Olympia 2036: Zwischen Stadtumbau, Wohnungsdruck und Milliardenrisiko
Deutschland könnte die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 ausrichten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) befürwortet eine Bewerbung und will im Herbst entscheiden, mit welchem Konzept er in das Auswahlverfahren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geht. Erstmals seit München 1972 würde Deutschland damit wieder offiziell um die Spiele werben.
Im Rennen sind München, Berlin und die Region Köln-Rhein-Ruhr. Kiel könnte als Segelstandort eingebunden werden. In München und in der Region Köln-Rhein-Ruhr stimmten Bürger für eine Bewerbung, in Kiel votierte eine Mehrheit für die Beteiligung als Segelstandort. Hamburg lehnte Olympia am 31. Mai 2026 mit knapp 55 Prozent Nein-Stimmen ab, gut 45 Prozent stimmten dafür. In keinem der sieben Hamburger Bezirke gab es eine Mehrheit für die Bewerbung. Eine Bürgerbefragung in Berlin ist aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht möglich.
Teure Spiele, unsichere Versprechen
Olympische Spiele kosten viel Geld: Sportstätten müssen gebaut oder erweitert werden, dazu kommen das Olympische Dorf und Infrastruktur wie der öffentliche Nahverkehr. Bezahlt wird das von der Gastgeberstadt, dem Bundesland und dem Bund. Die Hoffnung, dass sich solche Ausgaben langfristig durch Wirtschaftswachstum oder zusätzliche Touristen rechnen, ist laut dem Artikel von Quarks allerdings nicht belegt.
Befürworter verweisen auf mögliche Aufträge für Handel, Hotellerie und Gastronomie. Die Handwerkskammer sieht Chancen für Handwerksbetriebe und Beschäftigung. Politikberater Erik Flügge hält es für möglich, dass Olympia Infrastrukturprojekte beschleunigt. Ein nachhaltiger gesamtdeutscher Wachstumsschub ist aus Sicht des ifo-Ökonomen Klaus Wohlrabe jedoch nicht zu erwarten. Frühere Effekte seien lokal begrenzt und nicht langfristig gewesen, ein allgemeiner „Olympia-Booster“ historisch kaum belegbar.
Hinzu kommt die leidige Rechnung mit den Großprojekten: Kosten werden häufig zu niedrig angesetzt, Baukostensteigerungen und Inflation machen langfristige Kalkulationen unsicher. Die ursprünglich veranschlagte Summe werde voraussichtlich nicht ausreichen, sagt Wohlrabe. Eine Bewerbung sei deshalb nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine politische und emotionale Entscheidung.
Wie stark eine deutsche Gastgeberstadt tatsächlich profitieren würde, lässt sich ohnehin nicht zuverlässig vorhersagen. Frühere Austragungsorte sind nur eingeschränkt vergleichbar. Entscheidend wäre, ob Investitionen nach den Spielen sinnvoll genutzt werden und zu den Bedürfnissen der Einwohner passen. München zeigt zumindest, dass es funktionieren kann: Der Olympiapark und das Olympische Dorf von 1972 werden weiterhin genutzt, das Dorf unter anderem als Studentenwohnanlage. London investierte für die Spiele 2012 umfangreich in Wohnraum.
Wohnraum, Wege und die Stadt danach
In Köln ist im Norden der Stadt, in Kreuzfeld, ein Olympisches Dorf geplant. Dazu soll ein temporäres Leichtathletikstadion kommen, später ein nachhaltiges Wohnquartier. Befürworter hoffen außerdem auf Investitionen in Grünanlagen, den öffentlichen Nahverkehr, Sportangebote für Kinder und Jugendliche sowie Barrierefreiheit.
Der Haken liegt dort, wo er bei großen Stadtprojekten gern liegt: bei den Mieten. Kritiker warnen vor steigenden Immobilienpreisen in Olympiastädten. Sportwissenschaftler Benjamin Bendrich hält es für möglich, dass einkommensschwächere Menschen aus den Innenstädten verdrängt werden. Jörg Detjen von „NOlympia Colonia“ befürchtet zudem, geplante Kölner Wohnungsbau- und Stadtentwicklungsprojekte könnten wegen Olympia zurückgestellt werden – und dadurch Wohnraum verloren gehen.
Berlin setzt nach den Angaben von Arne Westermann darauf, bestehende Sportstätten zu modernisieren, statt neue Anlagen zu bauen. Die entstehende Infrastruktur könnte dann über Jahrzehnte genutzt werden. Auch die deutschen Bewerbungen insgesamt setzen auf vorhandene Sportstätten, temporäre Stadien, einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und kurze Wege zwischen den Wettkampfstätten.
Der BUND kritisiert allerdings, dass in den Bewerbungskonzepten konkrete Maßnahmen zur Begrenzung der Umweltfolgen fehlen. Nach Einschätzung des Verbands wären die Auswirkungen auf Mensch und Natur, Klima, Stadtentwicklung, Wohnungsmarkt und Verkehr voraussichtlich überwiegend negativ.
Stimmung, Medaillen und ein ziemlich teures Fest
Olympia kann die Stimmung im Gastgeberland kurzfristig heben. Typischerweise verläuft sie in einer Wellenform: Vor den Spielen sinkt sie häufig, weil Bauarbeiten und Vorbereitungen belasten. Während der Wettbewerbe steigt sie, danach bleibt sie einige Monate erhöht und fällt später wieder ab. Ein gemeinsames Großereignis kann nach mehreren Krisenjahren einen Moment der Entlastung schaffen – etwas, das sich nicht allein an BIP-Zahlen messen lässt.
Erik Flügge erwartet möglicherweise positive Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch Klaus Wohlrabe hält eine Verbesserung des Images der ausrichtenden Stadt für möglich. Arne Westermann erinnert an die Fußball-WM 2006: positive Erinnerungen, gemeinsames Feiern und das Gefühl von Weltoffenheit. Besucher gehen schließlich nicht nur ins Stadion, sondern auch in Restaurants, Bars und Hotels. Davon könnten neben Berlin auch Orte im Umland wie Potsdam profitieren.
Westermann zufolge würde Berlin durch Olympische Sommerspiele langfristig international sichtbarer. Die Medienpräsenz könne noch Jahrzehnte relevant bleiben, mittelfristig könnte Berlin als Reiseziel attraktiver werden. Kurzfristig würden Besucher aus aller Welt Einnahmen für die Berliner Wirtschaft und das Land Berlin bringen.
Für Paris stellte der französische Rechnungshof einen zusätzlichen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um etwa 0,07 Prozent fest – rund 1,9 Milliarden Euro. Auf Deutschland übertragen wären das mehr als 3 Milliarden Euro. Das klingt stattlich, sagt aber noch nichts darüber aus, wer die Einnahmen erhält und wer am Ende die Rechnung trägt.
Das Berliner Finanzierungskonzept orientiert sich stark an Paris. Es gibt drei Hauptbereiche: Das Games Organisation Budget umfasst Organisation und Durchführung. Es soll durch Marketing, Merchandising, Ticketing und weitere Einnahmen gedeckt werden und leicht positiv ausfallen. Das Urban Development Budget betrifft Investitionen in die Stadtentwicklung und soll wegen der Modernisierung vorhandener Sportstätten vergleichsweise niedrig bleiben. Das Public Organisation Budget umfasst öffentliche Ausgaben für die Durchführung, vor allem Sicherheitsmaßnahmen.
Wie hoch dieser öffentliche Posten wird, lässt sich derzeit nicht seriös bestimmen. Niemand weiß, wie die Sicherheitslage und mögliche Bedrohungen in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 aussehen. In Paris lagen die Ausgaben für diesen Bereich bei etwa 3 Milliarden Euro, davon entfielen rund 1,4 Milliarden Euro auf Sicherheit. Ursprünglich waren für die öffentlichen Kassen 2,5 Milliarden Euro eingeplant, tatsächlich beliefen sich die Kosten laut Interview auf etwa 6,6 Milliarden Euro.
Großprojekte seien wegen ihrer hohen Komplexität, vieler unsicherer Faktoren, der Inflation sowie unklarer Personal- und Investitionskosten in der Zukunft schwer zu kalkulieren, erklärt Westermann. In Deutschland lag die durchschnittliche Inflationsrate in den vergangenen zehn Jahren laut seiner Einschätzung bei etwa 2,5 bis 2,6 Prozent. Ob sie in den kommenden Jahren ähnlich ausfällt, ist offen.
Nachhaltigkeit auf dem Papier und in der Luft
Das IOC versucht nach eigenen Angaben, die Umweltbelastungen der Spiele zu reduzieren. In Paris wurde der CO₂-Fußabdruck laut Artikel etwa halbiert – durch die Nutzung vorhandener Sportstätten, nachhaltige Materialien wie Holz und lokal erzeugte Lebensmittel. Benja Faecks von Carbon Market Watch bewertete die Standards bei den Neubauten positiv; die Emissionen pro Kubikmeter hätten nationale Vorgaben übertroffen.
Ganz sauber bleibt die Bilanz trotzdem nicht. Der öffentliche Nahverkehr in Paris wurde teurer. Die Emissionen der Anreise vieler Fans, besonders mit dem Flugzeug, wurden nicht untersucht. Genau dort wird es schnell unangenehm: Ein temporäres Stadion ist das eine, tausende Flugreisen rund um die Welt etwas anderes.
Auch die Verträge sorgen für Streit. Olympia-Gegner kritisieren die Vereinbarungen, die Austragungsstädte mit Sportverbänden abschließen müssten. Jörg Detjen nennt sie „Knebelverträge“. Als Beispiel verweist er auf die Fußball-EM 2024 in Deutschland: Städte hätten Stadien günstig an Verbände vermietet, während die Sportverbände hohe Gewinne erzielt hätten.
Sportlich ist der Heimvorteil dagegen gut dokumentiert. Gastgeberländer gewinnen nachweislich mehr Medaillen, wenn die Spiele im eigenen Land stattfinden. Ein Grund
