Im Wartesaal des Deutschlandherzens: Bonn Parks Fiebertraum zwischen Schimmel und Stillstand
Am 2. Oktober 2026 feierte „Das Deutschlandherz“ von Bonn Park an den Frankfurter Kammerspielen Premiere. Drei junge Menschen sitzen an einem verfallenen Bahnhof fest: Naömi (Rokhi Müller), Waltor (Mitja Over) und Richord (Steffen Link) wollen Deutschland verlassen. Der letzte Zug soll Flucht und Erlösung bringen. Nur: Wann er kommt, wo er abfährt und ob er überhaupt noch fährt, bleibt zunächst im Nebel.
Der Wartesaal sieht aus, als hätte ihn seit Jahren niemand mehr ordentlich aufgesperrt. Schließfächer, Plastikstühle, Absperrbänder und eine unklare Baustelle bilden den maroden Schauplatz. Die Tickets lassen sich wegen der schlechten Internetverbindung nicht herunterladen, die Durchsagen sind unverständlich, der mutmaßliche Abfahrtsort verlassen und verriegelt. Zwischen Warten, Fehlermeldungen und wachsender Panik sucht das Trio nach einem Ausweg aus seiner Hilflosigkeit.
Ein Bahnhof als Fiebertraum
Außerhalb dieses Wartesaals scheint die Welt nur noch aus Katastrophen zu bestehen. Wälder verbinden sich mit Flammen, Wasser wird zum Bild für Wüste und Durst, Weihnachten ruft belastende Gespräche in Erinnerung. Die Inszenierung nimmt gesellschaftliche Ängste auseinander und wirft sie wieder in einen Topf: Debatten über das Stadtbild, Identitätspolitik, kleinbürgerlichen Geiz und die Vorstellung von Zucht und Ordnung. Heraus kommt ein deutsches Fiebertraum-Gemisch, in dem man sich nie ganz sicher sein kann, ob gleich jemand schreit oder ein schlechter Witz folgt.
Horrorfilm-Elemente treffen auf groteske Komik, übertriebene Angstreaktionen und eine Liebesgeschichte zwischen Naömi und Richord. Der Gruselsoundtrack von Ben Roessler und die Lichtgestaltung von Valentin Wittig setzen schockartige Momente. Spannung baut sich auf, die Luft scheint kurz stillzustehen – und kippt dann wieder ins befreiende Lachen. Das Stück nutzt die Mittel des Horror-Genres, ohne sich darin einzurichten; Schrecken und Komik liegen hier ziemlich dicht beieinander.
Als die Technik ausfällt und die Zugtickets nicht im Navigator erscheinen, wird die Lage noch ungemütlicher. Ein hilfsbereiter Schaffner (Andreas Vögler) taucht auf. Ob die drei ihm vertrauen können, bleibt offen. Als Vertreter einer höheren Ordnung verspricht er, „alles in Ordnung“ sei, und singt dabei Helene Fischer. Das ist schon schräg genug. Danach wird es richtig finster.
Die Angst bekommt einen Körper
Der Schaffner infiziert Richord und Waltor, die als „Bio-Deutsche“ bezeichnet werden, mit einem Schimmelpilz. Von da an erscheint ihnen die nicht-weiße Naömi, vor allem nachts, als Bedrohung. Die Metamorphose führt nicht in eine klassische Zombie-Apokalypse. Was sich ausbreitet, ist ein übermäßig angepasstes, ordnungsliebendes Deutschsein – mit Regeln, Abneigungen und dem festen Wunsch, dass bitte alle dasselbe verstehen, mögen und ablehnen.
Der gemeinsame Schmerz, erklärt der Schaffner, werde verschwinden, wenn alle gleich denken und empfinden. „Das Deutschland“ erscheint dabei als Infektionsrisiko. Naömis Rettung hängt an einer abschließenden Wendung der Handlung, die hier nicht vorweggenommen wird. Bonn Park verbindet die Warnung vor weiß-deutscher Angst mit Unterhaltung; manchmal ist das unangenehm, manchmal absurd, manchmal beides zugleich.
Autor und Regisseur ist Bonn Park, die Bühne und Kostüme stammen von Sina Manthey, die Dramaturgie übernimmt Katja Herlemann. Auf der Bühne stehen Steffen Link, Rokhi Müller, Mitja Over und Andreas Vögler. Gespielt wird 1 Stunde 20 Minuten ohne Pause – genug Zeit für Schimmel, Schreckmomente, Helene Fischer und einen Bahnhof, an dem wirklich gar nichts voranzugehen scheint.
Bonn Park und sein „Deutschland“
Bonn Park, 1987 in West-Berlin geboren, ist deutscher Dramatiker, Regisseur und Filmemacher. Aufgewachsen ist er in Berlin und Korea. Als Jugendlicher engagierte er sich im P14-Jugendclub der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. 2008 begann er ein Slawistikstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitete parallel an der Volksbühne weiter. Dort entstanden erste Arbeiten als Autor und Regisseur, darunter „SIMBA – Prinz von Dänemark“.
Ab 2010 studierte Park Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Sein erstes bei einem Wettbewerb eingereichtes Stück, „Die Leiden des jungen SuperMario in 2D“, erhielt 2011 beim Heidelberger Stückemarkt den Innovationspreis. Es folgten „Johnny F. & Die unterste Schublade“ und „Molière’s HORNY“ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz im Jahr 2012, danach „SIMBA – Prinz von Dänemark“ dort 2013.
Für „Traurigkeit & Melancholie“ erhielt Park 2014 den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis. Die Uraufführung fand am 11. Juni 2015 am Theater Bonn statt; eine 61-minütige Hörspielfassung war bereits am 31. Mai 2015 im Deutschlandradio ausgestrahlt worden. Komposition und Regie übernahmen bei dieser Fassung Wittmann/zeitblom und Gina V. D’Orio. Ebenfalls 2015 entstanden „Flankufuroto“ am Schauspiel Frankfurt am 12. Juni sowie „Toleranzig“ am Schauspiel Chemnitz in Kooperation mit dem Theater an der Parkaue Berlin am 18. Juni.
Nach Werkaufträgen für das Berliner Theater an der Parkaue und das Autorenstudio des Schauspiel Frankfurt wurde „Das Knurren der Milchstraße“ am Theater Bielefeld uraufgeführt. Die Premiere war am 15. September 2017, 2017 gewann das Stück den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens. Zuvor beziehungsweise daneben steht in Parks Werkverzeichnis „Wir trauern um Bonn Park“, gezeigt bei „Stück auf!“ 2016.
2018 entwickelte und inszenierte Park die Oper „Drei Milliarden Schwestern“ an der Volksbühne Berlin, uraufgeführt am 12. Oktober. Dafür erhielt er den Friedrich-Luft-Preis 2018; 2019 zeichnete ihn Theater heute als Nachwuchsregisseur des Jahres aus. „Das Deutschland“ wurde 2020 für die Mülheimer Theatertage, die Autorentheatertage Berlin und das Festival Radikal Jung nominiert. Die Veranstaltungen fanden wegen der COVID-19-Pandemie nicht statt. Am ETA-Hoffmann-Theater Bamberg wurde „DAS DEUTSCHLAND“ am 15. Januar 2020 uraufgeführt.
Für das Schauspiel Frankfurt ist „Das Deutschlandherz“ nicht Parks erster Kontakt mit dem Haus: Seine erste Arbeit dort, „They Them Okocha“, war für den Mülheimer Dramatikpreis nominiert. Nun sitzt sein neues Werk im Wartesaal – zwischen kaputtem Empfang, unverständlichen Ansagen und der Frage, wem man eigentlich noch die Tür aufhalten will.
Von Belgrad bis Seoul
Parks Stücke wurden ins Französische, Katalanische, Rumänische, Polnische, Italienische, Chinesische, Koreanische und Japanische übersetzt und aufgeführt. Er arbeitet international als Autor und Regisseur. „JUGOJUGOSLAWIJA“ wurde am Beogradsko Dramsko Pozoriste in Belgrad am 20. November 2020 gezeigt. „사랑 II / LIEBE II“ folgte am 23. Juni 2021 bei der National Theatre Company of Korea.
Zu den weiteren aufgeführten Werken und Uraufführungen gehören „Gymnasium“ am Münchner Volkstheater am 17. Oktober 2021, „Alles ist aus, aber wir haben ja uns (Unterwasser)“ dort am 27. Januar 2023, „Keine Sorge (Religion)“ mit Musik von Ben Roessler am Düsseldorfer Schauspielhaus am 20. Oktober 2023 und „Glaube Liebe Roboter“ nach Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, mit Liedern von Dagobert, am Münchner Volkstheater am 25. Oktober 2025.
Am Düsseldorfer Schauspielhaus kam am 15. Januar 2026 außerdem „Frühlings Erwachen“ heraus, Parks Überschreibung von Frank Wedekinds gleichnamigem Stück. In Frankfurt geht es nun weiter, an jenem verriegelten Bahnhof, wo Naömi, Waltor und
