Auf dem geplanten Batteriestandort bei Heide ist weiterhin vieles offen. Rund ein Jahr nach der Insolvenz des schwedischen Herstellers Northvolt gibt es zwar neue Hoffnungen, aber noch keinen verbindlichen Neustart. Das Gelände in Lohe-Rickelshof und Norderwöhrden liegt bereit – die große Fabrik ist es nicht.

Vor vier Jahren hatte Northvolt angekündigt, auf rund 110 Hektar eine Batteriefabrik zu bauen. Mehrere hundert Millionen Euro von Bund und Land flossen als Unterstützung in das Vorhaben. Bis zu 3.000 Arbeitsplätze wollte das Unternehmen schaffen, mit Zulieferern sollten es mehr als 10.000 werden. 2026, so der ursprüngliche Plan, sollte eine besonders klimafreundlich produzierte Batterie vom Band laufen.

Vom großen Auftritt zur offenen Baustelle

Der Baustart wurde öffentlich inszeniert – mit Bundeskanzler, Wirtschaftsminister und Northvolt-Chef. Doch bald danach kamen Probleme bei der Batterieentwicklung und bei der geplanten Massenproduktion ans Licht. Aufträge wurden storniert, Volkswagen zog sich als Investor zurück, ein Sanierungsverfahren nach US-amerikanischem Chapter 11 scheiterte. Im März 2025 meldete Northvolt schließlich Insolvenz an.

Seitdem hielt die Treuhandgesellschaft den Standort betriebsbereit. Nun will das US-Cleantech-Unternehmen Lyten das ehemalige Northvolt-Gelände für 60 Millionen Euro übernehmen. Ende Juni 2026 unterzeichneten Lyten, die KfW, die deutsche Northvolt Drei Project GmbH und die Treuhandgesellschaft LG Batterie GmbH eine exklusive, rechtlich noch nicht bindende Absichtserklärung. Das Land Schleswig-Holstein ist keine Vertragspartei.

Der Kaufpreis soll nach der Abwicklung der Projektgesellschaft über die KfW zur Hälfte an den Bund und zur Hälfte an das Land fließen. Seit dem 1. Juli 2026 trägt Lyten die Kosten für Erhalt und Sicherung des Standorts, einschließlich der Personalkosten der deutschen Northvolt-Tochter. Der verbindliche Kaufvertrag soll im dritten Quartal 2026 unterzeichnet werden. Dafür muss der Finanzausschuss des Schleswig-Holsteinischen Landtags der Übernahme der Northvolt-Vermögenswerte noch zustimmen.

Die Eckdaten fallen deutlich kleiner aus als einst bei Northvolt: rund 100 Hektar Grundstücksfläche, ein geplanter Baubeginn 2027, Produktionsstart 2028 und etwa 1.000 Arbeitsplätze. Der von KPMG geschätzte Wiederverkaufswert des Areals liegt bei 7 bis 12 Millionen Euro. Ursprünglich zugesagte Fördermittel von Bund und Land beliefen sich auf 600 Millionen Euro, davon gelten voraussichtlich etwas mehr als 220 Millionen Euro als gerettet.

Lyten setzt auf Batterien, Speicher und Rechenleistung

Geplant sind eine Batteriezellfabrik, ein Großbatteriespeicher, ein Rechenzentrum und Infrastruktur für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Lyten-Chef und Mitgründer Dan Cook kündigte an, Heide zu einem deutschen Zentrum für saubere Batterieproduktion und industrielle Fertigung auszubauen. Der Mix aus Batteriezellproduktion, Rechenzentrum, Batteriespeichern und weiteren Unternehmensansiedlungen war auch Thema in Gesprächen mit Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen in Kalifornien.

Madsen berichtete von positiven Signalen und hält einen Baustart möglicherweise 2027 für machbar. Ministerpräsident Daniel Günther erklärte, die Verhandlungen über die deutsche Northvolt-Tochter seien weit fortgeschritten. Ein ähnliches Modell verfolgt Lyten bereits in Schweden: Am früheren Northvolt-Hauptstandort in Skellefteå soll neben der Batteriefertigung ein Rechenzentrum mit einer Leistungsaufnahme von einem Gigawatt entstehen. Betreiber und Eigentümer soll EdgeConnex werden. Die Investitionssumme liegt bei mehr als zehn Milliarden US-Dollar, Baubeginn ist für Ende 2026 geplant.

Ein zahlungskräftiger Mieter mit gesichertem Strombedarf soll dort zur Finanzierung des Batteriewerks beitragen. Dieses Modell will Lyten auch in Heide anwenden. Schleswig-Holstein erzeugt mehr Windstrom, als es selbst verbraucht. Große industrielle Verbraucher könnten die Netze entlasten und Kosten durch abgeregelte Windkraft verringern. Das Land prüft gemeinsam mit Hamburg und Westdänemark außerdem eine eigene Strompreiszone, um Vorteile des Windstroms unter anderem für die Wasserstoffproduktion zu nutzen.

Für den Standort spricht auch, dass das Heide-Gelände bereits erschlossen ist und der Netzanschluss für das frühere Northvolt-Projekt vorbereitet wurde. Bürgermeister Kai Tange verweist zudem auf die gute Versorgung mit Windstrom, die Nähe zu Wasserstoffprojekten und die Autobahnanbindung. Dadurch könnte Lyten schneller produzieren als an einem völlig neuen, nicht erschlossenen Standort.

Vor Ort bleibt die Geduld dünn

In Heide und Umgebung ist die Stimmung gemischt. Einige hoffen weiter auf neue Arbeitsplätze, andere bezweifeln, dass das Projekt tatsächlich umgesetzt wird. Gemeindevertreter Hauke Nielsen aus Lohe-Rickelshof kritisiert, Lyten habe sich bislang nicht vor Ort vorgestellt. Auch Bürgermeister Tange sagt, den Gemeinden lägen bisher keine Informationen vor, ob Lyten Northvolts ursprüngliche Pläne übernimmt oder verändert.

Die bisherige Baugenehmigung gilt nur für die ursprünglich von Northvolt geplante Fabrik. Die Genehmigungsverfahren hatten etwa drei Jahre gedauert. Ein anderes Konzept könnte neue planungsrechtliche Verfahren und Genehmigungen erforderlich machen. Einen schnellen Baustart ohne konkrete Planung halten die Gemeinden deshalb für unrealistisch.

Landrat Thorben Schütt spricht von „norddeutscher Nüchternheit“. Die Region wolle weiterhin eine Batteriezellenfabrik bei Heide. Land, Kreis und Gemeinden sehen großes Potenzial in der Fläche, zugleich verlangt Schütt, dass neben Bund und Land auch die Bevölkerung vor Ort einbezogen wird. Lyten hat laut Madsen angekündigt, die Region zeitnah zu besuchen; eine Einladung der Gemeinden liegt vor.

Die Infrastrukturplanung lief trotz der Verzögerungen weiter. Kitas, Wohnraum und weitere Vorhaben wurden vorbereitet, teilweise liegen sie allerdings auf Eis. In Lohe-Rickelshof waren zeitweise bis zu 600 neue Wohnungen vorgesehen. Bei rund 2.100 Einwohnern hätte das einem Bevölkerungszuwachs von etwa 50 Prozent entsprochen.

Das Auf und Ab rund um Northvolt und Lyten hat Entscheidungsträger verunsichert, sagt Björn Jörgensen vom Amt Heider Umland. Das regionale Wachstum werde dadurch gebremst. Im vergangenen Jahr hatte Lyten angekündigt, in Schleswig-Holstein Tausende Arbeitsplätze schaffen zu wollen. Bislang gibt es außer Interessenbekundungen jedoch kaum konkrete Fortschritte.

Auch politisch wird der Druck größer. Der SPD-Abgeordnete Kianusch Stender verlangt verlässliche Informationen für die Region. FDP-Politiker Bernd Buchholz stellt Fragen zur Seriosität, Finanzierbarkeit und Investitionsfähigkeit von Lyten. Die Opposition kritisiert außerdem, der Landtag sei nicht ausreichend informiert worden. Günther räumte Fehler bei der Ansiedlung Northvolts ein, erklärte aber, er würde unter denselben Umständen erneut genauso entscheiden.

Eine junge Firma mit anspruchsvoller Zellchemie

Lyten wurde 2015 in San José, Kalifornien, gegründet. Das Start-up wirbt mit Lithium-Schwefel-Batterien, die ohne Nickel, Mangan und Kobalt auskommen. Schwefel ist ein weit verbreitetes Industrie-Nebenprodukt. Für die Zellen nutzt Lyten eine dreidimensionale Graphenstruktur. Dieses sogenannte 3D-Graphen soll die geringe Lebensdauer herkömmlicher Lithium-Schwefel-Zellen verringern.

Eine Serienproduktion findet bisher nicht statt. Batterieexperte Bilal El-Zahab hält weitere Entwicklung für nötig, vor allem die bislang kurze Lebensdauer gilt als problematisch. Lyten gibt für seine Technologie perspektivisch die doppelte Energiedichte heutiger Lithium-Ionen-Batterien und eine bis zu 80 Prozent bessere CO₂-Bilanz an. Der Nachweis einer industriellen Fertigung in großem Maßstab steht allerdings noch aus.

Investoren wie Stellantis, FedEx, Honeywell und der Europäische Investitionsfonds haben bisher mehr als 425 Millionen US-Dollar in Lyten investiert. Ende 2024 übernahm das Unternehmen Fertigungsanlagen der früheren Northvolt-Tochter Cuberg in Kalifornien. In Reno, Nevada, plant Lyten eine Lithium-Schwefel-Gigafactory mit bis zu 10 Gigawattstunden Jahreskapazität. Die bestehende kalifornische Fertigung soll zunächst auf 200 Megawattstunden pro Jahr erweitert werden.

In Heide sollen Lithium-Schwefel-Zellen für Elektrofahrzeuge, Drohnen, Verteidigungsanwendungen und stationäre Energiespeicher entstehen. Drohnen- und Verteidigungsanwendungen gelten als mögliche Einstiegsmärkte. Der Elektroautomarkt soll später folgen, sobald die Haltbarkeit der Zellchemie nach