Kaum ist der Zugverkehr zwischen Leer und Winschoten wieder angelaufen, stehen auf der Strecke schon wieder Busse bereit. Vom 19. bis 25. Oktober sowie vom 9. bis 11. November ersetzen Busse die Züge. Grund sind Gleisbauarbeiten auf dem Abschnitt Papenburg–Leer. Für Reisende heißt das: umsteigen, warten, weiterfahren – und den Fahrplan besser zweimal ansehen.

Nach Angaben der Deutschen Bahn waren die Arbeiten bereits seit 2024 geplant. Damals war noch offen, wann der reguläre Betrieb auf der „Wunderline“ überhaupt beginnen würde. Zwischen Leer und Winschoten fahren erst seit Anfang Oktober wieder regulär Züge. Der Zugverkehr war fast elf Jahre unterbrochen gewesen: 2015 hatte ein Schiff die Friesenbrücke in Weener zerstört. Die Brücke musste neu gebaut werden, Bahnreisende zwischen Leer und Weener nutzten währenddessen Ersatzbusse.

Eine neue Brücke über die Ems

Die neue Friesenbrücke ersetzt das Bauwerk, das bei der Schiffskollision 2015 schwer beschädigt worden war. Ihr Hub- und Drehmechanismus macht sie zur größten Brücke dieser Art in Europa. Neben dem Zugverkehr gibt es über die Ems auch einen eigenen Weg für Fußgänger und Radfahrer – praktisch, wenn unten Schiffe vorbeiziehen und oben der Bahnverkehr wieder Fahrt aufnehmen soll.

Als wichtiger Schritt zur vollständigen Inbetriebnahme galt die erfolgreiche Schließung der Brücke am 7. April. Voraussichtlich Ende 2025 sollte die Wunderline erstmals über die Friesenbrücke fahren. Tatsächlich wurden die neue Brücke und die Wunderline für den Zugverkehr am 5. Oktober 2026 fertiggestellt. Auf der Brücke müssen sich Schiffs- und Bahnverkehr allerdings die Nutzungszeiten teilen.

Von Bremen nach Groningen – mit langer Vorgeschichte

Die Wunderline bezeichnet die Bahnverbindung zwischen Bremen und Groningen über Leer in Ostfriesland. Sie ist 173 Kilometer lang, davon liegen 124 Kilometer in Deutschland. Dazu gehören die Abschnitte Oldenburg–Bremen, Oldenburg–Leer und Ihrhove–Groningen. Bei Weener quert die Strecke die Ems über die Friesenbrücke.

Ihre ursprüngliche Bahnverbindung wurde 1876 eröffnet. Dahinter stand ein Staatsvertrag zwischen dem Königreich Hannover und den Niederlanden. Vereinbart war eine Verbindung von Harlingen über Leeuwarden, Groningen und Leer; 1876 begann der erste grenzüberschreitende Zugverkehr zwischen Groningen und Deutschland.

Im Zweiten Weltkrieg riss eine Sprengung der Friesenbrücke die Verbindung auseinander. Am 4. Oktober 1949 wurde berichtet, dass der Verkehr zunächst mit Omnibussen wieder aufgenommen worden war. Nach dem Wiederaufbau fuhren ab dem 9. Oktober 1951 wieder Züge zwischen Bremen und Groningen – zunächst ausschließlich Güterzüge, während der Personenverkehr weiterhin auf Busse beschränkt blieb.

Die Industrie- und Handelskammer Groningen kritisierte später, dass die Güterverbindung den Bedarf nicht decke. Zum Sommerfahrplan 1958 wurde der Verkehr durch zwei niederländische Dieselzüge ausgeweitet; später sollte ein weiteres Zugpaar der Deutschen Bundesbahn hinzukommen. Die bessere Verbindung brachte sogar gegenseitige Kunstausstellungen von Künstlern aus Oldenburg und Groningen hervor.

1960 kam ein Kurswagen dazu, der in Groningen an einen Schnellzug nach Amsterdam angehängt wurde. Damit gab es eine umsteigefreie Verbindung nach Amsterdam. Fünf Jahre später feierte der deutsch-niederländische Eisenbahneraustausch in Oldenburg sein zehnjähriges Bestehen. 1966 vereinbarten die Bundesrepublik Deutschland und die Niederlande vertraglich, die grenzüberschreitende Bahnverbindung zu sichern und zu fördern.

Ausbau, Verzögerungen und viele Baustellen

Um die Jahrtausendwende wurde sogar eine Transrapid-Strecke Hamburg–Bremen–Groningen–Amsterdam diskutiert. Zu den Befürwortern zählten der damalige niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel und der damalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf. Als Vorteil galt die mögliche Nutzung von Synergien mit der bestehenden Transrapid-Teststrecke im Emsland. Umgesetzt wurde die Strecke nicht.

2012 wurde der niederländische Streckenabschnitt Groningen–Ihrhove in „Wiederline“ umbenannt. Zwei Jahre später kündigte die Provinz Groningen 85 Millionen Euro für den Ausbau der Verbindung Groningen–Bremen an. Ein bislang eingleisiger Abschnitt sollte Begegnungsverkehr ermöglichen, damit neben dem Regionalverkehr auch Schnellzüge fahren könnten. In dieser Zeit erhielt die Verbindung den Namen „Wunderline“. Die Fertigstellung war zunächst bis 2019 vorgesehen.

Nach der Beschädigung der Friesenbrücke am 3. Dezember 2015 blieb die Strecke bis 2026 für den durchgehenden Zugverkehr gesperrt. Das Schiff hatte die Brücke gerammt und unpassierbar gemacht. 2017 wurde die Wunderline als Priorität in den Koalitionsvertrag der niedersächsischen Landesregierung aufgenommen, 2019 unterzeichneten Bremen, Niedersachsen und die Provinz Groningen eine Kooperationsvereinbarung zu den Bauphasen. 2023 begannen die Bauarbeiten.

Auf dem Bauprogramm standen die Erneuerung von Eisenbahnbrücken, neue Gleise und ein elektronisches Stellwerk in Ihrhove. Der Abschnitt zwischen Staatsgrenze und Ihrhove sollte teilweise wiedereröffnet und ausgebaut werden; außerdem ging es um Gleise, Weichen, Brücken, Durchlässe, Signale und Oberleitungen. Bahnübergänge mussten angepasst und erneuert werden. Im Februar 2024 wurde der Zugverkehr zwischen Bad Nieuweschans und Weener wegen dieser Arbeiten eingestellt.

Die erste Baustufe sollte ursprünglich im Dezember 2024 abgeschlossen sein. Häufiger Starkregen, daraus folgendes Hochwasser und Lieferengpässe bremsten das Vorhaben jedoch aus. Dazu kamen Hindernisse im Baugrund, hohes Grundwasser – besonders im Bereich Ihrhove – und technische Schwierigkeiten bei der Verbindung des bestehenden Stellwerks in Papenburg mit dem neuen elektronischen Stellwerk in Ihrhove. Die Fertigstellung verschob sich bis zum 5. Oktober 2026.

Fördergeld, Fahrzeiten und Wünsche der Fahrgäste

Für die Bauphasen flossen mehrere Fördermittel: Die Europäische Union stellte 12,7 Millionen Euro für die erste Bauphase bis November 2023 bereit und weitere 8,3 Millionen Euro aus CEF-T-Mitteln für vorbereitende Untersuchungen. Die Niederlande förderten das Projekt 2019 mit 17 Millionen Euro und 2014 ebenfalls mit 17 Millionen Euro. Von der Provinz Groningen kamen 2014 zusätzlich 85 Millionen Euro.

Der Ausbau erfolgt in deutsch-niederländischer Kooperation. Die erste Baustufe war ursprünglich für 2024 vorgesehen, tatsächlich wurde sie am 5. Oktober 2026 abgeschlossen. Eine zweite Baustufe ist bis 2030 geplant. Nach Abschluss soll die Fahrzeit 2 Stunden 11 Minuten betragen. Die Verbindung ist außerdem Teil der geplanten Bahnstrecke zwischen Kopenhagen und Amsterdam.

Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert dichtere Taktungen, eine IC-Verbindung Bremen–Groningen mit etwa 90 Minuten Fahrzeit, zusätzliche Gleise und eine längere Nutzungsdauer der Friesenbrücke für den Zugverkehr. Die Forderungen klingen auf dem Papier klar; an der Ems bleibt aber die knifflige Frage, wann Schiffe unten durch und Züge oben darüber dürfen.

Datenbanken wie fernbahn.de weisen Wunderline-Verbindungen seit spätestens 1977 aus, teilweise unter anderen Namen. Eine historische Zusammenstellung umfasst sechs tägliche Fahrten: drei in Richtung Groningen und drei in Richtung Bremen, Hannover oder Braunschweig. Der Fahrplan hat also schon einige Kapitel hinter sich – und bekommt gerade wieder neue Seiten.