BVG-Baureihe J erobert die U9: Mehr Platz und Hoffnung auf weniger Ausfälle
In Berlin bekommt die U-Bahn heute, am 4. Oktober 2026, Verstärkung: Die neuen Fahrzeuge der Baureihe J fahren nun auch auf der Linie U9. Zunächst sind dort zwei Züge mit jeweils sechs Wagen unterwegs, weitere sollen folgen. Bislang waren die im Mai ausgelieferten J-Züge ausschließlich auf der U5 eingesetzt worden.
124 Wagen der Baureihe J sind derzeit im Einsatz. Bis zum Jahresende soll die Flotte auf 170 Wagen anwachsen. Für die Fahrgäste bedeutet das nicht nur neue Sitze und glänzende Türen, sondern hoffentlich auch weniger Ausfälle und weniger Improvisation im täglichen Betrieb. Die alternde BVG-U-Bahnflotte hat wegen ihres hohen Wartungsaufwands zuletzt deutlich an Zuverlässigkeit verloren.
Mehr neue Züge, stabilerer Betrieb
Auf der U5 fuhren im vergangenen Jahr durchschnittlich 98,4 Prozent der Züge planmäßig. Seit dem Start der Baureihe J vor rund viereinhalb Monaten stieg dieser Anteil auf 99 Prozent. Im ersten Quartal 2026 lag die Zuverlässigkeit der Berliner U-Bahn nach Angaben der BVG bei 98,6 Prozent.
Die J-Züge ersetzen auf der U5 zunächst Fahrzeuge der Baureihe IK. Diese ursprünglich für die Linien U1 bis U4 entwickelten Züge waren wegen ihrer angepassten Wagenbreite vorübergehend auf der U5 eingesetzt worden. Nach einem kurzen Umbau sollen die erst neun Jahre alten IK-Züge wieder auf den Linien U1 bis U4 fahren und dort die Flotte verjüngen. Fast alle JK-Wagen, die schmalere Schwesterbaureihe für U1 bis U4, sind bereits im Einsatz und verbessern seit September 2025 die Zuverlässigkeit auf der U2.
Die Baureihen J und JK bilden zusammen den größten Beschaffungsauftrag in der Geschichte der BVG. Die bisher erteilten Aufträge umfassen 484 Wagen: 344 Wagen der Baureihe J und 140 Wagen der Baureihe JK. Weitere rund 170 J-Wagen sind bestellt und sollen 2027 vom Hersteller Stadler geliefert werden. Bis zu 36 Neuwagen pro Tag sind vorgesehen – sechs Züge in maximaler Länge.
Was in den Wagen steckt
Die Baureihe J ist ein Großprofil-Fahrzeugtyp der Berliner U-Bahn. Entwickelt und gefertigt wurden die Fahrzeuge von BVG und Stadler in Berlin, hergestellt werden sie von Stadler Pankow. Der erste J-Testzug wurde im Oktober 2024 geliefert; im April 2026 begann die Baureihe mit dem Betrieb. Seit dem 18. Mai 2026 fuhren J-Züge zunächst auf der U5, ab Ende Oktober 2026 war der Einsatz auf der U9 vorgesehen, ab Anfang 2027 der reguläre Betrieb.
Die Wagenkästen bestehen aus Aluminium. Jeder Wagen hat auf jeder Seite drei Doppeltüren mit jeweils 1300 Millimetern Breite. Die Türsäulen sind schmaler als bei der Baureihe IK, der Innenraum wirkt dadurch breiter. Zwischen den Türen befindet sich jeweils nur ein Fenster statt zwei. Das soll Wartungskosten senken und Platz für zusätzliche Fahrgastinformationsmonitore schaffen.
Innen gibt es Monitore, außen Anzeigen an den Stirnseiten und Seitenwänden. Die BVG verspricht ein großzügigeres Raumgefühl, ein neues Lichtkonzept, geräumige Türbereiche und mehr Platz für Fahrgäste, Rollstühle und Kinderwagen. Die Fahrgastinformation wurde vollständig erneuert; Hinweise zu Ausgängen und Aufzügen kommen früher. Auch die Barrierefreiheit wurde verbessert. Selbst die Fahrerarbeitsplätze erhielten neue Bedienelemente und ergonomische Verbesserungen.
Technisch fahren die J-Züge auf Normalspur mit 1435 Millimetern Spurweite und 750 Volt Gleichspannung. Der Strom wird über eine seitliche, von unten bestrichene Stromschiene übertragen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 70 km/h. Ein Zweiwagenzug ist über Kupplung 32,1 Meter lang, ein Vierwagenzug 64,2 Meter. Die Wagen sind 2650 Millimeter breit und 3425 Millimeter hoch; der Drehgestellachsstand beträgt 1800 Millimeter.
Die Stundenleistung liegt bei 600 kW für einen Zweiwagenzug und bei 1200 kW für einen Vierwagenzug. Eingesetzt werden Drehstrom-Asynchronmotoren des Typs TMR 39A-18-4 von Traktionssysteme Austria, gekuppelt wird mit Scharfenbergkupplungen. Die Fußbodenhöhe beträgt 950 Millimeter.
In einem Zweiwagenzug gibt es 40 Sitzplätze und 174 Stehplätze, in einem Vierwagenzug 112 Sitzplätze und 347 Stehplätze – jeweils bei vier Personen pro Quadratmeter. Die Züge können als durchgängige Zwei-, Vier- oder Sechswagenzüge eingesetzt werden. Endwagen besitzen an einem Ende einen Führerstand und am anderen einen Übergang, Mittelwagen haben an beiden Enden Übergänge. Möglichst viele Bauteile sind mit der Baureihe JK identisch, damit der Ersatzteilaufwand überschaubar bleibt.
Ein langer Anlauf
Dass Berlin heute neue Großprofilzüge bekommt, war lange keineswegs selbstverständlich. Nach der Lieferung der letzten H-Züge im Jahr 2002 beschaffte die BVG aus finanziellen Gründen über Jahre keine neuen Großprofilfahrzeuge. Mitte der 2010er-Jahre lag das Durchschnittsalter der U-Bahn-Fahrzeuge bei 26 Jahren im Großprofil und 28 Jahren im Kleinprofil. Die ältesten Züge stammten aus dem Jahr 1964.
Als Übergangslösung wurden 2017 und 2020 IK-Züge mit zusätzlichen Trittbrettern für den Einsatz auf der Großprofillinie U5 ausgestattet. Wenn genügend J-Züge geliefert sind, sollen diese IK-Fahrzeuge ins Kleinprofilnetz wechseln.
Der Berliner Senat genehmigte 2016 die Beschaffung einer neuen Fahrzeuggeneration für das Klein- und Großprofilnetz. Die europaweite Ausschreibung vom Oktober 2016 umfasste bis zu 440 Wagen für das Kleinprofil und 1060 Wagen für das Großprofil. Stadler setzte sich gegen ein Konsortium aus Siemens und Bombardier sowie gegen Alstom durch und erhielt im Mai 2019 den Zuschlag. Alstoms Einspruch und die anschließende Klage vor dem Kammergericht Berlin wurden am 20. März 2020 zurückgewiesen.
Stadler investierte 70 Millionen Euro in neue Werkhallen im Werk Berlin-Pankow. In einem ersten Abruf bestellte die BVG 376 Wagen. Die Großprofilzüge heißen Baureihe J, die Kleinprofilzüge Baureihe JK.
Die ursprünglich für Herbst 2022 geplante Lieferung von je zwölf Testwagen wurde wegen Lieferverzögerungen bei Einzelteilen zunächst um etwa ein Jahr verschoben. Ende Oktober 2023 gab es noch keinen konkreten Zeitplan. Nach der Zulassung sollte die Serienlieferung 2024 beginnen; bis Ende 2025 waren zunächst 236 J-Wagen und 140 JK-Wagen vorgesehen. Von Juni 2021 an stellte die BVG im Deutschen Technikmuseum ein JK-Mock-up aus, um Innenraum und Führerstand zu testen und festzulegen.
Viele Wagen, lange Perspektive
Insgesamt sind 510 Wagen vorgesehen, darunter 52 Zweiwagen- und 33 Vierwagenzüge. Zum Auftrag gehört eine Ersatzteilgarantie für 32 Jahre nach Auslieferung des letzten Fahrzeugs. Vertraglich vereinbart ist eine Mindestabnahme von 606 Wagen beider Baureihen. Über den Verkehrsvertrag des Landes Berlin mit der BVG sind 756 J-Wagen und 262 JK-Wagen finanziert. Die 756 J-Wagen sollen bis 2030 ausgeliefert werden. Zusätzlich gibt es eine Option auf 304 weitere J-Wagen bis 2033 sowie 178 weitere JK-Wagen bis 2035.
Im Juni 2025 bestellte die BVG in einem zweiten Abruf 108 weitere Wagen; damit waren insgesamt 344 Wagen bis 2027 vorgesehen. Im November 2025 wurde berichtet, dass die BVG einen dritten Abruf von weiteren 216 J-Wagen erwog. Damit wären ab 2028/2029 insgesamt 560 J-Wagen verfügbar.
Am 6. Juli 2026 stimmte der BVG-Aufsichtsrat einer dritten Tranche mit 166 Wagen für 313 Millionen Euro zu. Diese Züge sind für die Linien U5 und U8 vorgesehen und werden bereits ab Werk mit CBTC ausgestattet.
Die letzte Premierenfahrt mit Neuwagen für die Linien U5 bis U9 liegt laut BVG mehr als 30 Jahre zurück. Nun rollt die neue Generation also auch auf der U9 an – zunächst in zwei sechsteiligen Zügen. Ein bisschen Geduld bleibt trotzdem nötig: Bis Ende 2026 soll die J-Flotte erst auf rund 170 Wagen wachsen, während weitere Lieferungen bereits für 2027 und die folgenden Jahre eingeplant sind.
