Gasspeicher bei 59 Prozent: Warum Deutschland dennoch sicher durch den Winter kommen soll
Deutschland geht mit gut gefüllten, aber im Vergleich zu früheren Jahren deutlich leereren Gasspeichern in den Winter. Am 7. Oktober 2026 sind die Speicher nach Angaben der Bundesnetzagentur zu 59 Prozent gefüllt – das entspricht 146 Terawattstunden (TWh). Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche erwartet dennoch keinen Gasmangel. In den Speichern befinde sich derzeit mehr Gas, als Deutschland in einem besonders kalten Jahr insgesamt verbraucht habe.
Ganz ohne Bauchweh ist die Lage allerdings nicht. Niedrige Füllstände hatten Sorgen über die Winterversorgung ausgelöst, und Reiche musste sich den Vorwurf anhören, nicht ausreichend vorzusorgen. Ende September wies sie deshalb das staatliche Energieunternehmen Sefe an, zusätzlich Erdgas einzuspeichern. Die bundeseigenen Gasimporteure Uniper und Sefe teilten dem Wirtschaftsministerium außerdem mit, dass sie weitere Mengen einlagern. Zusätzlich wurden Langfristoptionen ausgeschrieben, um Gas für den Winter abzusichern.
Weniger im Speicher, aber kein Alarm
Die deutschen Gasspeicher können zusammen etwa 250 TWh aufnehmen. Zum Vergleich: Deutschland verbrauchte 2024 knapp 850 TWh Erdgas, den größten Teil davon im Winter. Die Speicher sollen vor allem den saisonal höheren Bedarf ausgleichen, weil sich die Gasimporte übers Jahr nur geringfügig verändern. Im Sommer werden teilweise nur etwa 10 TWh pro Woche verbraucht, im Winter können es mehr als 30 TWh sein. Hauptgrund: Wohnungen müssen beheizt werden.
Ein besonders kalter Winter oder der Ausfall von LNG-Lieferungen könnte Gas dennoch knapp machen. Die Speicher sind deutlich leerer als in den Vorjahren. Vor dem vergangenen Winter war wegen gelockerter Speichervorgaben weniger Gas eingelagert worden; Deutschland startete dadurch mit besonders leeren Speichern in die kalte Jahreszeit. Seit Beginn des Iran-Kriegs ist Gas außerdem deutlich teurer. An der Europäischen Energiebörse haben sich die Preise bis zum Herbst nahezu verdoppelt. Für Gasunternehmen lohnte es sich im Sommer deshalb weniger, die Speicher vollständig zu füllen.
Billig wie nach Beginn des Ukraine-Kriegs ist Erdgas trotzdem noch: Im August 2022 kostete die Kilowattstunde zeitweise mehr als 30 Cent, im August 2026 waren es knapp 7 Cent. Bei Verbraucherinnen und Verbrauchern kommen die höheren Preise inzwischen ebenfalls an.
Die Bundesnetzagentur hält die Versorgungssicherheit in Deutschland für gewährleistet. Nach einem Mitte September vorgelegten Bericht des Wirtschaftsministeriums war nach damaligem Kenntnisstand im kommenden Winter keine Gasmangellage zu erwarten. Reiche hatte den Aufbau einer strategischen Gasreserve bereits zuvor angekündigt, um Risiken etwa bei gestörten Energieflüssen nach Deutschland abzufedern. Wegen zunehmender Bedrohungen soll eine solche Reserve nun zusätzlich für die Gasspeicher ausgeschrieben werden.
Hormus sorgt für Nervosität am Markt
Im Konflikt mit den USA blockiert der Iran den Verkehr durch die Straße von Hormus weitgehend. Für den weltweiten Öl- und Gashandel ist die Meerenge wichtig, auch wenn Europa und Deutschland nur einen kleinen Teil ihres Gases über diese Route beziehen. Die Region bleibt für den globalen Gasmarkt bedeutend. Die drohende Knappheit verschärft den Wettbewerb um verfügbares Gas – unter anderem um LNG-Lieferungen aus den USA.
US-LNG macht etwa ein Viertel der Erdgaslieferungen in die Europäische Union aus. Mehr als 90 Prozent der LNG-Lieferungen nach Deutschland stammen inzwischen aus den Vereinigten Staaten. Ein großer Teil der deutschen Importe kommt weiterhin per Pipeline aus Norwegen und den Niederlanden. In den Niederlanden sinkt allerdings die Eigenförderung, während dort der Anteil von US-LNG gestiegen ist.
Die Bundesregierung hatte die stärkere Absicherung der Versorgung Ende September auch mit anhaltenden geopolitischen Risiken begründet. Die Bundesnetzagentur beobachtet die Entwicklungen im Nahen Osten. Preisveränderungen auf den Weltmärkten wirken auf die europäischen Großhandelspreise durch. Ob sie bei den Endkunden landen und in welchem Umfang, hängt unter anderem von der Dauer des Konflikts, der Beschaffungsstrategie der Lieferanten und den vertraglichen Regelungen ab.
Was die Zahlen eigentlich messen
Beim Gas zählt nicht das Volumen, sondern der Energiegehalt, weil Erdgas unterschiedlich zusammengesetzt sein kann. Eine einzelne Person verbraucht üblicherweise einige tausend Kilowattstunden pro Jahr. Eine TWh entspricht einer Milliarde Kilowattstunden – also dem Jahresverbrauch von mehreren hunderttausend Menschen.
Bei großen Abnehmern wie Industrieunternehmen und Kraftwerken wird der Verbrauch täglich gemessen. Das Verfahren heißt Registrierende Leistungsmessung, kurz RLM. Die Daten sammelt der Gasnetzverantwortliche Trading Hub Europe (THE). Haushalte und kleine Gewerbekunden werden dagegen indirekt über Standard-Last-Profile, die sogenannten SLP-Daten, erfasst. Das ist ungenauer. Die Bundesnetzagentur korrigiert diese Werte regelmäßig nachträglich, veröffentlichte Verbrauchsdaten können sich deshalb noch ändern.
Wie viel Gas gebraucht wird, entscheidet sich stark nach Wetter und Jahreszeit. Ein kalter Wind draußen, die Heizung läuft – und schon springt der Wochenverbrauch kräftig nach oben. Die täglichen Schwankungen sind für Händler, Netzbetreiber und Speicherbetreiber keine Nebensache.
Importe laufen, Speicherbefüllung bleibt flexibel
Die Lagebewertung der Bundesnetzagentur vom 5. Oktober 2026 zeichnet ein ruhigeres Bild, als es der Blick auf die Speicherstände zunächst nahelegt. Vom 28. September bis 4. Oktober wurden 15,1 TWh per Pipeline importiert. Über deutsche LNG-Terminals kamen im selben Zeitraum weitere 2 TWh hinzu; die durchschnittliche Auslastung der Terminals lag bei 44,5 Prozent.
Die täglichen Einspeicherungen waren zuletzt teilweise weiterhin niedrig. Nach Einschätzung der Behörde liegt das an Absicherungsstrategien der Gashändler und ist nicht kritisch für die sichere Gasversorgung. Die Speicherfüllstandsziele bis November müssen demnach nicht zwingend erreicht werden. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Pipelineimporten, Speichern, LNG-Importen, vorhandener Infrastruktur und Gasnachfrage.
Grundsätzlich tragen die Gashändler die Verantwortung für Wintervorsorge und Speicherbefüllung. Sie müssen Lieferverpflichtungen gegenüber Stadtwerken, Versorgern, Industrie und weiteren Kunden erfüllen und sich dafür passend absichern. Genutzt werden Pipeline- und LNG-Importe ebenso wie gespeicherte Mengen; eingekauft wird nach Möglichkeit dort, wo der Preis passt. Nach Angaben der Bundesnetzagentur ist auf dem Weltmarkt ausreichend Gas verfügbar, und auch ausreichende Importmöglichkeiten bestehen.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat die seit dem 23. Juni 2022 geltende Alarmstufe des Notfallplans Gas aufgehoben. Seit dem 1. Juli 2025 gilt in Deutschland die Frühwarnstufe. Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung nach aktuellem Kenntnisstand weiterhin als gering ein und beobachtet die Lage fortlaufend.
Wegen des weiterhin erhöhten Preisniveaus hält die Behörde einen sparsamen Gasverbrauch bei Haushalten für sinnvoll. Ein vergleichsweise niedriger Speicherfüllstand am Ende des Winters gilt als wahrscheinlich. Auf der Internetseite der Bundesnetzagentur finden sich dazu interaktive Daten zu Gasflüssen, zur Auslastung der LNG-Terminals, zu Speicherfüllständen und täglichen Veränderungen sowie zum Gasverbrauch von Industrie, Haushalten und Gewerbe. Abrufbar sind außerdem Gesamtgasverbrauch, monatliche und wöchentliche Verbrauchsveränderungen und Mittelwerte, Temperaturen, Großhandelspreise für Gas in Euro pro Megawattstunde sowie die Gasförderung in Deutschland in GWh pro Tag.
