Verbraucherzentralen wollen das Tarifrätsel im Nahverkehr mit fünf Zeittickets lösen
Am 29.09.2026 liegt am Bahnbau ein Vorschlag auf dem Tisch, der den Alltag im öffentlichen Nahverkehr ziemlich verändern könnte: Die Verbraucherzentralen wollen bundesweit einheitliche ÖPNV-Zeittickets. Entscheidend wäre dann nicht mehr der jeweilige Verkehrsverbund, die Tarifzone oder die gefahrene Strecke, sondern ausschließlich die Fahrtdauer.
Das Problem kennt fast jeder, der nur gelegentlich Bus oder Bahn fährt. Welches Ticket passt? Wo bekommt man es? Und welcher Tarif gilt jetzt eigentlich? Der Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv) kritisiert die vielen unterschiedlichen Tarifsysteme der Verkehrsverbünde. Sie erschwerten die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs und könnten Menschen davon abhalten, überhaupt vom Auto umzusteigen.
Fünf Tickets für ganz Deutschland
Vorgesehen sind nur fünf Ticketarten. Sie sollen bundesweit einheitlich, intuitiv und leicht verständlich sein:
- bis 15 Minuten: 2,50 Euro
- bis 30 Minuten: 3,50 Euro
- bis 60 Minuten
- bis 120 Minuten
- bis 24 Stunden
Die Preise für die Zeitkarten bis zu einer Stunde, zwei Stunden und 24 Stunden wurden in dem Vorschlag nicht genannt. Kaufen lassen sollen sich die Tickets bundesweit über Apps oder analog am Fahrscheinautomaten. Gerade Gelegenheitsnutzer könnten dadurch leichter einsteigen, ohne vor der Abfahrt erst Tarifpläne zu studieren.
Ramona Pop, Vorsitzende des Verbraucherzentrale Bundesverbands, kritisiert gegenüber der dpa die derzeitige Vielfalt aus Verbundnetzen, Tarifzonen und Ticketangeboten. Ein Modell, das sich an der im ÖPNV genutzten Zeit orientiert, solle die Fahrt einfacher machen. Angesichts steigender Spritpreise sehen die Verbraucherzentralen attraktive Alternativen zum Auto als wichtig an. Erreichen wollen sie vor allem Menschen, die Bus und Bahn nur ab und zu nutzen – und bislang häufig doch den Autoschlüssel nehmen.
45 Minuten sind nicht überall gleich
Wie unterschiedlich das heutige Preisgefüge ausfallen kann, zeigt ein Vergleich: Die City-Bahn von Stollberg nach Chemnitz braucht etwa 45 Minuten und kostet rund sechs Euro. Für die S-Bahn vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen sind ebenfalls etwa 45 Minuten einzuplanen, dort kostet die Fahrt allerdings mehr als 15 Euro. Gleiche Zeit, anderer Preis – genau hier setzt der Vorschlag an.
Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hält einheitliche Preise nach Fahrzeit trotzdem für problematisch. Eine identische Fahrtdauer bedeute nicht automatisch eine identische Verkehrsleistung. Zwischen Großstädten, Kreisstädten und ländlichen Regionen unterschieden sich die Angebote stark. Einheitliche Standards und Preise seien deshalb derzeit nicht sachgerecht.
Über Preise könne grundsätzlich gesprochen werden, erklärt der VDV. Wichtiger seien jedoch bessere Verbindungen und dichtere Taktungen. Im ländlichen Raum fehlen nach Einschätzung des Verbands häufig nicht passende Tickets, sondern schlicht ausreichende Verbindungen. Ein günstiger Fahrschein hilft dort wenig, wenn der nächste Bus erst viel später kommt oder gar nicht fährt.
Zurückhaltung bei Ländern und Kommunen
Auch die Verkehrsministerkonferenz reagiert zurückhaltend. Nach Angaben des bayerischen Verkehrsministeriums seien Vergünstigungen oder Tarifänderungen derzeit nicht realistisch. Der ÖPNV habe mit Kostensteigerungen bei Personal und Instandhaltung zu kämpfen. Da wird an vielen Stellen gerechnet, gestrichen und verschoben – für einen neuen großen Tarifwurf ist offenbar gerade wenig Luft.
Die Verkehrsbranche und Kommunen fordern deshalb seit Monaten einen ÖPNV-Modernisierungspakt mit der Bundesregierung. Vereinbart wurde ein solcher Pakt im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Er soll unter anderem Investitionen in Busse, Bahnen und Infrastruktur erleichtern. Gestartet ist der Modernisierungspakt bislang allerdings nicht.
Der Vorschlag der Verbraucherzentralen war bereits im Vorjahr vorgestellt worden und fand bisher wenig Resonanz. Nun kommt er erneut auf den Tisch – mit der klaren Idee, das Dickicht aus Tarifen, Zonen und Verbundgrenzen zu lichten. Ob daraus ein bundesweites System wird, bleibt offen. Für Fahrgäste wäre der erste Schritt vermutlich ein kleiner: App öffnen oder zum Automaten gehen, Zeit auswählen, bezahlen. Kein Tarifrätsel mehr vor der Abfahrt.
