Im Großraum München werden die Weichen für die nächste Generation der S-Bahn gestellt. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) hat das europaweite Vergabeverfahren für den Betrieb aller Münchner S-Bahn-Linien ab Ende 2034 gestartet. Der Vertrag soll bis Ende 2041 laufen. DB Regio bleibt bis dahin Betreiberin, muss sich aber erneut bewerben – ob sie den Zuschlag wieder erhält, ist offen.

Gesucht wird der künftige Betreiber in einem Verhandlungsverfahren mit vorgeschaltetem Teilnahmewettbewerb. Der endgültige Zuschlag soll 2029 erfolgen. Die lange Vorbereitungszeit kommt nicht von ungefähr: Das Vorhaben ist groß und komplex, gleichzeitig lässt sich nur schwer vorhersagen, wann die Infrastrukturprojekte der DB InfraGO tatsächlich fertig werden. BEG-Geschäftsführerin Bärbel Fuchs verweist genau auf diese Größe und schwierige Prognostizierbarkeit.

Mehr Zugkilometer, längere Betriebszeiten

Zunächst umfasst das bestellte Angebot rund 23,7 Millionen Zugkilometer pro Jahr. Das sind knapp neun Prozent mehr als im aktuellen ersten Münchner S-Bahn-Vertrag mit DB Regio. Auf vielen Linien soll der 20-Minuten-Takt künftig bis Mitternacht reichen. Danach ist bis etwa 2:00 Uhr ein 40-Minuten-Takt vorgesehen. Für Fahrgäste, die spät heimkommen, klingt das nach einer kleinen, aber ziemlich wichtigen Änderung.

Nach der Inbetriebnahme der zweiten Stammstrecke soll das Angebot weiter wachsen. Die DB InfraGO plant deren Inbetriebnahme für 2035; derzeit wird auch von der Mitte der 2030er-Jahre gesprochen. Deshalb enthält der neue Verkehrsvertrag ein Leistungsänderungsrecht. Damit kann das Angebotsvolumen während der Vertragslaufzeit angepasst werden, sobald die zweite Stammstrecke fertig ist.

Die Münchner S-Bahn macht rund 16 Prozent des bayerischen Bestellvolumens im Schienenpersonennahverkehr aus. Rund zwei Drittel der täglichen Fahrgäste im bayerischen SPNV sind hier unterwegs. In der Metropolregion nutzen täglich über 800.000 Menschen die S-Bahn – viermal so viele, wie bei der Eröffnung 1972 ursprünglich geplant waren.

90 neue Züge, 202 Meter lang

Während des Vertragszeitraums sollen 90 durchgängige Neufahrzeuge des Typs ET 1420 von Siemens eingesetzt werden. Die jeweils 202 Meter langen Züge bieten durch ihre durchgängige Bauweise mehr Platz. Vorgestellt wurden sie 2025 auf der IAA Mobility erstmals als Mock-up; bestellt sind sie bereits. Ab Ende 2028 sollen die ET 1420 schrittweise noch im Rahmen des ersten S-Bahn-Vertrags in Betrieb gehen.

Im zweiten Vertrag stellt die BEG die Fahrzeuge bereit und überlässt sie dem Eisenbahnverkehrsunternehmen zur Nutzung. Zusätzlich ist die Beschaffung weiterer Neufahrzeuge geplant, damit verbleibende Gebrauchtfahrzeuge nach und nach verschwinden. Für Wartung und Instandhaltung sind zwei neue Werke vorgesehen: im Osten in Steinhausen, im Westen in Pasing/Langwied. Dort sollen auch die 90 neuen, über 200 Meter langen Züge gereinigt, gewartet und instand gehalten werden. Weitere Abstell- und Wendekapazitäten im Umfeld der Werke kommen dazu.

Im Betriebsbahnhof München-Steinhausen ist dafür schon zu Ostern 2020 eine erweiterte Abstellanlage in Betrieb gegangen. Sie schafft zusätzliche Kapazitäten, macht die Betriebsabwicklung flexibler und soll die Qualität verbessern. Dafür wurden unter anderem die Gleise der S 8 zwischen Leuchtenbergring und Daglfing verschwenkt. Ein neues elektronisches Stellwerk für den Betriebsbahnhof Steinhausen soll die Abläufe weiter verbessern.

Neue Linienwege für S2 und S3

Damit die XXL-Fahrzeuge optimal eingesetzt werden können, tauschen S2 und S3 ab Ende 2034 ihre östlichen Streckenäste. Die S2 fährt dann nach Holzkirchen, die S3 nach Erding. Auf den westlichen Ästen nach Petershausen und Mammendorf verschiebt sich dadurch der Takt um zehn Minuten.

Neu in den Vertrag aufgenommen werden außerdem die Züge zwischen Ebersberg und Wasserburg. Sie gehören bislang zum Netz Linienstern Mühldorf der Südostbayernbahn und fahren dort in Dieseltraktion. Die Strecke soll elektrifiziert und in das Münchner S-Bahn-Netz integriert werden.

Der Freistaat, die DB und weitere Partner arbeiten parallel an zahlreichen Vorhaben rund um die zweite Stammstrecke. Die Initiative „Starke S-Bahn München – Programm 14plus“ wurde von der Deutschen Bahn und dem Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr entwickelt und umfasst Investitionen von über 1,5 Milliarden Euro. Sie ruht auf drei Säulen: Qualitätsinitiative, Digitaler Knoten München und Programm 14plus. Der Freistaat Bayern beteiligt sich finanziell am Programm 14plus.

Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2022 gibt es montags bis freitags einen 20-Minuten-Takt bis zu den Linienendpunkten, sofern es die Infrastruktur zulässt. Seit Dezember 2023 werden außerdem Fahrzeuge der Baureihe ET 424 aus Hannover eingesetzt. Weitere Bausteine sind netzergänzende Projekte zur zweiten Stammstrecke und das elektronische Stellwerk Ostbahnhof.

Bahnhof für Bahnhof, Strecke für Strecke

Am Bahnhof Markt Schwaben wird die Barrierefreiheit im Zusammenhang mit der ABS 38 verbessert. Die Strecke umfasst den zweigleisigen Ausbau und die Elektrifizierung von Markt Schwaben über Mühldorf bis Freilassing. In der ersten Stufe errichtet DB InfraGO bis Ende 2028 eine neue Personenunterführung mit Aufzügen zu allen Bahnsteigen. Die bestehenden Bahnsteige an den Gleisen 1 bis 4 werden dadurch stufenfrei erreichbar; am Gleis 5 entsteht als netzergänzende Maßnahme zur zweiten Stammstrecke ein zusätzlicher Bahnsteig.

In der zweiten Stufe, beim Endausbau der ABS 38, werden alle Bahnsteige an Höhe und Länge angepasst. Damit soll ein durchgängig barrierefreier Zugang entstehen. Weitere Maßnahmen im östlichen Bahnhofsumfeld betreffen die Barrierefreiheit nicht.

Im Projekt „Sendlinger Spange“ wird die Betriebsstelle München-Heimeranplatz West, derzeit Gleis 11, durch ein weiteres Gleis zum Kreuzungsbahnhof ausgebaut. Zusätzlich entsteht eine Überleitverbindung vom Rangierbahnhof München-Laim zum stadtrichtig passenden S-Bahn-Gleis zwischen München-Laim Personenbahnhof und München-Pasing. Wegen der Abhängigkeit von der zweiten Stammstrecke strebt die DB die Inbetriebnahme der Überleitverbindung Laim 2025 an.

Am Bahnhof Weßling sind eine Spurplananpassung und ein neues, westlich gelegenes Wendegleis vorgesehen. S-Bahnen sollen dort künftig beginnen, enden und wenden können. Das soll das Fahrtenangebot verbessern. Der barrierefreie Ausbau der Station läuft als separates Projekt. Die Umsetzung beider Maßnahmen wird bis voraussichtlich 2025 angestrebt und hängt vom Abschluss des Planfeststellungsverfahrens ab.

Auch im Münchner Norden wird geplant: Zusätzliche Pendelzüge sollen von Karlsfeld, gegebenenfalls bereits ab Dachau, über den DB-Nordring zum BMW-Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) fahren. Optional ist eine Weiterfahrt bis zum Euro-Industriepark vorgesehen, wo eine Verknüpfung mit der geplanten Tram 23 möglich wäre. Die DB führt die erforderlichen Planungen derzeit durch.

Am Münchner Hauptbahnhof soll ein Fußgängersteg den Bahnsteig an Gleis 11 mit jenem an Gleis 26 verbinden und außerdem alle dazwischenliegenden Bahnsteige anbinden. Das Projekt wird vom Bund finanziert; die Vorplanung begann 2023.

Mehr Platz im Netz – und am Flughafen

Das vom Freistaat Bayern initiierte Programm „Bahnausbau Region München“ soll den Eisenbahnknoten umfassend modernisieren und erweitern. Es umfasst zahlreiche Einzelprojekte für einen zeitgemäßen Eisenbahnverkehr und eine ökologisch ausgerichtete Mobilität. 29 Projekte werden bereits umgesetzt, die sogenannten R-Maßnahmen. Weitere 44 U-Maßnahmen werden auf verkehrliche, volkswirtschaftliche und bautechnische Machbarkeit untersucht; teilweise befinden sie sich schon in der Planung.

Kernstück ist die zweite Stammstrecke. Sie soll die Region direkter an die Münchner Innenstadt anbinden, einen ganztägigen 15-Minuten-Grundtakt ermöglichen und Regional- sowie Express-S-Bahnen erlauben. Vorgesehen sind unter anderem Regional-S-Bahnen aus Richtung Landshut, Augsburg und Buchloe.

Rund um den Flughafen werden weitere Verbesserungen der Bahnanbindung untersucht. Der Freistaat Bayern setzt sich für eine überregionale Schienenanbindung des Flughafens München ein. Ein 2022