Im Ural-Dorf Kytlym liegt im Berg Koswinski Kamen ein geheimer Militärkomplex: „Objekt 1335“. Was dort gebaut wird, ist von außen kaum zu sehen. Unter dem Fels aber soll Russland seine nukleare Kommandoinfrastruktur massiv erneuert haben – und zwar zwischen 2018 und 2024.

Belegt wird das durch eine gemeinsame Recherche von Danwatch, der Sunday Times und dem Dossier Center. Im Mittelpunkt steht „Perimetr“, im Westen als „Tote Hand“ bekannt. Das System soll nach einem Enthauptungsschlag, bei dem die politische und militärische Führung ausgeschaltet wird, einen nuklearen Vergeltungsschlag ermöglichen.

Stahl, Zement und hunderte Kilometer Kabel

Die ausgewerteten Beschaffungsakten lesen sich wie die Einkaufsliste für eine unterirdische Stadt. Beschafft wurden 22.000 Tonnen Stahl – ungefähr das Gewicht von drei Eiffeltürmen –, dazu 56.000 Tonnen Zement für besonders widerstandsfähige Tunnelwände und mehr als 600 Kilometer Elektrokabel.

Hinzu kamen schwere Bohrmaschinen, Belüftungsanlagen für Minen sowie Schutzkleidung und Ausrüstung gegen chemische und radioaktive Stoffe. Der Tunnelkomplex soll so groß sein, dass dort Busse eingesetzt werden können. Haupt- und Notausgänge liegen rund 2,5 Kilometer voneinander entfernt. Das ist kein kleiner Umbau nebenbei, sondern ein Bauprojekt, bei dem selbst der Ausdruck „enorm“ fast zu knapp wirkt.

Per Goltermann von der Technischen Universität Dänemark bezeichnete das Vorhaben als „enormes Bauprojekt“. Der Stanford-Experte Jeffrey Lewis vermutet, Russland nehme „Perimetr“ möglicherweise wieder vollständig in Betrieb. Präsident Wladimir Putin hatte bereits 2020 öffentlich vom Aufbau eines „absolut sicheren“ Kommandosystems für die strategischen Nuklearstreitkräfte gesprochen.

Auch zivile Schutzstrukturen werden in Russland ausgebaut. In Moskau und Sankt Petersburg fließen Millionen Rubel in die Sanierung alter Luftschutzräume. Während irgendwo Beton in bröckelnde Keller kommt, verschwindet im Ural neuer Stahl tief im Berg.

Die „Tote Hand“ und die Angst vor dem Enthauptungsschlag

„Die Tote Hand“ – englisch „Dead Hand“, russisch „Mjortwaja ruka“ – ist offiziell „Perimetr“, ein sowjetisches und russisches Führungssystem für Atomwaffen. Es sollte die Zweitschlagfähigkeit der sowjetischen Atomstreitkräfte sichern: Wird die Führung ausgeschaltet, soll die Freigabe von Atomwaffen trotzdem möglich bleiben.

Der Hintergrund entstand in den 1980er Jahren. Immer präzisere U-Boot-gestützte ballistische Interkontinentalraketen, sogenannte SLBM, veränderten die strategische Lage. Landgestützte Interkontinentalraketen, ICBM, und Nuklearwaffen von Bombern galten zuvor als besonders zielgenau. Frühe US-SLBM wie Polaris und Poseidon waren dagegen für Angriffe auf gegnerische Atomwaffen und Führungseinrichtungen als zu ungenau angesehen worden. Sie sollten vor allem Bevölkerungszentren treffen, bei denen die Zielgenauigkeit weniger entscheidend war.

Ein Gegner mit Radar- und Satellitenüberwachung konnte damals ungefähr 30 Minuten zwischen Raketenstart und Einschlag einplanen. Das ließ einen Gegenschlag nach dem Prinzip „Launch on warning“ zu und machte einen erfolgreichen Erstschlag wenig wahrscheinlich.

Mit den US-amerikanischen Trident-C4- und Trident-D5-SLBM wurde es enger. Die Trident D5 wurde ab 1983 entwickelt, 1990 in Dienst gestellt und erreichte eine Genauigkeit von etwa 90 Metern CEP50. US-amerikanische und britische U-Boote konnten sich verdeckt den Küsten nähern und die Vorwarnzeit auf unter drei Minuten verkürzen. Angriffe auf militärische Einrichtungen und Führungsstrukturen, einschließlich eines Enthauptungsschlags, wurden damit denkbar.

Militärstrategen hielten es für plausibel, dass ein Staat einen Erstschlag erwägen könnte, wenn er glaubte, die gegnerische Führung ausschalten zu können. Die Sowjetunion entwickelte deshalb Vorkehrungen für einen nuklearen Vergeltungsschlag. „Perimetr“ wurde im Januar 1985 in Dienst gestellt.

Was im Ernstfall passieren soll

Fernmeldeverbindungen zwischen der sowjetischen Führung, dem Generalstab und militärischen Einrichtungen wie Radarstationen, Raketensilos und Kommandozentralen wurden rund um die Uhr überwacht. Wurden Atomexplosionen auf sowjetischem Gebiet festgestellt oder fielen die Verbindungen unerwartet aus, konnten auch vergleichsweise rangniedrige Offiziere ohne Zustimmung höherer Gefechtsstände die Freigabe von Atomwaffen erteilen.

Ein Bericht der New York Times von 1993 beschrieb das vermutete Funktionsprinzip so: In einer Krise sollte eine verschlüsselte Nachricht aus Militärdienststellen das System in unterirdischen Bunkern aktivieren. Sensoren sollten einen möglichen Atomangriff auf Moskau erkennen. Gleichzeitig sollte „Perimetr“ feststellen, ob die Verbindungen zu den höchsten militärischen Kommandostellen abgebrochen waren.

Danach sollten spezielle Raketen starten und aus großer Höhe über strategischen Raketenstellungen und anderen Militäranlagen Funksignale mit Angriffsbefehlen übertragen. Diese Befehle sollten an strategische Raketen, Bomberverbände und über Funkrelais an Atom-U-Boote auf See weitergegeben werden. Laut dem zitierten Experten Bruce Blair könnten zahlreiche russische Raketen in Bunkern und auf mobilen Startgeräten automatisch gestartet werden.

Ganz ohne menschliche Kontrolle ist das System entgegen früheren Darstellungen offenbar nicht. Eine ursprünglich geplante Vollautomatisierung wurde als zu gefährlich verworfen. Als letzte Kontrolle ist weiterhin eine menschliche Freigabe aus einem Militärbunker erforderlich. Gerade an diesem Punkt wird es heikel: Generalmajor a. D. Viktor Khalin, Mitentwickler des ursprünglichen Systems und Leiter der Modernisierung ab 2005, schrieb, die russische Führung könne Vergeltung inzwischen „im automatisierten wie auch im automatischen Modus“ auslösen. Im Extremfall könnte damit kein menschlicher Eingriff mehr erforderlich sein.

Ein „Wired“-Artikel von 2009 deutete an, dass das System weiterhin existiere und betrieben werde. Der Oberbefehlshaber der russischen Strategischen Raketentruppen, Sergei Karakajew, bestätigte 2011, dass es voll einsatzbereit sei.

Signal in einer angespannten Zeit

Andy Weber, ehemaliger US-Verteidigungsstaatssekretär, führt den Ausbau unter anderem auf Putins Sorge vor Enthauptungsschlägen zurück. Der norwegische Sicherheitsexperte Tom Røseth betonte zugleich, dass „Perimetr“ für Vergeltung und nicht für einen Erstschlag ausgelegt sei. Er ordnete die Modernisierung in den angespannten Konflikt Russlands mit dem Westen ein und erklärte, das System werde dadurch erneut prioritär.

Der Kreml beantwortete Anfragen der drei recherchierenden Medien nicht. Das lässt die technischen Details an manchen Stellen im Schatten – passend zu einer Anlage, deren Eingänge 2,5 Kilometer auseinanderliegen und deren eigentliche Räume tief im Berg liegen.

Die größere europäische Sicherheitslage ist seit dem Jahr 2022 ohnehin eine andere. Tobias Bunde, Direktor für Forschung und Politik bei der Münchner Sicherheitskonferenz sowie Professor für Internationale Sicherheit an der Hertie School, James W. Davis, Direktor des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen, und Claudia Major, Senior Vice President für Transatlantische Sicherheit beim German Marshall Fund, schreiben als Co-Vorsitzende der European Nuclear Study Group, einer Arbeitsgruppe unabhängiger europäischer Nuklearexperten, von zwei Entwicklungen, die die Grundlagen europäischer Selbstzufriedenheit erschüttert hätten.

Die erste war Russlands Vollinvasion der Ukraine im Jahr 2022. Seitdem führt Russland neben dem konventionellen Krieg systematisch nukleare Drohungen – zur Begrenzung der westlichen Unterstützung für die Ukraine, zur Ausübung politischen Drucks und zur Absicherung militärischer Geländegewinne. Im Ural wird derweil weiter gebohrt, betoniert und verkabelt. Stand: 28.09.2026.