KLM-Chefin fordert schnellere Bahnstrecke zwischen Amsterdam und Berlin
Die Deutsche Bahn steht erneut wegen ihrer Verspätungen und der vielen Baustellen in der Kritik. Marjan Rintel, Chefin der niederländischen Fluggesellschaft KLM, findet deutliche Worte. Ausgerechnet sie kennt beide Seiten: Bevor sie KLM führte, war Rintel Bahn-Chefin der Niederlande.
Für KLM ist das Thema nicht bloß eine höfliche Nachbarschaftsdebatte. Die Airline möchte mehr Umsteigeverbindungen zwischen Zug und Flugzeug für Fluggäste aus Deutschland anbieten. Mit Eurostar arbeitet KLM bereits zusammen. Der Zug verbindet den Flughafen Amsterdam direkt mit Brüssel, London und Paris.
Berlin ist derzeit zu weit weg
Eine vergleichbare Verbindung zwischen Amsterdam und Deutschland sei derzeit nicht möglich, sagt Rintel. Für die Fahrt vom Flughafen Amsterdam Schiphol nach Berlin brauche man „deutlich über sechs Stunden“. Damit könne die Bahn nicht mit dem Flugzeug konkurrieren.
Wegen der Baustellen dauert die 635 Kilometer lange Strecke Schiphol–Berlin laut dem Bericht aktuell sogar mehr als sieben Stunden. Zum Vergleich: Die 509 Kilometer zwischen Schiphol und Paris lassen sich in etwas mehr als drei Stunden bewältigen. Das sitzt. Und zwar nicht nur bei Reisenden, die mit Koffer am Bahnsteig stehen.
Bahn-Flug-Verbindungen seien für KLM daher derzeit allenfalls aus deutschen Städten nahe der niederländischen Grenze sinnvoll. Für weiter entfernte deutsche Städte brauche es kürzere Fahrtzeiten, die mit Flugverbindungen konkurrieren könnten. Rintel fordert dafür dringend weitere Hochgeschwindigkeitsstrecken in Deutschland.
Die deutsche Bahn-Chefin Evelyn Palla hatte erklärt, dass es keinen schnellen Sprung bei der Pünktlichkeit geben werde. Die Sanierung des deutschen Schienennetzes werde mindestens zehn Jahre dauern. Für Fahrgäste klingt das nach einer langen Strecke – und nicht nach einer mit einem einzigen Fahrplanwechsel zu lösenden Verspätung.
Die Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2026
Der aktuelle Blick auf die Pünktlichkeit macht die Kritik nachvollziehbar. Im ersten Halbjahr 2026 erreichte der DB-Konzern Schiene in Deutschland 87,4 Prozent, nach 87,9 Prozent im ersten Halbjahr 2025 und 89,4 Prozent im Gesamtjahr 2025. Im DB-Schienenpersonenverkehr lag der Wert bei 87,5 Prozent, gegenüber 88,0 Prozent und 89,5 Prozent.
Im Fernverkehr kamen im ersten Halbjahr 2026 nur 58,7 Prozent der Züge pünktlich an. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 60,1 Prozent, im Gesamtjahr 2025 63,4 Prozent. Die Reisendenpünktlichkeit im DB-Fernverkehr sank auf 63,2 Prozent, nach 65,5 Prozent und 68,7 Prozent.
DB Regio erreichte 88,2 Prozent – nach 88,7 Prozent im ersten Halbjahr 2025 und 90,2 Prozent im Gesamtjahr 2025. Bei DB Cargo Deutschland lag die Pünktlichkeit bei 64,5 Prozent, verglichen mit 67,7 Prozent und 67,8 Prozent. Trotz des Ziels einer Stabilisierung ist die Pünktlichkeit im deutschen Schienenverkehr damit gesunken.
Alte Anlagen, volle Korridore, viele Baustellen
Die Bahn nennt als wesentlichen Grund den schlechten Anlagenzustand. Überalterte und überlastete Infrastruktur, darunter Altstellwerke, Oberbau und Brücken, führte zu Störungen und zahlreichen Langsamfahrstellen. Wenn sich ein Zug dort einbremst, bleibt es selten bei diesem einen Zug.
Dazu kommt die intensive Bautätigkeit. Modernisierungen, unter anderem im Rahmen der Korridorsanierungen, schränkten die Kapazität ein, belasteten Umleitungsstrecken und verlängerten die Fahrzeiten. Kurzfristig notwendige Bauarbeiten machten die Planung zusätzlich kompliziert. Auf manchen Bahnsteigen gehört der Blick zur Anzeigetafel inzwischen fast so selbstverständlich dazu wie der Kaffee im Pappbecher.
Auch die Verkehrsdichte nahm vor allem auf bereits stark belasteten Korridoren zu. Zugfolgeverspätungen übertrugen sich dadurch auf das gesamte Netz; die Staueffekte erreichten im ersten Halbjahr ein neues Allzeithoch. Der Jahresbeginn brachte außerdem einen starken Wintereinbruch mit bundesweit mehr Infrastrukturstörungen. Eine Hitzeperiode im Juni führte unter anderem zu weiteren Anlagenstörungen.
Trotz der Einschränkungen wurde der Bahnbetrieb während kritischer Phasen möglichst weitgehend aufrechterhalten, und Reisende wurden unterstützt. Nach dem schwierigen Jahresbeginn stabilisierte sich die Pünktlichkeit in den folgenden Monaten – bis zur Hitzewelle.
Was jetzt verändert werden soll
Um die Zuverlässigkeit zu erhöhen, wird unter anderem das Kommunikationsverfahren zwischen Zugverkehrssteuerung und Triebfahrzeugführer:innen digitalisiert. Der sogenannte digitale Befehl soll Abläufe beschleunigen und weniger störanfällig machen.
Die Taskforce zuverlässige Bahn beschloss auf Grundlage der „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ 22 möglichst kurzfristig umsetzbare Maßnahmen. Dazu gehören Schritte zur Stabilisierung hochbelasteter Knoten. Auf ausgewählten Strecken wurde seit dem Fahrplanwechsel 2025/2026 außerdem ein zusätzlicher zeitlicher Puffer eingeführt – die sogenannte „Pufferminute“. Ab 2027 sollen weitere Strecken hinzukommen. Auch die Flex-Abfahrten sollen ausgeweitet werden.
Zwischen Mai und Juli 2026 wurde der stark belastete Korridor Hamburg–Hannover im Rahmen einer Qualitätsoffensive modernisiert. Die Arbeiten betrafen unter anderem Bahnhöfe, Gleise, Weichen, Brücken und Oberleitungen.
In Bayern läuft ebenfalls ein Ausbau: Seit Ende Februar 2026 ist auf der Strecke München–Ingolstadt zwischen Petershausen und Rohrbach eine erweiterte linienförmige Zugbeeinflussung, kurz LZB, in Betrieb. Sie überwacht Geschwindigkeit und Zugabstände kontinuierlich. Auf diesem Abschnitt wurde die zulässige Geschwindigkeit von 160 auf 190 km/h erhöht.
Verbessert werden soll außerdem die Stellwerksbesetzung. Zusätzliche Einstellungen sowie Ausbildung und Qualifizierung sollen die Personalsituation stärken. Dadurch sollen Verspätungen und Angebotsausfälle wegen Personalmangels zurückgehen.
Für KLM bleibt derweil die entscheidende Frage auf dem Tisch: Wann wird aus der deutschen Bahnstrecke eine echte Alternative zum Flugzeug? Zwischen Schiphol und Paris klappt es in etwas mehr als drei Stunden. Richtung Berlin braucht der Zug aktuell mehr als sieben – Baustellen inklusive.
