Wer in einen Schmalspurzug steigt, sollte Zeit mitbringen. Viel Zeit. Der „Petit Train Jaune“ etwa fährt auf einer 62 Kilometer langen Strecke von Villefranche nach Latour de Carol durch die französischen Pyrenäen. Laut Fahrplan dauert die Fahrt mehr als drei Stunden, tatsächlich können daraus wegen technischer Probleme rund vier werden. Bei einer beschriebenen Fahrt sorgte ein Stromversorgungsproblem für einen etwa 30-minütigen Halt. Die überwiegend touristischen Fahrgäste blieben erstaunlich ruhig.

Das passt zum Charakter dieser Bahnen: Sie sind langsam, manchmal unberechenbar und gerade deshalb reizvoll. Die vor rund 120 Jahren in den Berg gebaute Strecke führt über Hängebrücken, Viadukte und Gebirgsbahnhöfe. Draußen ziehen Hänge und Täler vorbei, drinnen wird gelesen, geschaut, gewartet. Der Zug verbindet außerdem abgelegene Dörfer und ist kein reines Ausflugsfahrzeug. Täglich gibt es zwei Verbindungen.

Vom Pyrenäenzug zum großen Bahnknoten

Latour de Carol ist ein Bahnknotenpunkt der ungewöhnlichen Sorte: Dort treffen drei Spurweiten aufeinander. Es gibt Verbindungen nach Barcelona und Toulouse, außerdem einen Nachtzug nach Paris. Schmalspurbahnen entstanden in Europa vor allem dort, wo das Gelände schwierig und das Geld knapp war. Viele sind bis heute Teil des regulären Nahverkehrs.

Von Deutschland aus lassen sich solche Strecken über schnellere Zugverbindungen erreichen, etwa mit einem Interrail-Ticket. Das gilt allerdings nicht auf dem Abschnitt zwischen der französischen Grenze und Bilbao. Interrail ist inzwischen in mehreren Varianten erhältlich, auch für Familien ohne Altersbeschränkung. Ob sich das rechnet, hängt vom Einzelfall ab: Einzeltickets sind häufig günstiger, und bei vielen Schnellzügen kommen kostenpflichtige Reservierungen dazu. Für den „Petit Train Jaune“ und die nordspanische Schmalspurbahn braucht man dagegen keine Reservierung.

Der spanische Teil der Geschichte gehört heute zur Staatsbahn Renfe. Die staatliche Gesellschaft FEVE wurde 1965 aus der seit den 1930er Jahren bestehenden Organisation Explotación de Ferrocarriles por el Estado, kurz EFE, gegründet. Zum 1. Januar 2013 wurde FEVE im Zuge staatlicher Sparmaßnahmen aufgeteilt: Renfe Operadora übernahm den Bahnbetrieb, ADIF die Infrastruktur. Renfe Feve beziehungsweise Feve war danach eine Handelsabteilung von Renfe Operadora und wurde 2026 aufgelöst.

Das frühere FEVE-Netz umfasst rund 1.200 Kilometer in Meterspur, also mit einer Gleisbreite von 1.000 Millimetern. Damit gilt es als längstes Schmalspurnetz Europas. Die wichtigste Linie verläuft an der Nordküste: von Bilbao über Santander und Oviedo bis Ferrol, durch das Baskenland, Kantabrien, Asturien und Galicien. Weitgehend folgt sie dabei dem Camino del Norte, der nördlichen Route des Jakobswegs.

Mit 30 km/h am Atlantik entlang

Mehr als 1.200 Kilometer, mehr als hundert Stationen, viele davon kleine Bedarfshalte: Die Züge rollen meist mit etwa 30 km/h durch den grünen, häufig regnerischen Norden Spaniens. Die meisten Fahrgäste fahren nur einzelne Abschnitte. Wer von Ost nach West möchte, braucht wegen der seltenen Verbindungen ungefähr drei Tage; die komplette Strecke ist zwar in zwei Tagen fahrbar, doch wer nur durchsitzt, verpasst einiges.

San Vicente de la Barquera und Ribadesella liegen an der Küste, Santander und Oviedo gehören zu den größeren Stationen. In Santander gibt es einen Bahnhof für reguläre Züge und einen separaten Schmalspurbahnhof, der nach der früheren Betreibergesellschaft Feve-Station genannt wird. Die Verbindungssuche im Internet ist nicht immer zuverlässig. Für eine geplante 200-Kilometer-Fahrt von Santander nach Oviedo musste eine Mitarbeiterin im gedruckten Fahrplan nachsehen.

Auf manchen Abschnitten hält der Zug unvermittelt, danach übernehmen Busse einen Teil der Strecke. Warum, bleibt mitunter unklar. Auch eine Reise von Bilbao nach Ferrol kann so anfangen: Sebastian Wilken fuhr im März in vier Tagen mit der Feve durch Nordspanien. Am Bahnhof La Concordia, einem Jugendstilgebäude am Fluss in Bilbao, begann seine Reise – teilweise gleich mit Schienenersatzverkehr. Zwischen Bilbao und Santander wechselten sich Zug und Bus ab, die Busfahrt führte über das Kantabrische Gebirge.

Die Landschaft macht vieles wett. Feuchte Atlantikluft, Regen, fruchtbare Böden, Berge und Küste – das Fenster wirkt wie ein langsam laufender Film. Die Sitze haben verstellbare Rückenlehnen, Internet und Steckdosen fehlen meist. Toiletten gibt es, teilweise sind sie allerdings verschlossen. Durchsagen oder Anzeigen sucht man vergeblich; an kleinen Halten muss man selbst aufpassen. Ein bisserl Abenteuer bleibt also übrig.

In Santander blieb wegen der seltenen Verbindungen wenig Zeit für die Stadt. Am nächsten Morgen ging es früh weiter. Nach Cabezón de la Sal erschien erstmals das Meer, später folgte erneut ein ungeplanter Umstieg vom Zug in einen Kleinbus und zurück. Für Pilger am Camino del Norte kann die Feve trotzdem praktisch sein: Müde Wegabschnitte lassen sich per Bahn abkürzen.

Zwischen Tortilla, Apfelwein und falschem Gleis

Die Reise führt nach Oviedo, das am Fuß der Berge etwas abseits der Küste liegt. In den Altstadt-Sidrerías wird asturischer Apfelwein aus großer Höhe eingeschenkt. Der Bahnhof hat getrennte Bereiche für Feve-Züge und Breitspurzüge. Weil es zweimal ein Gleis 1 gab, geriet Wilken in den falschen Bereich und wurde durch eine Sperre eingeschlossen. Ein einfahrender Zug, eine Reinigungskraft und eine Mitarbeiterin halfen schließlich, den richtigen Bahnsteig zu erreichen. Kein großes Drama, aber genau die Art von Bahnhofsmoment, bei der der Puls kurz schneller geht.

Die längste und landschaftlich reizvollste Feve-Etappe teilte der Reisende in zwei Tage und wählte O Vicedo als Zwischenziel. Unterwegs begegnete ihm der Luxuszug Transcantábrico, der mehrere Tage auf dem Schmalspurnetz unterwegs ist. Eine reguläre Feve-Fahrt kostet im Vergleich dazu etwa 17 Euro. Im Sommer fahren außerdem die Hotelzüge Transcantábrico und Costa Verde Express.

Hinter Oviedo wird es rauer: steingraue Mauern, windige Küsten, steile Klippen und fjordähnliche Flussmündungen prägen Galicien. An einem Bahnhof machte der Zug länger Pause, während Zugpersonal und Reisende Kaffee tranken beziehungsweise rauchten. Von Oviedo bis Galicien blieb der Autor der einzige Fahrgast im Zug.

In O Vicedo übernachtete er in einer einfachen Pilgerherberge. Von einem kleinen Bahnhof nahe Loiba führte ein Fußweg zur sogenannten „schönsten Bank der Welt“. Die Bank selbst war laut Autor wenig ansehnlich und mit Graffiti versehen; entscheidend war der Blick auf die Atlantikküste. Weil kein Zug fuhr, ging es anschließend zu Fuß weiter zur Herberge.

Am nächsten Tag hätte eine frische Tortilla beinahe den Fahrplan gesprengt. In einer Bar war wegen Sprachproblemen zunächst nicht klar, dass die Zubereitung Zeit brauchte. Das Essen wurde erst kurz vor der Abfahrt zum Mitnehmen übergeben. Der Autor rannte zum Bahnhof und erwischte den Zug nur dank dessen mehrminütiger Verspätung.

In Ferrol endet das Feve-Netz, an einem nüchternen Betonbau. Danach ging es mit dem Bus nach Santiago de Compostela, durch die Stadt und in einen Hügelpark mit Blick auf die Kathedrale. Spanien wurde für den Reisenden nicht zum Lieblingsland, Essen, Musik und die Hilfsbereitschaft der Menschen sorgten aber für positive Eindrücke. Die Feve empfiehlt er als ausgesprochen bahnromantische Reiseform – mindestens eine Woche sollte man einplanen, unterwegs aussteigen und kleinere Etappen zu Fuß erkunden.

Ein Netz mit vielen Gesichtern

Die Küstenroute ist nicht die einzige wichtige Verbindung. Eine weitere Strecke führt von Bilbao nach León, mit nur einer Verbindung täglich und einer Fahrzeit von über sechs Stunden. Sie wird auch Ferrocarril de La Robla genannt. Wegen technischer Mängel war sie in den 1990er Jahren stillgelegt und 2003 nach Sanierungsarbeiten wieder in Betrieb genommen worden.

Daneben gibt es S-Bahn-Nebenstrecken in Kantabrien und Asturien sowie Stichstrecken zu Industrieanlagen, Bergwerken und Häfen für den Güterverkehr. Einige Güterstrecken können wegen technischer Mängel nicht mehr im Personenverkehr genutzt werden. Eine vom übrigen Netz isolierte kurze Strecke