Bauvorbescheid für Mathäser-Areal: Münchens Stachus steht vor einem tiefgreifenden Wandel
Am Münchner Stachus ist der Weg für einen möglichen Abschied des Mathäser Filmpalasts frei: Die Stadt hat der Eigentümerin des Grundstücks an der Bayerstraße 3–5 einen Bauvorbescheid erteilt. Das Areal gehört einer Tochterfirma der Zurich Versicherung. Damit darf das Kino grundsätzlich abgerissen werden – gebaut ist damit allerdings noch lange nichts.
Der Mathäser Filmpalast hat 14 Säle und fast 4.000 Sitzplätze. Er wurde erst 2003 eröffnet. Geplant ist an seiner Stelle ein neues Quartier mit Büroflächen, Wohnungen, Einzelhandel und Kultureinrichtungen. Auch ein kleineres Kino könnte dort möglicherweise wieder Platz finden. Der Mietvertrag mit dem Betreiber Kinopolis läuft laut Süddeutscher Zeitung bis 2033.
Vorbescheid trotz Kritik im Stadtrat
Die Lokalbaukommission des Planungsreferats stellte bereits im April eine rechtsverbindliche Vorstufe zur Baugenehmigung aus. Der Stadtrat hat auf die Erteilung eines solchen Bauvorbescheids rechtlich keinen Einfluss. Die Politik kann allerdings gegenüber den Investoren städtische Interessen vertreten und mögliche Anpassungen anregen.
Ganz geräuschlos ging der Vorgang deshalb nicht über die Bühne. Die CSU forderte eine Einbindung des Stadtrats, die Grünen verlangten eine Veränderungssperre für das Areal. SPD-Vizefraktionschefin Kathrin Abele bedauerte den wahrscheinlichen Abriss. Gerade weil das Kino noch vergleichsweise jung ist, sorgt die Sache für Stirnrunzeln.
Ein Abriss und Neubau würden wegen des damit verbundenen CO₂-Ausstoßes als nicht nachhaltig eingestuft. Rund um den Karlsplatz, meist Stachus genannt, prägen ohnehin schon Baustellen und Leerstände das Bild. Zwischen Absperrgittern, Umleitungen und den üblichen Geräuschen einer Münchner Innenstadt wirkt jedes weitere Großprojekt schnell wie noch ein Brett obendrauf.
Frühestens in den 2030er-Jahren
Vorgesehen sind Abriss und Neubau frühestens in den 2030er-Jahren. Derzeit wird noch geprüft, ob das Neubauprojekt tatsächlich umgesetzt werden kann. Der Bauvorbescheid klärt also eine wichtige rechtliche Grundlage, ersetzt aber weder die weiteren Planungen noch eine spätere Baugenehmigung.
Das Vorhaben fällt in eine Innenstadt, die sich ohnehin neu sortieren muss. München arbeitet mit dem Innenstadtkonzept „Innenstadt weiterdenken“ an einer nachhaltigen und koordinierten Weiterentwicklung. Das Konzept wurde ab 2022 vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung gemeinsam mit Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung erarbeitet. Der Stadtrat beschloss die Fortschreibung als integriertes Handlungsraumkonzept am 29. April 2026. Der Planungshorizont reicht rund 20 Jahre.
Mehr als Handel und Büros
Die Innenstadt wird dabei als fließender Raum ohne streng definierte Grenzen verstanden. Zum Untersuchungsgebiet gehören die Altstadt, der Hauptbahnhof und sein Umfeld, das Kunstareal und die Universitäten, der Englische Garten, die innerstädtische Isar sowie Verbindungen nach Haidhausen. Kreativquartier und Großmarktareal liegen nicht direkt darin, werden wegen ihrer räumlichen Nähe und Verflechtungen aber mitgedacht. Digitale Karten zeigen Transformationsräume, Analyse- und Fazitkarten sowie den Innenstadtentwicklungsplan.
Das Leitbild klingt für das Mathäser-Areal durchaus vertraut: Wohnen, Einzelhandel und Dienstleistungen, Wirtschaft und Arbeit, Kultur- und Kreativwirtschaft, Bildung, Forschung und Wissenschaft, Gastronomie und Tourismus sollen sich mischen. Auch urbane Produktion, Kunst, alternative Kultur und Nachtkultur gehören dazu. Vorgesehen sind außerdem sogenannte „Dritte Orte“, bezahlbare Wohnangebote, nachhaltige Mobilität, Barrierefreiheit, vielfältige Grün- und Freiräume, Aufenthaltsorte für alle und multifunktionale Räume.
Gleichzeitig setzt das Konzept einen deutlichen Akzent auf den Bestand. Zu den übergeordneten Rahmenbedingungen zählen Klimaanpassung und Klimaneutralität, eine bessere Grünausstattung, nachhaltige Innenentwicklung und der Erhalt bestehender Bausubstanz. Ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte sollen gemeinsam berücksichtigt werden. Offen für Neues sein, aber Qualitäten und Identitäten der Quartiere bewahren – so lautet der Leitgedanke.
Für den öffentlichen Raum sind sichere und barrierefreie Wege, eine bessere Lebensqualität für Bewohnerinnen, Bewohner und Besucher, eine Neuverteilung der Flächen sowie Klimaanpassungsmaßnahmen vorgesehen. Nachhaltige Mobilität soll auch den Wirtschaftsverkehr zum Laden, Liefern und für Dienstleistungen einschließen. Bei den Nutzungen geht es um anpassungsfähige Mischungen, die Stärkung von Einzelhandel, Gastronomie und Kultur- und Kreativwirtschaft, flexible Kombinationen von Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Erholung und Aufenthalt sowie die Einbindung von Kleingewerbe und Handwerk.
Vier Strategiefelder bündeln die Ziele: übergeordnete Rahmenbedingungen, innerstädtische Gestaltung, innerstädtische Nutzungsvielfalt sowie Querschnittsthemen. Digitalisierung und digitale Infrastruktur, regionale und internationale Vernetzung sollen in die übrigen Felder einfließen. Umgesetzt werden soll das Konzept vor allem über ausgewiesene Transformationsräume, das Innenstadtmanagement und den Innenstadtentwicklungsplan, der langfristig räumliche Orientierung geben soll.
Der Stachus als Teil eines größeren Umbaus
Der Bereich zwischen Hauptbahnhof, Stachus und Altstadt ist im Konzept ausdrücklich als Transformationsraum angelegt. Der Hauptbahnhof ist eine zentrale Mobilitätsdrehscheibe mit rund 450.000 Fahrgästen täglich und wird seit 2019 umfassend renoviert und neugestaltet. Auch der Bahnhofsvorplatz soll ein neues Erscheinungsbild bekommen. Zum Raum gehören die Verbindung über den Bahnhofsplatz zum Stachus und zur Altstadt, das Südliche Bahnhofsviertel sowie nördliche Bereiche mit Verbindung zum Kunstareal.
Das Projekt „Lebendiges Hauptbahnhof-Umfeld“ soll im Rahmen der Internationalen Bauausstellung München zur Attraktivität und Belebung beitragen. Das Südliche Bahnhofsviertel ist von unterschiedlichen Nutzungen, Branchen und Bevölkerungsgruppen geprägt; eine Konzeptstudie zu den dortigen Herausforderungen entstand bereits 2016.
Auch der Altstadtring spielt hinein. Er verbindet zentrale Achsen und Knotenpunkte wie Karlsplatz, Sendlinger-Tor-Platz, Isartorplatz und Lenbachplatz, wirkt durch den autogerechten Ausbau der 1960er- und 1970er-Jahre aber teilweise als Barriere. Geprüft beziehungsweise vorgesehen sind Entsiegelung, mehr Fuß- und Radverkehr, Begrünung, Klimaanpassungsmaßnahmen und eine höhere Aufenthaltsqualität. Verbindungen bestehen zum Freiraumquartierskonzept Innenstadt, insbesondere zu den Fokusräumen „Boulevard Sonnenstraße“ und Grünfläche an der Herzog-Wilhelm-Straße.
Die Ziele des Innenstadtkonzepts reichen noch weiter: Die Altstadt soll als kulturelles Zentrum mit historisch gewachsener, dichter Bebauung, Gassen und Passagen lebendig bleiben. Online-Handel und Immobilienentwicklung verändern die Geschäftslagen, zugleich verstärkt die dichte Bebauung den Wärmeinseleffekt und die Hitzebelastung. Behutsame Veränderungen sollen neue Angebote für Arbeiten, Freizeit, Tourismus, Nachtkultur, Kultur und Bildung ermöglichen. Als wichtige Bereiche nennt das Konzept unter anderem Georg-Kronawitter-Platz, Tal und Max-Joseph-Platz.
Im Kunstareal treffen Museen, Galerien, Hochschulen und Kulturinstitutionen aufeinander. Der Ideenwettbewerb „Open Kunstareal“ zielte auf mehr Aufenthaltsqualität und einen großen innerstädtischen Garten. Klimaresiliente Vegetationsstrukturen, innovative Möblierung, Eingangsportale, bessere Orientierung sowie fußgänger- und fahrradfreundliche Infrastruktur sollen das Areal stärker an Altstadt und Hauptbahnhof anbinden. Für die Freiflächen liegt ein gesonderter Masterplan von Vogt Landschaftsarchitekten vor.
Am Gasteig an der Rosenheimer Straße ist eine architektonische Weiterentwicklung und technische Modernisierung geplant. Langfristig soll er als kulturelles Zentrum mit breitem Veranstaltungsangebot dienen. Zweibrückenstraße und Ludwigsbrücke verbinden die Innenstadt mit den östlichen Stadtteilen. Die innerstädtische Isar wird als Natur- und Erholungsraum, klimaresiliente und ökologische Struktur sowie als eng mit den Quartieren verbundener Raum betrachtet. Grundlage ist unter anderem die „Rahmenplanung für die innerstädtische Isar“.
Ein Konzept mit langer Vorgeschichte
Das Münchner Innenstadtkonzept wurde erstmals 1989 erstellt und 1991, 1996 sowie 2006 fortgeschrieben. Im Kern geht es weiterhin darum, die Urbanität der europäischen Stadt mit ihrer Mischung aus Handel, Arbeit, Wohnen und Kultur zu erhalten. Die Innenstadt soll ein wichtiger Identifikationsraum der Stadtgesellschaft bleiben. Klimawandel, veränderter Handel, Verkehrswende, Nutzungskonflikte, soziale und demografische Entwicklungen sowie Digitalisierung machen die Aufgabe inzwischen komplizierter. Die Coronapandemie hat die Herausforderungen für die Altstadt zusätzlich verstärkt und beschleunigt.
Die Öffentlichkeitsbeteiligung lief von 2022 bis 2024 unter dem Motto „Innenstadt weiterdenken“. Bürgerinnen und Bürger konnten online mitmachen, es gab Dialogveranstaltungen, Workshops, Kinder- und Jugendformate sowie eine Ausstellung im PlanTreff. 2024 reichte das Programm von der Kinderbeteiligung im Lehel im Projekt „Ran an den Stadtteilkoffer“ über Gespräche zu Kosten, Aufenthaltsqualität, Trinkbrunnen, öffentlichen Toiletten, Spiel- und Sportangeboten bis zu Diskussionen über neue Nutzungen, Proberäume auf Einzelhandelsflächen, „Dritte Orte“ und soziale Themen. Die Ausstellung „Innenstadt weiterdenken!“ war vom 5. März bis 27. Juni im PlanTreff zu sehen, am 27. Juni gab es die Finissage.
2023 standen unter anderem Einzelhandel, Wirtschaft und Zukunft der Innenstadt, Wissenschaft, Innovation und Bildung sowie Kunst und Kultur auf dem Programm. Besprochen wurden längere Öffnungszeiten, generationengerechtes Leben, kreatives Handwerk, Nach- und Umnutzungen, Lernhubs, Austauschtische, zeitgenössischere Architektur, die Umnutzung von Kauf- und Parkhäusern und mehr Offenheit im öffentlichen Raum. Ein Bürgerinnen- und Bürgerworkshop thematisierte Sorgen über fehlende Diversität, den Rückgang des Einzelhandels und Verödung; bewahrt werden sollten Vielfalt, Bauhöhe, Erreichbarkeit, finanzierbare Gastronomie und Straßenparkplätze. Jugendworkshop und Schulklassenprogramm liefen vom 27. Januar bis 26. März. Die Beteiligungsphase ist abgeschlossen.
Bereits 2022 gab es vom 27. Oktober bis 18. November eine Online-Beteiligung. Den Auftakt bildeten am 27. Oktober eine digitale Veranstaltung mit Informationen zum Handlungsraumkonzept, Impulsvorträgen und Podiumsdiskussion sowie am 8. November eine Veranstaltung im PlanTreff zu Zukunftsbild und aktuellen Projekten. Für die Fortschreibung erhielt München Mittel aus dem Bayerischen Städtebauförderungsprogramm, Sonderfonds „Innenstädte beleben“. Aus der EU-Initiative REACT-EU EFRE Bayern wurden außerdem die Einrichtung des Innenstadtmanagements und die Erstellung eines „digitalen Zwillings“ gefördert.
Das Innenstadtmanagement arbeitet referatsübergreifend mit strategischer und räumlicher Stadtentwicklungsplanung, Stadtplanung, Grün- und Freiraumplanung sowie Digitalisierung und Geodatenmanagement. Gemeinsam mit Verwaltung, Stadtgesellschaft, Politik und weiteren Akteurinnen und Akteuren soll es das Konzept, die Transformationsräume und Maßnahmen voranbringen. Kontakt: innenstadt.management@muenchen.de.
Ob am Bayerischen Platz – pardon, an der Bayerstraße – am Ende tatsächlich Bagger anrücken, bleibt offen. Frühestens in den 2030er-Jahren wäre es so weit. Bis dahin läuft im Mathäser weiter der Kinobetrieb, während München über Bestand, neue Nutzungen, Klimaanpassung und die Frage streitet, wie viel Innenstadt sich verändern muss, ohne ihr Gesicht zu verlieren.
