NRW-Bahn vor der Großsanierung: 23 Milliarden Euro für ein verlässlicheres Netz
Wer heute in Nordrhein-Westfalen auf die Bahn angewiesen ist, braucht mitunter Geduld. Stundenlange Verspätungen, Totalausfälle und Streckensperrungen haben das Unternehmen zunehmend unzuverlässig gemacht. Das trifft nicht nur Fahrgäste auf dem Weg zur Arbeit oder zum Termin, sondern auch Unternehmen, die Güter auf der Schiene transportieren lassen.
Nur etwa jeder zweite Fernzug kommt pünktlich an. Das ist eine Zahl, bei der man schon beim Blick auf die Anzeigetafel am Bahnsteig müde werden kann. Nun hat das Bundesverkehrsministerium erstmals einen detaillierten Infrastrukturplan für die kommenden fünf Jahre vorgelegt. Er umfasst Vorhaben zum Ausbau und zur Sanierung der Bahn-Infrastruktur und soll die Zuverlässigkeit verbessern – mit Folgen auch für Nordrhein-Westfalen.
Mehr Bau, aber planbarer
Ein wichtiger Baustein heißt SB² „Bauen im Takt“. Dahinter steckt die Idee, standardisierte Sperrzeiten-Container im Fahrplan zu verankern – sowohl für Instandhaltungsmaßnahmen als auch für Investitionsmaßnahmen. Die Einplanung der Investitions-Container in den Netzfahrplan gilt dabei als wesentlicher Hebel. Bis 2027 soll die Baubetroffenheit der Züge gegenüber 2023 um 30 Prozent sinken.
Die Instandhaltungs-Container werden seit Juni 2024 umgesetzt. Mehr als 80 Prozent der Instandhaltungsarbeiten an Strecken, Knoten und S-Bahn-Netzen sowie der präventiven Instandhaltung finden bereits getaktet statt. Im ersten Halbjahr 2025 stieg der Anteil taktkonform durchgeführter Instandhaltungsmaßnahmen auf 85 Prozent. Weil die Arbeiten gebündelt werden, erhöhte sich der Belegungsgrad der Container stabil auf 70 Prozent.
Im zweiten Halbjahr 2025 sollte die Container-Taktung in Abschnitten mit gutem Netzzustand auf acht Wochen angepasst werden. Der Belegungsgrad soll dadurch weiter steigen; als Zielgröße gelten 80 Prozent. Für Ende 2025 wurde erwartet, dass die Baubetroffenheit der Zugverkehre von Eisenbahnverkehrsunternehmen, kurz EVU, 15 Prozent unter dem Vorjahreswert liegt. Die Vorbereitungen für die Investitions-Container im Netzfahrplan 2027 sind abgeschlossen, ihre Sperrzeiten wurden in den Netzfahrplan aufgenommen.
23 Milliarden Euro und 28.000 Baustellen
Wie DB InfraGO am 7. Mai 2026 um 13:00 Uhr aus Berlin mitteilte, sollen betriebliche Maßnahmen und umfangreiche Sanierungen Stabilität und Pünktlichkeit zurückbringen. Seit der Bahnreform 1994 ist der Personenverkehr um 46 Prozent gewachsen, der Güterverkehr sogar um 91 Prozent. Das Schienennetz wurde nicht entsprechend erweitert und ist heute stark belastet. Zugbetrieb und Bauarbeiten müssen deshalb besser aufeinander abgestimmt werden.
Für 2026 plant DB InfraGO gemeinsam mit dem Bund Bruttoinvestitionen von mehr als 23 Milliarden Euro in Schienennetz und Bahnhöfe. Gleichzeitig sind mehr als 28.000 Baustellen an Gleisen, Stellwerken und weiterer Infrastruktur vorgesehen. Eine Menge, die sich nicht einfach wegmoderieren lässt. Die hohe Zahl der Bauarbeiten soll eng mit dem Zugbetrieb verzahnt werden.
Für kurzfristig stabilere Abläufe setzt die Bahn beim „Fahren“ unter anderem auf digitale Befehle, Flex-Abfahrten, Pufferminuten und Jokergleise. Der digitale Befehl ersetzt schriftliche Anweisungen in Stellwerken und Führerständen, beschleunigt Abläufe und soll verhindern, dass sich Verspätungsminuten weiter auftürmen. Pufferminuten, Flex-Abfahrten und Jokergleise sollen ebenfalls dafür sorgen, dass Züge robuster und pünktlicher durch den Alltag kommen.
Korridore statt Dauerbaustellen
In den kommenden Jahren soll das Baugeschehen auf 40 hochbelasteten Strecken gebündelt werden. Bei der Korridorsanierung wird das Netz innerhalb einer mehrmonatigen Sperrung umfassend erneuert, ebenso die Bahnhöfe. Früher wurden Arbeiten an einzelnen Gewerken häufig über Jahre hinweg bei laufendem Zugbetrieb erledigt – mal hier ein Abschnitt, später dort ein Signal. Das zog sich.
Nun sollen notwendige Arbeiten gleichzeitig erledigt werden: an Gleisen, Weichen, Signalen, Stellwerken und Verkehrsstationen. Anlagen sollen nicht nur ersetzt, sondern für den Regelbetrieb und für Störungsfälle leistungsfähiger ausgebaut werden. Die mehrmonatigen Sperrungen werden durch Ersatzkonzepte und Ersatzverkehr begleitet.
DB InfraGO nennt mehrere Vorteile: Insgesamt soll der Sperrzeitbedarf geringer ausfallen als bei wiederkehrenden Einzelarbeiten. Danach soll über Monate ein stabiler Betriebszustand möglich sein, außerdem lassen sich Personal und Maschinen effizienter einsetzen. Im Anschluss werden weniger Störungen und längere Zeiträume ohne weitere Bauarbeiten erwartet. Beispiele für laufende oder abgeschlossene Projekte sind der Wiederaufbau der Ahrtalbahn, Arbeiten an der Riedbahn und der Bau der S-Bahn-Anbindung Gateway Gardens.
Der Hintergrund ist unerquicklich: Wegen unterbliebener Investitionen sind viele Anlagen überaltert. Die große Zahl, teilweise kurzfristig angesetzter Baustellen hat die Pünktlichkeit zusätzlich belastet. Mit dem neuen Bau- und Instandhaltungsregime „Bauen im Takt“ will DB InfraGO Sanierung und Fahrplanstabilisierung zusammenbringen.
Alte Stellwerke, neue Abläufe
Rund die Hälfte der etwa 4.000 Stellwerke stammt noch aus der Zeit vor der Computertechnik. Bis Ende 2027 sollen 200 alte Stellwerke erneuert werden. Dafür sollen Planung, Prüfung und industrielle Prozesse standardisiert und entsprechende Kompetenzen ausgebaut werden. Ab Sommer 2026 soll eine zentrale Programmsteuerung den Hochlauf und die Inbetriebnahme von Stellwerksprojekten koordinieren.
Das Gesamtportfolio aus Bestandsnetz, Korridorsanierung sowie Aus- und Neubau soll priorisiert und mit den verfügbaren Prüfkapazitäten abgestimmt werden. Ein strategisches Lieferantenmanagement soll Kapazität, Lieferfähigkeit und Qualität sichern. Zusätzlich soll ein einheitlicher Prozess Durchlaufzeiten und Prüfschleifen reduzieren. Klingt trocken, entscheidet aber am Ende mit darüber, ob ein Zug vor dem Signal steht oder weiterrollt.
Der InfraGO-Zustandsbericht 2025 bewertete mehr als 380.000 Anlagen nach einer Schulnotenlogik. Die durchschnittliche Zustandsnote des gesamten Schienennetzes blieb mit 3,00 auf dem Niveau des Vorjahres. Bei den Bahnhöfen gab es eine Verbesserung: von 3,03 im Jahr 2024 auf 2,96 im Jahr 2025. 2025 wurden 124 Bahnhöfe umfassend erneuert. Außerdem erhielten inzwischen 58 Prozent der Anlagen des Fahrwegs die Zustandsnoten 1 oder 2.
Für Fahrgäste in NRW bleibt damit vorerst beides sichtbar: mehr Bau und die Aussicht auf eine verlässlichere Strecke. Auf dem Bahnsteig riecht es währenddessen weiter nach Bremsstaub und Kaffee, irgendwo piept eine Tür, und die Anzeigetafel springt vielleicht doch noch einmal um.
