In Hildesheim-Himmelsthür wird aus einer rund 120 Jahre alten neugotischen Kirche ein neues orthodoxes Kloster. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche eröffnet dort das „Kloster der Entschlafung der Allheiligsten Gottesgebärerin“. Noch in den Tagen davor wurde renoviert, wurden Kirchenbänke aufgestellt und Vorhänge vorbereitet. Es roch nach frischer Arbeit, während an den letzten Handgriffen gearbeitet wurde.

Bischof Grigorije Duric versteht den Ort als Raum für Gebet, Liturgie, Ruhe, Begegnung und mönisches Leben. Geplant sind außerdem ein Klosterladen und ein Café. Zur Einweihung werden katholische und evangelische Bischöfe erwartet. Das Kloster soll orthodoxen Gläubigen aller Nationalkirchen offenstehen – auch Menschen aus Serbien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien, der Ukraine und Russland, die in der Region leben.

Vom evangelischen Frauenheim zum serbisch-orthodoxen Kloster

Errichtet wurde das Kirchengebäude einst als Anstaltskirche eines evangelischen Frauenheims. Nach dem Umzug der „Diakonischen Werke Himmelsthür“ in den 1970er-Jahren fand dort 1977 der letzte evangelische Gottesdienst statt. Anschließend kaufte die Serbisch-Orthodoxe Kirche für Mitteleuropa die Kirche samt angrenzenden Gebäuden und baute sie teilweise ehrenamtlich um. Eine umfassende Renovierung und Restaurierung soll nun dauerhafte geistliche Präsenz und Klosterleben ermöglichen.

Öffentliche Gelder von der Stadt, dem Land Niedersachsen oder dem Bund flossen laut Duric nicht. Bezahlt wurde die Sanierung durch Spenden der serbisch-orthodoxen Gemeinde in Deutschland – überwiegend aber durch einen einzelnen Stifter. Er wurde als Sohn einer Gastarbeiterfamilie in Hildesheim geboren und ist heute Unternehmer in Berlin. Als Kind besuchte er die Kirche gemeinsam mit seiner Mutter; später sagte er zu, sämtliche Arbeiten und Reparaturen zu finanzieren. Eine Steintafel im Eingangsbereich erinnert an seinen Einsatz.

Zur Gemeinde in Hildesheim-Himmelsthür gehören nach Durics Angaben etwa 400 Familien zwischen Braunschweig und Goslar. Bundesweit gibt es 52 serbisch-orthodoxe Gottesdienstorte. Duric ist Metropolit der serbisch-orthodoxen Christen in Deutschland. Seiner Kirche gehören nach seinen Angaben bis zu eine Million Menschen an, andere Schätzungen nennen 400.000 bis 500.000.

In den Klöstern verschiedener orthodoxer Traditionen leben meist nur wenige Mönche oder Nonnen. Sie feiern Gottesdienste und stehen Gläubigen als Gesprächspartner zur Verfügung. In Deutschland gibt es unter anderem bulgarische, russische, griechische, serbische, rumänische, antiochenisch- und koptisch-orthodoxe Klöster. In den 1990er-Jahren entstand in Buchhagen das Deutsche orthodoxe Dreifaltigkeitskloster, das erste und bisher einzige deutsche orthodoxe Kloster. Formal untersteht es der bulgarisch-orthodoxen Diözese für West- und Mitteleuropa, ist laut Satzung aber der deutschen Orthodoxie verpflichtet. Die Skite des heiligen Spyridon gehört formal zur serbisch-orthodoxen Diözese für Mitteleuropa.

Offene Türen statt kirchlicher Abschottung

Duric legt Wert auf die Einbeziehung deutscher Nachbarn und Freunde. Eine Gemeinde dürfe sich nicht abschotten, sagt er sinngemäß. Viele serbische Christen in Deutschland gehören längst nicht mehr der Gastarbeitergeneration an. Sie sind hier geboren oder aufgewachsen, haben deutsche Schulen und Hochschulen besucht und sprechen Deutsch als Muttersprache. Duric nennt sie Deutsche mit serbischen Wurzeln, die ihre Herkunft und ihren Glauben bewahren möchten.

Auch deshalb fordert er, dass Geistliche seiner Kirche in Deutschland Deutsch beherrschen. Als er 2018 nach Deutschland kam, sprach nach seinen Angaben nur etwa jeder zehnte Geistliche gut Deutsch. Inzwischen sei es ungefähr jeder zweite, mit steigender Tendenz. Als Ausbildungsmöglichkeit nennt Duric das Studium der orthodoxen Theologie an der Universität München.

Orthodoxe Theologie kann in Deutschland außerdem seit 1979 an der Universität Münster studiert werden. Dort entstand der erste deutsche Lehrstuhl für Orthodoxe Theologie, bis 1999 geleitet von Anastasios Kallis. Der Lehrstuhl bildet unter anderem orthodoxe Religionslehrer aus und ermöglicht Promotionen. Die Universität München baute ihr Institut ab 1995 zu einer Ausbildungseinrichtung mit Diplomstudiengang aus. An der Universität Erfurt besteht ein religionswissenschaftlich ausgerichteter Lehrstuhl für orthodoxes Christentum. Im Theologischen Institut des Klosters Kröffelbach kann seit 2002 koptisch-orthodoxe Theologie mit BA-Abschluss studiert werden.

Eine „deutsch-orthodoxe“ Landeskirche gibt es aus kirchenrechtlichen und historischen Gründen nicht. Seit dem 27. Februar 2010 sind die orthodoxen Diözesen Deutschlands in der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland zusammengeschlossen. Sie umfasst zehn Bistümer, die meist Angehörige einer bestimmten Nation betreuen. Die Bistümer gehören unterschiedlichen Patriarchaten an und unterstehen jeweils der autokephalen Kirche ihres Herkunftslandes. Die DOM-Gesellschaft und weitere Organisationen fördern deutschsprachige Gemeinden und eine deutsche Orthodoxie. Der Anteil deutscher Konvertiten nimmt zu, zugleich entstehen weitere deutschsprachige Gemeinden und bestehende Gemeinden feiern häufiger deutschsprachige Gottesdienste.

Zur orthodoxen Landschaft gehören unter anderem das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, das Patriarchat von Moskau, das Patriarchat von Belgrad sowie die rumänische, bulgarische, georgische und mazedonische Orthodoxe Kirche. Die Antiochenisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland und Mitteleuropa hat ihren Sitz in Köln; für 2003 werden 80.000 Angehörige, 40 Gemeinden und 30 Priester angegeben. Die Westeuropäische Diözese der Georgischen Orthodoxen Kirche mit Sitz in Tiflis wird mit 30.000 Angehörigen, drei Gemeinden und einem Priester genannt. Für die Europäische Diözese der Mazedonisch-Orthodoxen Kirche mit Sitz in Malmö werden 30.000 Angehörige, sieben Gemeinden und fünf Priester angegeben.

Daneben gibt es äthiopisch-orthodoxe Gemeinden: In Norddeutschland unterstehen sie dem Bischof in London, in Süddeutschland dem Bischof in Rom. Die armenisch-apostolische Kirche hat eine Diözese in Köln mit Erzbischof Serovpe Isakhanyan. Für die koptisch-orthodoxe Kirche ist Bischof Damian mit Sitz im Kloster Brenkhausen in Höxter zuständig sowie Bischof Michael Samy Salami El Baramoussy für Kröffelbach und Süddeutschland. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien ist mit ihrer Erzdiözese Deutschland und Bischof Philoxenos Matthias Nayis in Warburg vertreten; Erzbischof Julius Hanna Aydin ist Vikar für politische und kirchliche Angelegenheiten in Deutschland. Hinzu kommen die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche und die Kirche der wahren Christen Griechenlands, die Synode des patristischen Kalenders.

Dialog, Unterricht und ein gemeinsamer Kirchentag

Zur russischen Aggression gegen die Ukraine sagt Duric, der Krieg sei eine „Schande“ und ein Krieg zwischen orthodoxen Christen. Christen sollten einander unabhängig vom Konflikt als Brüder und Schwestern sehen. Der 1967 nahe Sarajevo geborene Bischof bezeichnet sich selbst als Europäer und hofft, dass Serbien eines Tages der Europäischen Union beitritt. Er wirbt für Dialog innerhalb des Christentums und über Konfessionsgrenzen hinweg – damit Menschen einander kennenlernen und voneinander lernen. Als Problem bleibt für ihn der Nationalismus einzelner orthodoxer Gemeinschaften.

Duric möchte die orthodoxen Bischöfe in Deutschland für einen gemeinsamen orthodoxen Kirchentag gewinnen. Ein solcher Kirchentag könnte die gemeinsame Präsenz orthodoxer Christen stärken und ihre Integration in Deutschland fördern. Kontakte gibt es längst: Einige orthodoxe Kirchen arbeiten seit 1974 in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, der ACK, mit; weitere traten später bei. Die kanonischen östlich-orthodoxen Kirchen sind über die KOKiD mit fünf Mitgliedern und fünf Stellvertretern vertreten, die altorientalischen Kirchen jeweils als Vollmitglieder. Die Orthodoxie stellt ein Vorstandsmitglied und arbeitet in der Ökumenischen Zentrale sowie der theologischen Kommission DÖSTA mit. Im April 2019 wurde Erzpriester Radu Constantin Miron als erster Orthodoxer Vorsitzender der ACK.

Es bestehen bilaterale Kontakte zur Deutschen Bischofskonferenz und zur EKD, unter anderem zu theologischen Fragen sowie zur diakonischen und karitativen Zusammenarbeit.