Augsburgs Hauptbahnhof: 180 Jahre Eisenbahngeschichte und eine Mobilitätsdrehscheibe im Wandel
Wer im Augsburger Hauptbahnhof auf seinen Zug wartet, steht in einem Gebäude, das seit fast 200 Jahren als Zugang zu den Gleisen dient. Die Bahnhofshalle ist nicht bloß Kulisse für Eile, Rollkoffer und das übliche Rätselraten vor der Anzeigetafel: Sie gehört zu den ältesten im Original erhaltenen Bahnhofsbauten Deutschlands.
Das älteste noch betriebene Bahnhofsempfangsgebäude Deutschlands steht in Schwaben. Der heutige Augsburger Hauptbahnhof wurde als Durchgangsbahnhof errichtet und 1846 in Betrieb genommen. Das Empfangsgebäude entstand zwischen 1843 und 1846 nach Plänen des Architekten Eduard Rüber. Auch die Bahnhöfe in Bamberg, Nürnberg, Lindau und Kaufbeuren stammen von ihm. Eine Tafel über dem Eingang bezeichnet das Haus als „ältestes Bahnhofs-Empfangsgebäude in einer Großstadt der Bundesrepublik, das noch in Betrieb ist“ – Rüber als Erbauer nennt sie allerdings nicht.
Vom Pferdegleis zum Durchgangsbahnhof
Der Weg dorthin begann mit der ersten bayerischen Bahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth, die 1834 eröffnet wurde. Augsburgs Oberbürgermeister Carron du Val erkannte früh, welche Bedeutung die Eisenbahn bekommen würde. 1835 gründeten Unternehmer und Bankiers in der Stadt einen Eisenbahnverein; du Val leitete anschließend das Baukomitee für die Strecke Augsburg–München.
1838 begannen die Bauarbeiten. Das erste Teilstück in Augsburg wurde zunächst mit Pferdebahnen betrieben – ein Bild, das heute zwischen ICE, Regionalzügen und digitaler Anzeigetafel etwas skurril wirkt. Die Strecke Augsburg–München wurde 1840 eröffnet.
Der damalige Bahnhof vor dem Roten Tor war ein Kopfbahnhof. Er wurde 1839/40 von Georg Gollwitzer für die private Eisenbahnlinie München–Augsburg errichtet, die am 4. Oktober 1840 eröffnet wurde. Als die königliche Staatsbahnstrecke „Ludwig-Süd-Nord-Bahn“ gebaut wurde, nutzte man ihn nicht weiter. Seit 1920 dient das Gebäude als Straßenbahnbetriebshof beziehungsweise Straßenbahndepot der Stadtwerke Augsburg.
Der alte Bahnhof ist dennoch erhalten geblieben. Während des Ersten Weltkriegs nutzte ihn das Militär als Reithalle. Auch der Bahnhof Oberhausen gehört in diese frühe Augsburger Eisenbahngeschichte: Er wurde 1844 für die Strecke Augsburg–Donauwörth errichtet, eine der ersten Teilstrecken der 1854 fertiggestellten Ludwig-Süd-Nord-Bahn von Lindau nach Hof. Die Augsburger Bahnhöfe waren damals durch Pferdebahnen miteinander verbunden.
Nachdem beschlossen worden war, die Strecke München–Augsburg an die geplante Transversale Lindau–Hof anzubinden, entstand westlich der Altstadt auf dem Rosenauberg ein neuer Hauptbahnhof. Augsburg sollte für die neue Strecke ein wichtiger Haltepunkt werden. Als Durchgangsbahnhof wurde er am 1. Juli 1846 eröffnet.
Ein Gebäude mit mehreren Leben
Ursprünglich war das Empfangsgebäude als zweifarbiger Blankziegelbau ausgeführt, typisch für die königlich-bayerische Staatsarchitektur. 1852 wurde es erstmals erweitert, 1856 der Mittelbau aufgestockt. Friedrich Bürklein baute das bestehende Haus 1869 bis 1871 im Stil des romantischen Spätklassizismus um. Dabei entstand der geschlossene Gesamteindruck, der bis heute erhalten ist.
Ganz unverändert blieb der Bahnhof freilich nicht. Während der NS-Zeit wurde die witterungsgeschädigte Fassade verputzt; der Putz blieb erhalten. In den 1950er Jahren ersetzte man die verzierten gusseisernen Vordachsäulen durch schlichte Eisensäulen. Anlässlich des Stadtjubiläums „2000 Jahre Augsburg“ wurde das Empfangsgebäude 1983/84 renoviert und modernisiert. Gusssäulen und die zentrale Telegrafen-Dachlaterne rekonstruierte man nach historischem Vorbild, außerdem wurde die architektonische und farbliche Gliederung wiederhergestellt.
1985 bekam der Bahnhofsvorplatz eine neue Gestaltung. In seiner Mitte steht ein von Theo Bechteler gestalteter Schalenbrunnen mit Renaissanceformen. In den folgenden Jahren wurden Bahnhofshalle, Kundenzentrum der Deutschen Bahn, Gastronomie- und Shoppingbereich sowie Bahnhofsbücherei um- und ausgebaut. Bis 2007 konzentrierten sich weitere Arbeiten vor allem auf Gastronomiebereiche; in der Haupthalle kam eine digitale Anzeigetafel hinzu. 2011/12 wurde der Südflügel renoviert, zugleich vergrößerte man den Warte- und Gastronomiebereich.
Die Lage ist heute Bahnhofstraße, Bahnhofs- und Bismarckviertel, im amtlichen Stadtplan unter I 9. Im Stadtlexikon ist der Bahnhof unter dem Stichwort Viktoriastraße 1 verzeichnet. Der dortige Beitrag stammt von Günther Grünsteudel und Prof. Dipl.-Ing. Wilhelm Ruckdeschel, die Auflage datiert auf den 16. Oktober 2009; der Aktualisierungsstand ist der 31. Dezember 2025.
Die Mobilitätsdrehscheibe unter und neben den Gleisen
Hinter den historischen Mauern läuft seit Jahren ein Bauprojekt, das den gesamten Verkehrsknoten neu ordnen soll. Die „Mobilitätsdrehscheibe Augsburg“ bündelt Maßnahmen zur Modernisierung des Bahnhofs und seines Umfelds. Bis Ende 2009 wurde der Eingangsbereich vergrößert und für den künftigen Straßenbahntunnel vorbereitet. Der Planfeststellungsbeschluss für den Bahnhofumbau erging im Dezember 2011, vorbereitende Arbeiten begannen 2012, die Umbauarbeiten starteten am 4. August 2012. Die zunächst für 2019 geplante Fertigstellung wurde 2014 auf 2022 verschoben.
Bis 2014 war östlich des Bahnhofs der Rohbau des Straßenbahntunnels von der Halderstraße bis zum Empfangsgebäude fertiggestellt. 2015 riss man westlich des Bahnhofs Gebäude für den Tunnelbau ab, errichtete ein neues Technikgebäude der Deutschen Bahn und führte Aushubarbeiten sowie provisorische Gleisbrücken im Güterbahnhof aus. Am 13. Juli 2015 setzte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt den symbolischen Spatenstich.
Unterhalb der Fußgängerunterführung entsteht eine unterirdische Straßenbahnhaltestelle mit Tunnel. Treppen und Aufzüge sollen nicht nur dorthin, sondern auch zu den Bahnsteigen führen. Die Fußgängerunterführung wurde zunächst bis Ende 2021 gebaut und anschließend wieder überdeckt; darunter sollen Haltestelle, Gleise und Oberleitungen entstehen. Der Tunneldurchstich erfolgte am 25. März 2021. Die technische Ausrüstung des Tunnels war bereits Ende September 2020 ausgeschrieben.
Die ursprünglich für August 2023 geplante Inbetriebnahme verzögerte sich mehrfach und ist frühestens im Dezember 2026 vorgesehen. Ob die Linie 6 dann über den westlichen Anschluss aus dem Tunnel fahren kann, ist offen. Für den Tunnel wurde in der Halderstraße östlich des Bahnhofs ein Rampenbauwerk errichtet; an der tiefer gelegenen Rosenaustraße ist das nicht erforderlich.
Auch die Zugänge waren lange ein wunder Punkt. Bis 2023 gab es in der Bahnhofshalle und zu den Bahnsteigen keine Rolltreppen oder Aufzüge. Bis 2016 waren die meisten Bahnsteige nur über einen ausschließlich mit Treppen erreichbaren Tunnel zugänglich – für Menschen mit Gehbehinderung war der Bahnhof damit weitgehend unzugänglich. Im Oktober 2016 öffnete man vorübergehend einen ehemaligen Posttunnel für Fußgänger; Rampen ermöglichten den Zugang zu allen Bahnsteigen. Ein weiterer Planfeststellungsbeschluss wurde am 19. August 2016 erlassen.
Am 8. Dezember 2023 wurden schließlich eine barrierefreie Verteilerebene mit Aufzügen, ein neuer Fußgängertunnel zum Sebastian-Buchegger-Platz und die erneuerte Empfangshalle eröffnet. Wer heute durch die Halle zu den Gleisen geht, nimmt diese Veränderung vielleicht nur nebenbei wahr. Für viele war sie allerdings überfällig.
Mehr Gleise für mehr Takt
Neben den regulären Gleisen 1 bis 9 gab es vier Zwischengleise: 101, 501, 801 und 901. Wegen steigender Anforderungen an den Regio-Schienen-Takt und der geplanten Nutzung der Gleise 5 und 7 für den Güterverkehr wurde ein sechster Bahnsteig erforderlich.
Das 2013 eingeleitete Bauvorhaben umfasste außerdem eine Zug
