Auf der Baustelle des geplanten Rechenzentrums „Jupiter“ in New Mexico stehen die Arbeiten still. Oracle hat die Zahlungen für das auf 18 Milliarden US-Dollar veranschlagte Projekt ausgesetzt und dem Projektentwickler eine Force-Majeure-Mitteilung geschickt. Gemeint ist damit eine Vertragsklausel für Naturkatastrophen oder andere unvorhersehbare Ereignisse.

Die Nachricht schlug an den Märkten ein: Die Oracle-Aktie verlor zunächst rund fünf Prozent, am Donnerstag nach den Berichten mehr als drei Prozent. Auch Blue Owl Capital büßte 4,4 Prozent an Börsenwert ein. Bloomberg hatte zuerst unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Quellen berichtet; die CNBC-Berichterstattung trugen Seema Mody und Leslie Picker bei.

Verzögerungen, Proteste und eine umstrittene Pipeline

Project Jupiter soll auf 1.400 Hektar im Doña-Ana-County entstehen und 2028 in Betrieb gehen. Oracle will dort Supercomputer für die Zusammenarbeit mit OpenAI betreiben. Die mehr als 2,4 beziehungsweise geplanten 2,45 Gigawatt starke Anlage ist Teil des umfassenderen Stargate-Ausbaus der Infrastruktur für künstliche Intelligenz, der mit Präsident Donald Trump verbunden ist.

Der Zeitplan ist allerdings ins Rutschen geraten. Lokale Proteste, Widerstand gegen Rechenzentren im Vorfeld der bevorstehenden Zwischenwahlen, Klagen und Bedenken von Umweltverbänden sowie regulatorische Hürden belasten das Vorhaben. Hinzu kommen fehlende Durchleitungsrechte und Verzögerungen beim Bau einer Erdgas-Pipeline, die das Rechenzentrum versorgen soll.

Oracle erklärte gegenüber CNBC, Jupiter liege weiterhin im geplanten Zeitplan. Das Unternehmen sei New Mexico weiterhin verpflichtet und zuversichtlich hinsichtlich des weiteren Verlaufs. Laut dem Bericht versucht Oracle dennoch, Zahlungen für den Campus aufzuschieben, falls dieser nicht wie erwartet 2028 den Betrieb aufnimmt. Oracle will sich damit auch gegen höhere Kosten absichern.

Die Mitteilung ging an eine Tochtergesellschaft von Blue Owl Capital. Blue Owl erklärte, sie ändere nichts an den finanziellen Verpflichtungen für das mehrjährige Projekt. Der Entwickler finanziert das Rechenzentrum über ein Konsortialdarlehen von 18 Milliarden Dollar. Santander, Jefferies und BNP Paribas stellten die Finanzierung bereit.

Banken bleiben auf den Krediten sitzen

Ohne Oracles Mietzahlungen fehlen der Betreibergesellschaft Einnahmen für den Schuldendienst. Die Banken versuchen deshalb, die Kredite weiterzuverkaufen. An den Sekundärmärkten werden sie derzeit mit 89 bis 91 Cent je Dollar gehandelt. KI-Infrastrukturkredite notieren normalerweise nahe dem Nennwert von 100 Cent.

Institutionelle Investoren weigern sich laut Financial Times, die Kredite von den Banken zu übernehmen. Auch Oracles Schulden in Höhe von 18 Milliarden US-Dollar werden laut der Zeitung bereits mit erhöhten Risikoaufschlägen gehandelt. Bei Blue Owl ging der Kurs am Donnerstag ebenfalls zurück.

Bloom Energy, dessen Brennstoffzellen die Anlage mit Strom versorgen sollen, fiel vorbörslich um sieben Prozent auf 256,45 Dollar beziehungsweise 225 Euro; an anderer Stelle wurde ein Rückgang von drei Prozent gemeldet. Das Unternehmen erklärte auf X, weiterhin zum Vertrag und zum geplanten Zeitplan zu stehen.

Die Unsicherheit reicht weit über Jupiter hinaus. Bernstein-Analyst Chad Dillard beziffert die gemeldete Rechenzentrumspipeline in Nordamerika auf 404 Gigawatt. Seiner Einschätzung nach lassen sich nur 35 Prozent dieser Projekte realisieren. Fast zwei Drittel scheitern demnach an fehlender Energieinfrastruktur oder Finanzierungshürden.

Morgan Stanley schätzt den weltweiten Investitionsbedarf für Rechenzentren bis 2028 auf 2,9 Billionen Dollar beziehungsweise 2,5 Billionen Euro. Amazon, Google, Microsoft und Oracle könnten im selben Zeitraum zusammen rund 1,4 Billionen Dollar beziehungsweise 1,2 Billionen Euro aus ihrem operativen Cashflow finanzieren. Es bliebe eine Finanzierungslücke von 1,5 Billionen Dollar beziehungsweise 1,3 Billionen Euro, die durch Fremdkapital geschlossen werden müsste.

Teures Geld für eine unsichere Zukunft

Investoren bewerten die Risiken von Rechenzentrumsprojekten inzwischen höher. Einzelne Projektanleihen bieten bereits zweistellige Renditen. Die SoftBank Group musste für eine Anleihe über 11 Milliarden Dollar zur Finanzierung ihrer OpenAI-Pläne Coupons von bis zu 9,9 Prozent anbieten. Das entsprach einem Aufschlag von fast 500 Basispunkten gegenüber US-Staatsanleihen; die Anleihe erhielt ein BB+-Rating.

Eine Auswertung der Londoner Börse zeigt, wie kühl der Wind geworden ist: 78 von 91 im Jahresverlauf begebenen Hyperscaler-Anleihen notieren unter ihrem Ausgabekurs. Ihre Renditen liegen über dem Niveau zum Zeitpunkt der Emission. Institutionelle Anleger zögern zunehmend, weitere Hyperscaler-Anleihen zu kaufen, weil sie ein Klumpenrisiko befürchten.

Moody’s warnte Ende Juli in der Studie „Power without delivery“ vor unklaren Zeiträumen zwischen der Fertigstellung eines Rechenzentrums und seinem Netzanschluss. Ohne Stromanschluss erzielt ein Rechenzentrum keine Einnahmen. Genau da wird es ungemütlich: Meta, Broadcom und Nvidia nutzen seit etwa zwei Jahren Zweckgesellschaften und Private-Credit-Fonds, um ihre Bilanzen zu entlasten.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich bezeichnet diese Konstruktionen als „Schattenverschuldung“. Bleibt der Stromanschluss aus, müssen die Konzerne mit eigenen Mitteln für die Kredite der Zweckgesellschaften einstehen. Gleichzeitig verlangen Investoren für neue Anleihen bereits zweistellige Renditen. Ohne ausreichende Stromleitungen könnten Unternehmen gekaufte Nvidia-Supercomputer einlagern müssen – und die könnten innerhalb weniger Quartale technisch veralten.

Oracle-Co-CEO Clay Magouyrk sagte am 10. September in einer Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen, Project Jupiter werde die zuvor ausgegebene Umsatz- und Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2027 nicht beeinflussen. Das beruhigt die Anleger offenbar nur begrenzt.

Der Strom wird zum eigentlichen Baugrund

Rechenzentren verbrauchten 2025 weltweit etwa 485 TWh Strom, rund 1,5 Prozent des globalen Verbrauchs. Die Internationale Energieagentur erwartet bis 2030 nahezu eine Verdopplung auf 950 TWh, Gartner prognostiziert 980 TWh. Der Verbrauch könnte damit jährlich um etwa 15 Prozent wachsen – rund viermal schneller als in anderen Sektoren.

Treiber sind KI-Anwendungen und beschleunigte Server. KI-optimierte Server könnten 2030 etwa 44 Prozent des Rechenzentrumstroms ausmachen. Analysten erwarten sogar, dass KI-Rechenzentren bereits 2026 einen Stromverbrauch in Höhe des heutigen japanischen Jahresverbrauchs erreichen könnten.

Hyperscaler wollen 2026 zwischen 660 und 725 Milliarden US-Dollar investieren; etwa 75 Prozent davon sollen in KI-Infrastruktur fließen. In den USA stammen rund 56 Prozent des Stroms für Rechenzentren weiterhin aus fossilen Brennstoffen. Stromverfügbarkeit wird damit zum wichtigsten Standortfaktor. In den Netzanschluss-Warteschlangen der USA stehen rund 2.600 GW.

Fast die Hälfte der geplanten KI-Rechenzentren muss mit Verzögerungen von bis zu fünf Jahren rechnen. Dadurch werden Investitionen von etwa 650 Milliarden US-Dollar blockiert. Bis 2028 könnte in den USA eine Erzeugungslücke von 49 GW entstehen. Standorte nahe Kernkraftwerken erzielen bereits Mietaufschläge von 15 bis 25 Prozent.

Stromabnahmeverträge und die gemeinsame Standortwahl mit Energieerzeugern bestimmen deshalb zunehmend, wo KI-Infrastruktur entsteht. Microsoft vereinbarte eine Zahlung von 16 Milliarden US-Dollar über 20 Jahre für Strom aus Three Mile Island Unit 1; der Reaktor soll 2027 wieder 835 MW liefern. Amazon investierte 700 Millionen US-Dollar in X-energy und sicherte sich 1,92 GW aus dem Kernkraftwerk Susquehanna.

Google verpflichtete sich zur Abnahme von 500 MW aus Kairos-SMR-Reaktoren. Meta vereinbarte insgesamt 6,6 GW mit TerraPower, Oklo, Vistra und Constellation. Mehr als 9,8 GW Kernenergiekapazität für KI wurden damit angekündigt.

Kurzfristig soll Erdgas den zusätzlichen Strombedarf decken. Das bringt die Energiepolitik in einen handfesten Konflikt: kontinuierlicher Strom für KI, Ausbau erneuerbarer Energien und Netto-Null-Ziele müssen gleichzeitig funktionieren.

Der GRID Act vom Februar 2026 verlangt für neue Anlagen ab 20 MW eine netzunabh