu verlieren
Das Land Vorarlberg hat den ÖBB ein Forderungspaket übergeben. Ziel ist ein leistungsfähiger und siedlungsverträglicher Ausbau zwischen Wolfurt und der deutschen Grenze. Die Kapazität soll steigen, der Engpass zwischen Bregenz und Lochau verschwinden – und zugleich sollen Lebensqualität und Bodenseeufer geschützt werden.
Die Position wurde gemeinsam mit den Gemeinden, der Wirtschaftskammer und der Initiative „mehramsee“ erarbeitet. Ein Landtagsbeschluss vom 31. Jänner 2024 schließt oberirdische Gleiserweiterungen in dicht besiedelten Gebieten und am Seeufer aus. Im Mittelpunkt stehen daher unterirdische Lösungen. Gefordert wird, die Kapazitätserweiterung im Unteren Rheintal als „Modul Rheintal“ in das Zielnetz 2040 aufzunehmen und rasch politisch zu beschließen.
Hinter dem Ausbau stehen mehrere Gründe: die Anforderungen der Exportwirtschaft, die Bedeutung des öffentlichen Verkehrs im Rheintal, die TEN-T-Anbindung und die Überlastung der bestehenden Infrastruktur. Bund und ÖBB sollen gemeinsam mit den betroffenen Regionen die Varianten prüfen und anschließend die bevorzugte Lösung festlegen. Auch eine EU-Kofinanzierung über TEN-T, CEF und Interreg soll untersucht werden.
Die Wirtschaftskammer fordert dafür einen gemeinsamen Schulterschluss und eine leistungsfähige, zeitnah umsetzbare Unterflurlösung – unabhängig vom konkreten Trassenverlauf. Bregenz begrüßt die Aufnahme des Projekts in das Zielnetz 2040 und verlangt ein koordiniertes Vorgehen von Bund, Land, ÖBB und Gemeinden. So weit die politische Marschrichtung.
Wolfurt als Drehscheibe – und als Nadelöhr
Gebrüder Weiss sieht vor allem bei der Schienenverbindung nach Deutschland und weiter zu den Nordseehäfen Nachholbedarf. Auf der Straße sei Vorarlberg gut angebunden, auf der Schiene gebe es weiterhin Defizite. Der Güterbahnhof Wolfurt könnte als Schnittstelle zwischen Straße und Bahn dienen, braucht dafür aber eine Anbindung an das internationale Bahnnetz. Wirtschaftlich verspricht man sich verlässlichere Takte, mehr Güterverkehr auf der Schiene und eine stärkere Rolle des Logistikknotens Wolfurt.
Rauch nutzt die Bahn nach eigenen Angaben seit vielen Jahren und zählt zu Österreichs größten Bahnkunden. Wer noch mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagern wolle, komme am Ausbau der Infrastruktur nicht vorbei. Die Rhomberg Gruppe verweist auf die bestehenden eingleisigen Verbindungen in die Nachbarländer, steigende Anforderungen an den Bahnverkehr und den zusätzlichen Ausbaubedarf durch die Erweiterung des Güterbahnhofs Wolfurt.
Bei Blum geht bereits mehr als ein Drittel der Produkte per Bahn auf die Reise. Dadurch würden jährlich mehr als 20.000 Lkw-Fahrten vermieden. Das Unternehmen baut die eigene Bahninfrastruktur aus, stößt aber zunehmend an die Grenzen des öffentlichen Schienennetzes. Für weitere Transporte brauche es leistungsfähigere Verbindungen. Und während möglicher Bauarbeiten soll der laufende Bahnverkehr möglichst ohne größere Einschränkungen weiterlaufen – keine kleine Bitte, wenn an einer ohnehin knappen Strecke gearbeitet wird.
Zum Forderungspaket gehört deshalb auch die rasche Planung und Umsetzung des zweigleisigen Ausbaus zwischen Lustenau und Hard/Fußach. Das Vorhaben ist im Rahmenplan 2027–2032 vorgesehen. Land und betroffene Gemeinden sollen gemeinsam planen. Eine längere Unterbrechung des Bahnbetriebs während der Bauarbeiten soll vermieden werden.
Grenzen auf der Landkarte, nicht unbedingt auf der Schiene
Der Ausbau steht nicht isoliert im Rheintal. Baden-Württemberg und Vorarlberg wollen den grenzüberschreitenden Schienenverkehr verbessern. Verkehrsminister Winfried Hermann und der Vorarlberger Landesrat Daniel Zadra haben dazu eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet.
Im Gespräch sind Direktverbindungen von Friedrichshafen nach Vorarlberg, Ski-Züge von Stuttgart über Bregenz bis Schruns und eine verstärkte Zusammenarbeit im Schienengüterverkehr. Dahinter stehen der grenzüberschreitende Berufspendlerverkehr, der Tourismus, die Naherholung sowie kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen rund um den Bodensee.
Ein besseres Bahnangebot soll Touristen und Pendler zum Umstieg bewegen. Mehr Güterverkehr auf der Schiene könnte CO₂-Emissionen senken und die Straßen vom Schwerlastverkehr entlasten. Bei einer weiteren Fachbesprechung im September sollen Maßnahmen für den Fahrplan 2027 geprüft werden. Dabei geht es um den Kapazitätsbedarf, geeignete Fahrzeuge, mehr Fahrplanstabilität und Betriebsqualität sowie Verbesserungen am Knoten Lindau und auf den angrenzenden Strecken. Erste neue Verbindungen könnten ab 2027 möglich sein.
Weitere Partner der Bodenseeregion, insbesondere Bayern, sollen in Planung und Umsetzung einbezogen werden. Neben Zugangebot und Fahrplanstabilität stehen auch Tarifstrukturen und Kundenservice auf der Liste. Baden-Württemberg und Vorarlberg unterstützen die Gesellschaft ÖV Bodenseeraum, in der wichtige Akteure des öffentlichen Verkehrs rund um den Bodensee zusammenarbeiten.
Offen ist außerdem, ob eine „Strategische Prüfung Verkehr“ notwendig ist, da keine Hochleistungsstrecke erforderlich sei. Der Schweizer Vorschlag, den Railjet Zürich–Wien ab 2038 über St. Gallen, St. Margrethen und Dornbirn zu führen, soll sachlich bewertet werden. Auch der geplante Ausbau der Strecke Zürich–München muss berücksichtigt werden. Frühzeitige Abstimmungen mit Deutschland und der Schweiz sowie die Einbettung in die grenzüberschreitende Entwicklung der Bodenseeregion sind ausdrücklich vorgesehen.
Beide Länder wollen sich bei den zuständigen nationalen Behörden und im eigenen Zuständigkeitsbereich für eine bessere Schieneninfrastruktur und eine leistungsfähige Güterverkehrsanbindung des Wirtschaftsraums einsetzen. Währenddessen bleibt im Unteren Rheintal die entscheidende Frage offen: Welche Lösung bringt mehr Züge durch den Engpass, ohne dass Wohngebiete und das Seeufer den Preis dafür zahlen?
