Heidelberg Materials übernimmt NCC-Geschäft in Schweden und Norwegen
Heidelberg Materials richtet den Blick nach Norden. Nachdem das milliardenschwere Aktienrückkaufprogramm abgeschlossen ist, soll wieder das operative Geschäft stärker in den Vordergrund rücken. Dazu passt die vereinbarte Übernahme der schwedischen und norwegischen Zuschlagstoff- und Asphaltaktivitäten der Industriesparte von NCC AB.
An der Börse kommt der Kurswechsel bislang nicht besonders gut an: Die Aktie notiert bei 140,15 Euro und liegt im Tageshandel 1,9 Prozent im Minus. Seit der Bekanntgabe des Abschlusses des Rückkaufs vor gut einer Woche hat sie 4,0 Prozent verloren.
Ausbau in Schweden und Norwegen
Das NCC-Geschäft umfasst 106 Zuschlagstoffstandorte und 44 Heißasphaltwerke. Der Unternehmenswert liegt, bereinigt um liquide Mittel und Finanzschulden, bei rund 5,5 Milliarden schwedischen Kronen. Noch steht die Transaktion unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen.
Medienberichten zufolge übernimmt CRH die entsprechenden NCC-Geschäfte in Dänemark und Finnland. Heidelberg Materials konzentriert sich damit auf Schweden und Norwegen – zwei Märkte, in denen die Nachfrage aus Infrastrukturprojekten kontinuierlich ist. Mit dem Zukauf wachsen die Produktionskapazitäten, entscheidend wird aber die Integration der neuen Standorte. Und natürlich die Frage, welchen Beitrag sie künftig zur Ertragskraft leisten.
Das 2024 gestartete Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von bis zu 1,2 Milliarden Euro wurde vollständig abgeschlossen. In der dritten und letzten Tranche kaufte der Konzern 2.739.278 Aktien für insgesamt 447.999.950,35 Euro zurück. Der festgelegte finanzielle Rahmen ist damit ausgeschöpft. Nach den umfangreichen Ausschüttungen an die Aktionäre sollen nun wieder operative Investitionen Vorrang haben.
Volumen, Preise und die nächste Wegmarke
Am 4. November 2026 veröffentlicht Heidelberg Materials ein Trading-Update zum dritten Quartal 2026 und veranstaltet dazu eine Analystenkonferenz. Im Mittelpunkt stehen die Absatzvolumina in den Kernregionen. Analyst Jon Bell von Deutsche Bank Research rechnet mit einer robusten Entwicklung in Nordamerika, stabilisierenden Preisen in Europa und leicht rückläufigen Mengen auf dem europäischen Markt.
Deutsche Bank Research bestätigte die Kaufempfehlung für die Aktie und nennt ein Kursziel von 210 Euro. Jefferies stufte das Papier am 1. Oktober ebenfalls zum Kauf ein, allerdings mit einem Kursziel von 286 Euro. Die zentrale Frage bleibt, ob Heidelberg Materials mögliche Nachfrageschwächen im europäischen Bausektor mit seiner Preissetzungsmacht auffangen kann. Das klingt trocken, entscheidet aber am Ende über richtig viel.
Zum Konzern gehören die Geschäftsfelder Zement, Zuschlagstoffe, Transportbeton und Asphalt sowie Konzernservice und Handel. Das Angebot reicht von Zement und Klinker über Sand und Kies bis zu Kalk- und Betonprodukten, Kalksandstein, Spezialbindemitteln, Umwelttechnik und Baustoffchemie. Auf der Produktseite führt das Unternehmen unter anderem evoZero und evoBuild.
Ein Baustoffkonzern mit langer Geschichte
Die Heidelberg Materials AG ist ein börsennotierter Baustoffkonzern mit Sitz in Heidelberg und seit Juni 2010 im DAX gelistet. Gegründet wurde das Unternehmen 1874. Für 2025 werden 48.973 Mitarbeiter und ein Umsatz von 21,5 Milliarden Euro genannt. Heidelberg Materials ist in rund 60 Ländern auf fünf Kontinenten aktiv und betreibt rund 3.000 Standorte.
Die Wurzeln reichen zur Bergheimer Mühle in Heidelberg zurück. Johann Philipp Schifferdecker erwarb sie am 3. Januar 1873 und baute sie zu einer Zementfabrik um. 1874 wurde das Unternehmen als offene Handelsgesellschaft eingetragen, 1875 begann die Zementproduktion. 1889 folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, 1901 die Fusion des Heidelberger Portland-Cement-Werks mit der Mannheimer Portland-Cement-Fabrik AG.
1918 wurde die Materialseilbahn Leimen–Nußloch zur Versorgung des Werks mit Kalkstein eröffnet. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 geriet Vorstandsmitglied Ehrhart Schott wegen seiner Ablehnung nationalsozialistischer Einflussnahme zunächst in Schutzhaft und trat im Mai 1933 zurück. Generaldirektor Otto Heuer trat 1933 der NSDAP bei und gehörte dem Freundeskreis Reichsführer SS an. Staatliche Bau- und Rüstungsprojekte ließen die Zementindustrie stark wachsen; bis 1938 wurden weitere Zementfabriken und Steinbrüche erworben, darunter die Portland-Zement Blaubeuren Gebrüder Spohn AG. Anschließend firmierte das Unternehmen als Portland-Zementwerke Heidelberg AG.
Während des Zweiten Weltkriegs galt die Zementindustrie als kriegswichtig. In zahlreichen Werken wurden Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt; Heidelberg Materials schätzt die Zahl der Betroffenen auf rund 1.000. Nach dem Krieg wurde der Vorstand entlassen, Ehrhart Schott mit dem Wiederaufbau beauftragt.
1959 stieg das Unternehmen in das Transportbetongeschäft ein, 1977 expandierte es nach Nordamerika und gründete dort Tochtergesellschaften. Baustoffchemie und Dämmsysteme kamen als weitere Geschäftsfelder hinzu. 1978 erfolgte die Umbenennung in Heidelberger Zement AG. 1993 erwarb das Unternehmen 42,4 Prozent der belgischen S.A. Cimenteries CBR, 1999 wurde sie vollständig übernommen. In den 1990er-Jahren trieb Heidelberg Zement vor allem die Expansion nach Ostasien voran. 1999 kam der schwedische Baustoffhersteller Scancem hinzu, der heute unter dem Namen Cementa tätig ist. Ab 2001 übernahm HeidelbergCement schrittweise den indonesischen Zementhersteller Indocement.
2002 wurde der Konzern in HeidelbergCement umbenannt. Adolf Merckle übernahm 2005 die Kontrolle und setzte Bernd Scheifele als Vorstandsvorsitzenden ein. Nach Abschluss des Übernahmeangebots im Juli 2005 hielten Aktionäre aus der Merckle-Gruppe knapp 78 Prozent der Anteile. Ebenfalls 2005 wurde die kasachische Bukhtarma Cement Company vollständig übernommen.
2007 kündigte HeidelbergCement die Übernahme des britischen Baustoffkonzerns Hanson für 9,5 Milliarden Pfund beziehungsweise 14 Milliarden Euro an. Finanziert wurde sie unter anderem durch den Verkauf des 35-prozentigen Vicat-Anteils und der Baustofftochter Maxit. Im September 2009 folgten eine Kapitalerhöhung und eine Aktienumplatzierung zur Verringerung der Verschuldung. Die Nettofinanzverbindlichkeiten hatten zum 30. Juni 2009 bei 11,3 Milliarden Euro gelegen, der Anteil der Merckle-Gruppe sank dadurch von 72,4 Prozent auf unter 25 Prozent.
Am 21. Juni 2010 wurde HeidelbergCement in den DAX aufgenommen. 2013 erwarb der Konzern ein Zementunternehmen in der russischen Republik Baschkortostan, 2016 wurde die Übernahme von 45 Prozent des italienischen Zementherstellers Italcementi abgeschlossen. Die frühere Hauptverwaltung in Heidelberg wurde 2017 abgerissen; bis 2020 entstand dort für rund 100 Millionen Euro ein Neubau.
Im September 2022 kündigte das Unternehmen die Umbenennung in Heidelberg Materials an. Die neue Marke wurde Anfang 2023 eingeführt, der rechtliche Firmenname im Mai 2023 geändert. Frühere Namen waren Portland-Cement-Werk Heidelberg, Schifferdecker & Söhne, Heidelberger Zement AG von 1978 bis 2002 und HeidelbergCement AG von 2002 bis 2023.
Größe, Aktionäre und Geschäftszahlen
Das Kerngeschäft stützt sich auf 143 Zementwerke mit einer Kapazität von knapp 130 Millionen Tonnen Zement und Klinker jährlich, rund 1.470 Transportbetonwerke und etwa 600 Förderstätten für Zuschlagstoffe. Die Entwicklung wichtiger Kennzahlen von 2017 bis 2024 zeigt beim Umsatz einen Anstieg von 17,266 auf 21,156 Milliarden Euro, beim Ergebnis vor Steuern von 1,459 auf 2,338 Milliarden Euro und beim Eigenkapital von 16,052 auf 19,975 Milliarden Euro. Die Dividende je Aktie stieg von 1,90 auf 3,30 Euro, während die Mitarbeiterzahl von 59.054 auf 51.129 zurückging.
Zu den Aktionären mit meldepflichtigen Anteilen zählten laut Angaben für 2025 Ludwig Merckle über die PH Vermögensverwaltung GmbH mit 28,88 Prozent, BlackRock mit
