Im Osten Afghanistans hat die Regensburger Familie Erös kürzlich ihr Klinik-Bauprojekt besucht. Vor Ort informierte sie sich über den Stand der geplanten Klinik. Bevor dort jedoch gebaut werden konnte, musste zunächst ein Brunnen gegraben werden – eine unspektakuläre, aber entscheidende Voraussetzung für das Vorhaben.

Auch zu einem Spenden-Container gibt es Neuigkeiten: Die Stiftung der Familie hatte ihn Anfang 2026 nach Afghanistan geschickt. Nun ging es bei dem Besuch auch darum, sich über dessen weiteren Weg und die Verwendung vor Ort zu informieren.

Hilfe, die in Regensburg ihren Ausgang nimmt

Hinter dem Projekt steht die Kinderhilfe Afghanistan, eine 1998 gegründete private Initiative der Regensburger Familie Dr. Reinhard und Annette Erös sowie ihrer fünf erwachsenen Kinder Veit, Urs, Welf, Cosima und Veda. Unterstützt werden vor allem Kinder und Frauen – mit Bildungs- und Medizinprojekten in Afghanistan.

Reinhard Alois Erös, geboren am 4. Januar 1948 in Tirschenreuth, ist deutscher Aktivist, Entwicklungshelfer und ehemaliger Oberstarzt der Bundeswehr. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er die Kinderhilfe Afghanistan. Die Organisation unterstützt den Wiederaufbau in den ostafghanischen Provinzen unter anderem mit Dorf- und Oberschulen, Waisenhäusern, Krankenstationen, Computerausbildungszentren und Berufsschulen.

Seit 1987 engagiert sich Erös in Afghanistan. Während der sowjetischen Besatzung ließ er sich mehrere Jahre ohne Bezahlung von der Bundeswehr beurlauben und lebte bis Ende 1990 mit seiner Frau und vier kleinen Kindern in Peschawar, Pakistan. Als ärztlicher Leiter einer deutschen Hilfsorganisation arbeitete er im afghanischen Kriegsgebiet. Unter seiner Verantwortung wurden jährlich mehr als 100.000 Kranke und Verletzte, überwiegend Frauen und Kinder, in einfachen Höhlenkliniken medizinisch versorgt.

Weil es an Ärzten fehlte, gründete Erös außerdem eine Ausbildungsstätte für afghanische „Barfuß-Ärzte“. Mehrere Hundert junge Afghanen lernten dort, Kranke und Verletzte unter Kriegsbedingungen mit einfachen Mitteln zu behandeln.

Vom Soldaten zum Entwicklungshelfer

Sein Weg war zunächst ein militärischer. Von 1967 bis 1972 diente Erös als Soldat auf Zeit bei der Bundeswehr und war Offizier der Fernspähtruppe. Er absolvierte den Einzelkämpferlehrgang, erwarb das Fallschirmspringerabzeichen und wurde für automatische Fallschirmsprünge und Freifall ausgebildet.

Danach studierte er Medizin und Politikwissenschaft in Freiburg im Breisgau und Tübingen. Während des Studiums engagierte er sich im Ring Christlich-Demokratischer Studenten. Für eine Tätigkeit als Assistent eines Bundestagsabgeordneten unterbrach er sein Studium kurzzeitig.

1980 trat Erös erneut in die Bundeswehr ein, diesmal im Sanitätsdienst. Er war unter anderem Truppenarzt bei einer Gebirgsdivision, in München Bataillonskommandeur des Sanitätslehrbataillons 851 und später Leiter der Lehrgruppe A der Sanitätsakademie der Bundeswehr.

Ab 1981 arbeitete er während seines Urlaubs mehrfach mit internationalen Hilfsorganisationen in Krisen- und Katastrophengebieten – in Indien, Pakistan, Bangladesch, Ruanda und Osttimor. 1986 ließ er sich für vier Jahre ohne Bezahlung von der Bundeswehr beurlauben, um als Arzt einer Hilfsorganisation die Zivilbevölkerung im afghanischen Kriegsgebiet zu versorgen.

1992/93 nahm Erös als Kommandeur eines Sanitätsbataillons am ersten Blauhelmeinsatz der Bundeswehr in Kambodscha teil. Von 1996 bis 1998 lehrte er Sicherheitspolitik an der Führungsakademie der Bundeswehr. Von 1999 bis 2001 war er Kommandoarzt der Division Spezielle Operationen.

2002 ging Erös im Alter von 54 Jahren vorzeitig in den Ruhestand und widmet sich seither vollständig seiner Arbeit in Afghanistan. Regelmäßig bildet er deutsche Polizisten für Auslandseinsätze in Afghanistan aus. Er ist parteilos, gehört jedoch seit 2002 über die Liste der Ökologisch-Demokratischen Partei dem Kreistag des Landkreises Regensburg an.

Schulen, Kliniken und ein Familienunternehmen ohne Gehälter

Annette Erös, gelernte Lehrerin, gründete und leitete in Peschawar die „Europäische Schule“. Sechs Lehrerinnen aus fünf Ländern unterrichteten dort Kinder aus vier Kontinenten, darunter afghanische Flüchtlingskinder sowie Kinder von Mitarbeitern internationaler Hilfsorganisationen. Zehn Jahre später entstand daraus, noch während der Taliban-Herrschaft, die Friedensschule Peschawar für afghanische Flüchtlingsmädchen in Pakistan.

Nach dem Sturz der Taliban im Herbst 2001 konzentrierte die Kinderhilfe ihre Arbeit auf besonders gefährdete Ostprovinzen Afghanistans. Seit seiner vorzeitigen Pensionierung 2002 lebt und arbeitet Reinhard Erös jeweils ein halbes Jahr im Paschtunengebiet. Dort wurden bisher mehr als zwei Dutzend Friedensschulen, Waisenhäuser, Berufsschulen, Computerausbildungszentren und Basis-Gesundheitsstationen gebaut und ausgestattet.

Rund 1.500 afghanische Mitarbeiter erhalten regelmäßig Gehalt. Erös besucht die Projekte, überwacht die Arbeit und zahlt die Gehälter von Lehrern, Ärzten, Ingenieuren, Bauarbeitern und Schreinern persönlich aus. In Jalalabad unterhält die Kinderhilfe ein kleines Büro mit drei afghanischen Mitarbeitern, die Verwaltungsaufgaben zu ortsüblichen Löhnen erledigen.

Annette sowie die Söhne Veit, Urs und Welf unterstützen die Arbeit regelmäßig vor Ort. Cosima und Veda übernehmen Aufgaben in Deutschland, darunter Büroarbeit sowie die Vorbereitung von Vorträgen und Ausstellungen. Die siebenköpfige Familie arbeitet ehrenamtlich; sie erhält keine Gehälter, Spesen oder Aufwandsentschädigungen. Auch beschäftigt die Organisation in Deutschland keine hauptamtlichen oder bezahlten Mitarbeiter.

Reinhard Erös ist verheiratet und Vater von sechs Kindern; ein Sohn starb Ende der 1980er Jahre. Seit 2002 berichtete er in mehr als 3.000 Vorträgen weltweit über die humanitäre und politische Situation in Afghanistan. Über seine Arbeit wurden mehr als 1.000 Presseberichte veröffentlicht. Seit 2007 ist Erös als Vortragsredner über die Speakers Academy GmbH buchbar.

Spenden, Stiftung und ein Container aus dem Jahr 2026

Alle Projekte werden ausschließlich durch private Spenden finanziert. Anfangs übernahm die Caritas Regensburg Kontoführung und Buchhaltung. Nach der Gründung der gemeinnützigen Trutz-Erös-Kinderstiftung, benannt nach dem 1989 in Pakistan verstorbenen Sohn Trutz, gingen diese Aufgaben 2005 auf die Stiftung über. Verwaltungs- und Kontoführungsgebühren fallen weiterhin nicht an.

Der Anfang 2026 nach Afghanistan geschickte Spenden-Container gehört damit in eine lange Reihe praktischer Hilfsleistungen. Beim aktuellen Besuch der Familie ging es nicht nur um den Baufortschritt der Klinik, sondern auch um Neuigkeiten zu diesem Container. Und vor Ort zeigte sich einmal mehr, dass selbst der erste Schritt – ein Brunnen im staubigen Boden – Zeit, Arbeit und Geduld verlangt.

Erös und seine Frau informieren weltweit in Vorträgen und Seminaren über die Lage in Afghanistan. Seit dem 11. September 2001 riefen sie bei mehr als 3.000 Veranstaltungen zur Unterstützung Afghanistans auf. Veröffentlicht hat Reinhard Erös außerdem die Bücher Tee mit dem Teufel – Als deutscher Militärarzt in Afghanistan, Hoffmann & Campe, 2002, und Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen – eine deutsche Familie kämpft für Afghanistan, Hoffmann & Campe, 2008.

2006 erhielten Annette und Reinhard Erös das Bundesverdienstkreuz. Im Bauprojekt im Osten Afghanistans zählt derzeit trotzdem vor allem das Handfeste: Wasser, Material, Helfer – und eine Klinik, deren Grundstein inzwischen gelegt ist.