Augustenhilfe Albstadt muss sich im Sanierungsverfahren neu aufstellen
Die Augustenhilfe Albstadt hat Insolvenz angemeldet. Für die Stiftung, die zur Diakonie Württemberg gehört, ordnete das Amtsgericht Hechingen am 23. September 2026 ein vorläufiges gerichtliches Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung an. Der Schritt betrifft Pflegeeinrichtungen in Albstadt – und damit eine Versorgung, die für viele Familien in der Stadt ganz unmittelbar wichtig ist.
Zum Angebot gehören das Seniorenpflegeheim Augustenhilfe in Ebingen und das Pflegeheim im Seniorenzentrum Albstadt-Tailfingen. Vollstationäre Pflege bietet die Stiftung an den drei Standorten Haus Sonnenstraße, Haus am Waisenwegle und Haus Ulrichstraße an. Gemeinsam mit der Wohnungsbaugenossenschaft Tailfingen gibt es außerdem betreutes Wohnen.
Neubau brachte zusätzliche Belastungen
Als Ursache der finanziellen Schieflage nennt die Stiftung die steigenden, branchenüblichen Kosten in der Pflege. Hinzu kamen Verluste bei der Inbetriebnahme des ersten Bauabschnitts des Ersatzneubaus in der Ebinger Ulrichstraße, nicht vollständig gedeckte Baukosten sowie Personalvorhaltekosten für den zweiten Bauabschnitt.
Der Neubau soll das Haus Sonnenstraße/Ulrichstraße ersetzen. Dieses kann langfristig nicht mehr für die Altenpflege genutzt werden. Die Belastungen aus dem Projekt und dem laufenden Betrieb ließen das Ergebnis zunehmend ins Minus rutschen; am Ende drohte die Zahlungsunfähigkeit.
Der Vorstand beantragte deshalb die Eigenverwaltung. Ziel ist eine Fortführungslösung für die Stiftung und die betroffenen Pflegeeinrichtungen. In der vorläufigen Eigenverwaltung kann die Leitung den Betrieb weiterführen, während ein Sanierungsteam verschiedene Optionen prüft und entwickelt.
Die 244 Beschäftigten wurden über das Verfahren informiert. Ihre Löhne und Gehälter für Oktober, November und Dezember 2026 sind durch vorfinanziertes Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit gesichert. Rechtsanwalt Christian Otto berät den Vorstand gemeinsam mit Michael Döhner, der zum Generalbevollmächtigten der Stiftung bestellt wurde. Thorsten Schleich bestellte das Amtsgericht Hechingen zum vorläufigen Sachwalter.
Im Alltag der Bewohner soll sich zunächst nichts ändern: Der Geschäftsbetrieb in der Seniorenpflege wird ohne Einschränkungen fortgeführt. Vorstand und kaufmännischer Leiter Torsten Marquardt erklärten, das Sanierungsverfahren solle eine wirtschaftliche Neuaufstellung ermöglichen und die weitere Versorgung der Bewohner sichern. Die Stadt Albstadt kündigte an, die Neuaufstellung der Augustenhilfe zu unterstützen.
Pflegebranche unter finanziellem Druck
Der Fall aus Albstadt steht nicht für sich allein. Der Report von insolvenzkarte.de, Stand September 2026, wertet Insolvenzen, Schließungen und Leistungseinschränkungen in der deutschen Pflege aus. Seit 2023 waren laut Arbeitgeberverband Pflege mehr als 1.264 Pflegeangebote von Insolvenz, Schließung oder Einschränkungen betroffen. Zum 31. Juli 2024 waren es 1.097 Angebote, bis Anfang 2025 stieg die Zahl auf über 1.200.
Bei den eröffneten Firmeninsolvenzen in Pflege und Betreuung weist der InsolvenzTracker 26 Verfahren für 2020 aus, 37 für 2021, 46 für 2022, 110 für 2023, 138 für 2024 und 106 für 2025. Bis zum 4. September 2026 kamen 97 hinzu. Seit 2020 ergibt das 560 Verfahren; in den zwölf Monaten bis September 2026 waren es 127 Fälle. Die Zahlen für 2025 und 2026 liegen zwar unter dem Rekord von 2024, bleiben aber auf hohem Niveau.
Allein im ersten Quartal 2026 meldeten 15 Betreiber mit insgesamt 18 Heimen und 1.192 Betten Insolvenz an. Bereits 2024 stellten mehr als 100 Pflegeunternehmen einen Insolvenzantrag, im Januar 2025 kamen 15 weitere hinzu. Eine Insolvenz bedeutet allerdings nicht automatisch das Aus: Rund 80 Prozent der insolventen Einrichtungen werden saniert oder von neuen Trägern übernommen.
Die wirtschaftliche Rechnung ist eng. Personalkosten machen bei vielen ambulanten Diensten etwa 75 Prozent der Gesamtausgaben aus. Die verpflichtende Tarifbindung erhöhte die Personalkosten bei manchen Diensten um bis zu 30 Prozent, während die Refinanzierung laut Report nicht im gleichen Tempo stieg. Pflegeheime brauchen etwa 98 Prozent Auslastung, um rentabel zu arbeiten. Ein paar freie Betten oder fehlendes Personal können da bereits ordentlich ins Gewicht fallen.
Für Bewohner und Angehörige ist außerdem der Eigenanteil gestiegen: Im ersten Aufenthaltsjahr lag er im Pflegeheim bei durchschnittlich 2.871 Euro monatlich, 211 Euro mehr als im Vorjahr.
Schließungen treffen die Versorgung
2024 wurden 497 Pflegeeinrichtungen dauerhaft geschlossen: 112 Pflegeheime, 274 Pflegedienste und 111 Tagespflegen. Dadurch gingen 5.596 vollstationäre Pflegeplätze und 1.409 Tagespflegeplätze verloren; die ambulante Versorgung für 15.926 Patienten fiel weg. Gleichzeitig eröffneten 111 neue Heime und 569 neue Pflegedienste.
Im Jahr 2025 schlossen 72 Pflegeheime, 317 Pflegedienste und 80 Tagespflegen. Verloren gingen dadurch 5.711 vollstationäre Plätze sowie die ambulante Versorgung für rund 24.398 Patienten. Von Januar bis Juli 2026 wurden 42 Pflegeheime, 266 Pflegedienste und 81 Tagespflegen geschlossen. In diesem Zeitraum fielen 2.878 vollstationäre Plätze, 1.028 Tagespflegeplätze und die ambulante Versorgung für 16.342 Patienten weg.
Regional zeigt sich die Entwicklung unterschiedlich. In Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der Pflege-Insolvenzen 2023 auf 130, nachdem es 2022 noch 26 gewesen waren. Darunter waren 48 vollstationäre Heime, 30 teilstationäre Angebote, 47 ambulante Dienste und fünf Kurzzeitpflegen.
Niedersachsen verzeichnete 2024 im Gesundheits- und Sozialwesen 72 Insolvenzen. Betroffen waren 2.102 Arbeitsplätze – das entsprach 13,5 Prozent aller durch Insolvenzen gefährdeten Stellen im Land. Durchschnittlich waren rund 29 Beschäftigte je betroffenem Betrieb beteiligt, gegenüber 8,5 über alle Branchen hinweg. In Bayern stiegen die Insolvenzen im Gesundheits- und Sozialwesen im ersten Halbjahr 2024 um 69,2 Prozent: 44 Verfahren gegenüber 26 im Vorjahreszeitraum, mit 6.258 betroffenen Beschäftigten.
Große Betreiber, große Folgen
Wie weit die Auswirkungen reichen können, zeigen mehrere größere Fälle. Die Argentum Pflege Gruppe beantragte am 1. April 2025 Insolvenz. Betroffen waren rund 2.800 Mitarbeitende und etwa 2.000 Bewohner, 39 Pflegeheime mit 3.764 Plätzen sowie insgesamt rund 60 Standorte.
Bei Ambiente Care Süd wurde am 1. Mai 2026 am Amtsgericht München das Insolvenzverfahren eröffnet. Betroffen waren sechs bis sieben Einrichtungen in vier Bundesländern; genannt wurden rund 585 bis 740 Beschäftigte und Bewohner. Einzelne Standorte wurden geschlossen, andere von neuen Betreibern übernommen.
Die Domus Cura Pflegezentrum Hildesheim GmbH beantragte im Februar 2026 Insolvenz. Seit 11. Februar lief ein vorläufiges Verfahren, am 14. März übernahm die SWB care GmbH den Betrieb. Auch Pflegekonzerne mit mehr als 2.000 Beschäftigten gehörten 2025 zu den größeren Insolvenzfällen.
Zwischen 2020 und 2024 meldeten in Deutschland 88 Krankenhäuser und Kliniken Insolvenz an. Für 2023 nennt der Report 34 Fälle, für 2024 23. In den Jahren 2018 und 2019 waren es jeweils etwa zehn.
Mehr Pflegebedarf, weniger Spielraum
Der Druck wächst auch deshalb, weil immer mehr Menschen Pflege benötigen. Ende 2023 waren in Deutschland 5,69 Millionen Menschen pflegebedürftig – innerhalb von zwei Jahren nahm ihre Zahl um 730.000 beziehungsweise 15 Prozent zu. Bis 2035 werden rund 5,6 Millionen Pflegebedürftige erwartet, bis 2055 könnte die Zahl auf 6,8 Millionen steigen, etwa 37 Prozent mehr als 2021.
Gleichzeitig könnten bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen. Wegen des Personalmangels können vorhandene Pflegeplätze teilweise nicht belegt werden. Für Einrichtungen entsteht dadurch ein ungünstiger Kreislauf: Der Bedarf ist da, aber leere Betten und fehlende Mitarbeitende drücken auf die Einnahmen.
Auch außerhalb der Pflege ist die Lage angespannt. Im zweiten Quartal 2026 meldeten laut IWH knapp 5
